23. Februar 2018

Der Star unter den Kriminalpsychologen

Wer noch nie daran dachte, einen anderen umzubringen, ist Thomas Müller suspekt. Er erklärt im Interview, wie Kriminalpsychologen beurteilen und nicht verurteilen.

Thomas Müller
Thomas Müller (53) hat tausende von Tatortfotos analysiert.
Lesezeit 7 Minuten

Thomas Müller, Sie beschäftigen sich seit rund 30 Jahren mit Schwerverbrechern. Wie hat Sie das verändert?

Es hat mich bescheidener gemacht. Wenn Sie mit jemandem sprechen, der vom eigenen Vater 28 Jahre im Keller eingesperrt wurde, wundern Sie sich, über welche Nebensächlichkeiten sich die Leute heute manchmal aufregen können. Und ich bin überzeugt, dass jeder Mensch zwei Seiten hat, eine konstruktive und eine destruktive – gerade deshalb bin ich nach wie vor ein Menschenfreund. Was mich interessiert: Wo ist der Scheideweg zwischen konstruktiv und destruktiv?

Hat jeder das Potenzial zum Mörder, zur Mörderin zu werden?

Menschen, die noch nie daran dachten, einen anderen umzubringen, sind mir suspekt. Aber vom blossen Gedanken des Hasses bis zur Planung und Durchführung einer Tat ist es ein längerer Weg.

Gibt es etwas, das allen gemeinsam ist, die ein Tötungsdelikt verübt haben?

Nur dass sie einen anderen getötet haben. Die Motive dafür sind sehr unterschiedlich. Die Aggression kann nur ein paar Minuten alt sein, wenn etwa zwei Freunde betrunken sind und der eine dem anderen die Zigarette auf dem neuen Stiefel ausdrückt. Oder eine Ehefrau sagt sich nach 40 Jahren: Heute koche ich für den Gatten Pilze …

Sie finden beispielsweise bei Tötungen mit sexuellem Hintergrund keine zwei Fälle, die gleich ausschauen.

Wie klassifizieren Kriminalpsychologen denn die Tötungsdelikte?

Es gibt persönliche Tötungsdelikte, um einen materiellen Vorteil zu erlangen, sexuelle Tötungsdelikte oder ideologische Taten, etwa, wenn Menschen einen Anschlag auf Flüchtlinge verüben. Neben diesen Hauptkategorien gibt es zwischen vier und zwölf Unterkategorien von Fällen, die sich wiederum unterschiedlich entwickeln. Sie finden beispielsweise bei Tötungen mit sexuellem Hintergrund keine zwei Fälle, die gleich ausschauen. Ein Berufskollege aus Schottland berichtete unlängst von einer älteren Frau, die in ihrer Wohnung erwürgt wurde. Der Täter hatte zusätzlich mit einem Messer in beide Augäpfel gestochen. Es gibt wohl 1000 Fälle von älteren Frauen, die in ihrem Zuhause ermordet wurden, aber ein solches Verhalten ist einzigartig.

Was können Sie als Kriminalpsychologe in einem solchen Fall erreichen?

Wir klären keine Verbrechen, lösen keine Fälle. Wir sind nur ein zusätzliches Hilfsmittel, so wie der Schreiner Holz, Leim oder Nägel benötigt, um daraus einen Tisch oder einen Sarg zu fertigen. Wir benötigen ebenfalls Material – in unserem Fall sind dies Entscheidungen, die jemand gefällt hat. Dieses Handeln müssen wir messen und vergleichen. Der entscheidende Punkt: Heute haben wir eine viel grössere Zahl von vergleichbaren Fällen als in der Vergangenheit.

Wie gehen Sie beim Messen vor?

Indem wir vergleichen und uns das Verhalten von den «Spezialisten» erklären lassen, nämlich von denen in den Hochsicherheitsgefängnissen. Dort befragen wir Täter, um Verhalten beurteilen zu können. Wenn Sie nur eine Aussage zu einem Fall haben, ist das fast wertlos. Wenn Sie aber 15 Menschen getroffen haben, und alle geben die gleiche Erklärung für ihr Verhalten ab, dann kann das bei der Aufdeckung des 16. Falls helfen.

Woher kommt das Interesse dieser Verbrecher, mit Ihnen zu reden?

