23. November 2017

Der Sternengucker von Sternenberg

Dirk Seidel lebt in Sternenberg – und seine grosse Leidenschaft sind die Sterne. Der Hobbyastronom ist überzeugt, dass die Wissenschaft in naher Zukunft Leben da draussen im Universum nachweisen wird.

Lesezeit 4 Minuten

Sternengucker Dirk Seidel erzählt von seinem grossen Hobby / Video: Elena Bernasconi

Hügel, Wiesen und Wälder so weit das Auge reicht, das Nebelmeer weit unten, ein allein stehendes, 200 Jahre altes Haus, das wackelt, wenn es stürmt: Hier, in Sternenberg im Zürcher Oberland, leben Dirk (50) und Judith Seidel (37) mit ihrer Tochter Lucie (3).

Vor dem Mietshaus mit angegliedertem Katzenrefugium steht ein Informationskasten mit der Aufschrift: «Sterne über Sternenberg». Darin ist zu lesen: «Der Nachthimmel in Sternenberg lässt tiefe Blicke ins Weltall zu. Die Sternwarte hier im Katzenrefugium ist auf die Fotografie des Himmels spezialisiert.» Unter dem Text ein Bild, das ein wenig an Tintenkleckse erinnert. Doch weit gefehlt: Das Foto zeigt eine zwei Milliarden Lichtjahre entfernte Galaxie. Dirk Seidel ist die Aufnahme mit seinem mittelgrossen Spiegelteleskop gelungen – nach 17-stündiger Belichtung.

Dirk Seidel beobachtet mit seinem Teleskop
Dirk Seidel beobachtet mit seinem Teleskop den Sternenhimmel.

Leben in einer Welt voller Sterne

Sterne und das Weltall faszinieren Seidel schon seit gut 40 Jahren. «Meine Familie war in den Ferien oft an der Costa del Sol in Spanien. Auf dem Balkon des Ferienhauses schaute ich mir mit meinem Vater die Milchstrasse durch ein Fernrohr an.» Schon als Schüler verschlang er Bücher zum Thema,und dank der Unterstützung der Grossmutter konnte er mit 13 Jahren sein erstes Teleskop kaufen.

«Die Neugierde auf das, was nicht greifbar ist, aber mit dem Fernrohr greifbar wird, war damals riesengross.» Heute ist es die Neugierde in Bezug auf das, «was da oben passiert und unmittelbar mit unserem Leben zu tun hat», die ihn nicht loslässt.

Neben seinem Haus hat sich der Hobbyastronom eine eigene Sternwarte gebaut.

Je mehr Kenntnisse er sich aneigne, desto klarer sei, wie Leben nach dem Urknall entstanden sei. «Es ist, wie wenn man aufs Meer schaut, das gross und wunderschön ist. Blickt man aber mit einer Taucherbrille unter die Oberfläche, erkennt man viel mehr.» Wenn Dirk Seidel über die Sterne spricht, ist es, als sei er in eine andere Sphäre abgetaucht. Ruhig, mit zugekniffenen Augen, formuliert er druckreife Sätze wie: «Eins, zwei, drei, vier, fünf – bei jedem fünften Stern lässt sich ein erdähnlicher Planet finden. Das kann man nachweisen. Es gibt also viel mehr Planeten als Sterne in der Milchstrasse. Auch Wasser findet man überall im Universum.» Seidel ist überzeugt, dass Wissenschaftler in den nächsten Jahren Leben da draussen in der riesigen Sternenwelt nachweisen werden.

Auf einer Ausfahrt lernte ich Sternenberg kennen – und fand es wunderschön.

Aufgewachsen ist Dirk Seidel in Darmstadt, wo er sich zum Augenoptikermeister und Kontaktlinsenspezialisten ausbilden liess. 2009 zog er nach St. Gallen, weil er ein Stellenangebot erhalten hatte. Dort lernte er in der Anpassungsberatung für Kontaktlinsen seine Frau kennen, eine Augenoptikerin.

Einige Monate später begegnete Dirk Seidel der zweiten Liebe: «Ich bin gern mit dem Velo unterwegs. Auf einer Ausfahrt lernte ich Sternenberg kennen – und fand es wunderschön.» Vor drei Jahren stiess er auf einer Immobilienplattform auf das heutige Zuhause der Familie. Sternenberg sei ideal zum Beobachten der Sterne, weil es weniger Lichtsmog und kühlere Nächte gebe als in tieferen Lagen. Kühlere Nächte bedeutet eine ruhigere und klarere Luft.

In kühlen Nächten lässt sich der Sternenhimmel besonders gut beobachten.

Neben dem Wohnhaus hat sich Seidel eine Art Gartenhäuschen gezimmert – seine eigene Sternwarte, von wo aus er mit seinem Teleskop in den Nachthimmel blickt. «Manchmal liege ich auch ohne Gerät draussen und beobachte die Sterne. Aber bei klaren Nächten bin ich kaum zu halten und verzichte auch mal auf Schlaf.» Nötig wäre das nicht, denn der Hobbyastronom hat das Teleskop so eingerichtet, dass die nächtlichen Belichtungen automatisch laufen. So versucht er, das Licht sichtbar zu machen, das Millionen oder Milliarden von Jahren braucht, bis es zur Erde gelangt. Astrofotografie nennt sich das. Und die Mitglieder der Sternwarte Kreuzlingen können sogar via «Teamviewer» auf dem Teleskop mitgucken.

Begeisterung teilen

Als Mitglied der Astronomischen Vereinigung Kreuzlingen ist Dirk Seidel der Austausch mit Gleichgesinnten wichtig. «Ich will die Begeisterung teilen und Nachwuchs heranziehen. Gemeinsam mit Freunden machen Sternenbeobachtungen noch mehr Spass.» Auch seine Frau steht gern hinter dem Teleskop und freut sich über die Bilder. Die kleine Tochter indes bevorzugt noch DVDs mit Biene Maja, aber in den folgenden Jahren wird bestimmt auch sie gespannt an den Lippen des Vaters hängen, wenn er ihr von den Galaxien erzählt. «Lucie wird dereinst wissen, wie Gras schmeckt und wie sich ein Baum anfühlt. Dann ist sie geerdet und hoffentlich neugierig auf mehr.» Und bestimmt bereit für das Abtauchen in die Welt der Sterne: Der Name Lucie bedeutet die Leuchtende.

Dirk Seidel bietet einen Teamviewer-Service für die Leser des Migros-Magazins an. Anfrage via E-Mail: moos.dirk@gmail.com

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