Stellen Sie sich vor, Sie haben als Journalist zuletzt vor zehn Jahren einen guten Artikel publiziert, und seither interessiert sich niemand mehr für Sie. Sie würden sich sehr freuen, wenn jemand Sie nach so langer Zeit sprechen möchte. Genauso wie Sie brauchen auch Schwerverbrecher Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Es ist nicht entscheidend, was jemand sagt, sondern was er tut. Ein Verbrecher kann viel erzählen, wenn er aber entscheidet, kann er nicht lügen.

Wie meinen Sie das?

Wenn ich Ihre Redaktion besuche, gibt es dort vielleicht 50 Schreibtische. Der eine hat eine Kinderzeichnung aufgestellt, der andere einen kleinen hässlichen Kaktus und der nächste einen Gummibaum. Die Entscheidungen, die ein Mensch gefällt hat, um sich wohlzufühlen, sagt etwas darüber aus, was er wirklich fühlt. Ob das im Wohnzimmer ist oder am Tatort, den er verlassen hat, ist vollkommen egal.

Kriminalpsychologe Thomas Müller

Weshalb gehören diese Gespräche für Sie zum interessantesten Teil Ihrer Arbeit – im Angesicht des Bösen?

Wenn Sie auf der Landkarte des destruktiven Verhaltens weisse Flecken suchen wollen, müssen Sie sich mit solchen Menschen auseinandersetzen. Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einer Frau in einem Frauengefängnis in Berlin. Die Staatsanwaltschaft warf ihr vor, sie habe in einem Altersheim Dutzende Menschen in ihrer medizinisch finalen Phase mit einem Kreislaufmittel getötet. Interessant war, warum sie damit begonnen hat.

Erzählen Sie.

Sie müssen die Geschichte ihres ersten Delikts kennen: Die Frau war auf der Station und versorgte die todkranken Menschen medizinisch – im Wissen, dass sie ohnehin bald sterben werden. Da gab es eine Patientin Mitte 40 mit einem schweren Krebsleiden. Ihr berufstätiger Ehemann wollte unbedingt bei ihr sein, wenn sie stirbt. Doch er war immer in Eile wegen der Kinder, für die er auch sorgte. Die Angestellte hat dann mit einer einfachen Injektion nachgeholfen, was rein rechtlich Mord ist. Aber Sie sehen, es gibt immer Ursache und Wirkung.

Wir verurteilen manchmal vorschnell?

In der Kriminalpsychologie verurteilen wir nicht, wir beurteilen. Nehmen Sie die Lebensgeschichte von Josef Fritzl, der seine Tochter 28 Jahre im Keller einsperrte. Als er sechs Jahre alt war, sagte seine Mutter, sie gehe schnell einkaufen – und kam erst 15 Tage später zurück. Ich will das nicht werten, sondern Schlussfolgerungen ziehen, was vorher war, um ungefähr zu verstehen, wen ich vor mir habe. So können wir den Kriminalisten sagen, welches die entscheidenden Entwicklungen eines Menschen waren.

Welche dieser Gespräche haben Sie besonders beschäftigt?

Die mit dem US-Amerikaner Jeffrey Dahmer, der in Milwaukee 17 junge Männer umgebracht und deren Leichenteile in seiner Wohnung platziert hatte. Er ging in Schwulenbars, lockte die Opfer in seine Wohnung, wo er sie betäubte und als Sexsklaven halten wollte. Er hatte eine manipulierende Stimme, wie ich sie sonst noch nie gehört habe.

Können Sie sie uns beschreiben?

Die Stimme klang einfühlsam, einnehmend und verständnisvoll, und er hatte eine subtile Art, die nächsten Gedanken seines Gegenübers vorwegzunehmen. Das zweite aussergewöhnliche Gespräch war mit Josef Fritzl. Er war in der Lage, das Grauen in wenigen Minuten zu erklären, sodass Sie das Gefühl haben: Ja, das kann ich nachvollziehen. Er verstand es, die Zusammenhänge so darzustellen, dass nicht er, sondern eben andere die Ursache für sein Verhalten waren.

Ist die Dynamik einer Vergewaltigung in den USA die gleiche wie beispielsweise im Kanton Aargau? Im Prinzip ja.

Sie haben beim FBI eine Spezialausbildung absolviert. Lassen sich die Erkenntnisse der Amerikaner eins zu eins auf die Verbrecherjagd in Europa übertragen?

Die Kultur ist nur ein Filter im menschlichen Verhalten. Die entscheidende Frage lautet: Ist die Dynamik einer Vergewaltigung in den USA die gleiche wie beispielsweise im Kanton Aargau? Im Prinzip ja. Wir können unsere Kenntnisse je nach Kulturkreis auch transkontinental anwenden.

Sie sind auch regelmässig in der Schweiz im Einsatz – weshalb?

Die psychologische Arbeitsplatzsicherheit ist in der Schweiz ein wichtiges Thema geworden. Denken Sie an das Zuger Attentat am 27. September 2001 oder an den 5. Juli 2004, als ein Kadermann der Zürcher Kantonalbank zwei Mitarbeiter tötete. Die Arbeitsplatzsicherheit interessiert die Entscheidungsträger in den Firmen und auch die breite Bevölkerung. Daher führe ich auch Seminare mit Führungskräften durch, um sie für diese Problematik zu sensibilisieren.

Weshalb kann der Arbeitsplatz zum Tatort werden?

Menschen beginnen über destruktive Handlungen nachzudenken, wenn drei Dinge zusammenkommen: länger andauernde Stresssituationen, fehlende Identifizierung mit dem Arbeitgeber und ein privater Schicksalsschlag. Führungs- kräfte können sehr viel wettmachen, wenn sie ihren Angestellten Wertschätzung zeigen.

Was gefällt Ihnen an den Schweizern?

Ihr seid so locker. Denn in der Schweiz, spüre ich, lässt man die Menschen in ihrem Bereich so, wie sie sind. Diese Individualität und die demokratischen Prinzipien schätze ich. 2004 gab es noch 26 verschiedene kantonale Strafverordnungen. Das ist super! (lacht) Heute sind es nur noch drei. Und ich mag die Natur und die Sprache.

Vor zweieinhalb Jahren erhielten 372 Männer von der Luzerner Staatsanwaltschaft eine Einladung zum Mundabstrich. Grund war ein Verbrechen in Emmen LU, bei dem ein Unbekannter an der Reuss eine Frau vom Velo riss und sie vergewaltigte. Wie legitim ist es, Unschuldige einem solchen Prozedere zu unterziehen?

Solche Tests dienen der Sicherheit von uns allen. Und wer beim Test mitmachen musste, wurde auf einen Schlag entkriminalisiert. Was den Inhalt betrifft, verstehen Sie bitte, dass mein Wissen und Ihr Interesse nicht immer kompatibel sind.

Sie sind seit 30 Jahren am Werk. Wie hat sich Ihre Arbeit in dieser Zeit verändert?

Es hat sich viel getan. Noch vor zehn Jahren hatten wir einen Tisch, auf dem wir 50 Tatortbilder ausbreiteten. Heute sind diese gescannt auf dem Bildschirm.

Ich bin zweifelsohne ein Narzisst, wenn es um die Qualität meiner Arbeit geht.

Kritiker werfen Ihnen Narzissmus vor, weil Sie auch in Talkshows, Seminaren und auf Theaterbühnen auftreten.

Ich bin zweifelsohne ein Narzisst, wenn es um die Qualität meiner Arbeit geht, um meinen Job als Kriminalpsychologe. Bei der Wahl meiner Schuhe oder meines Autos bin ich – so nehme ich an – alles andere als narzisstisch veranlagt. Aber mit dieser Kritik kann ich gut leben.

Die «Süddeutsche» beschreibt Sie als Einzelgänger, der fast etwas «Unheimliches» ausstrahlt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Österreich ist ein kleines Land. Da war der kriminalpsychologische Dienst über Jahrzehnte eine One-Man-Show. Ich wurde gebeten, Vorträge zu halten und ein paar Leute auszubilden. Und schon wird man als Einzelgänger tituliert. Aber ich bin ganz ehrlich: Es gab nie eine Analyse, die ich nicht interdisziplinär mit anderen Kollegen durchführte. Solche Beschreibungen zu meiner Person sollte man nicht allzu ernst nehmen.

Kriminalfilme oder -serien sind nicht Ihre Sache. Weshalb eigentlich?

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, mache ich lieber was ganz anderes.

Was denn?

Mit Verlaub, mein Privatleben gehört mir. Nur so viel: Ich halte mich in der Natur auf und gehe gern entlang der Donau Fahrrad fahren. Da fällt mir auf, wie die Vögel im November viel tiefer fliegen als im Winter, weil das Wasser noch wärmer ist. Wer beobachtet, kann immer was lernen. 

Vortrag: Am 15. Mai hält Thomas Müller einen Gastvortrag an der Uni Zürich . 19.30 bis 20.45 Uhr, Rämistr. 71, Hörsaalangabe beim Haupteingang, Eintritt: Fr. 30.–

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