22. März 2018

Der schwerelose Maurus Gauthier

Der junge Bündner Maurus Gauthier begeistert als Spitzentänzer Zuschauer auf der ganzen Welt. Für das Tanzfestival Steps des Migros-Kulturprozents kommt er bald in die Schweiz zurück.

Maurus Gauthier
Enorm gelenkig: Maurus Gauthier auf einer Treppe des Theaterhauses Stuttgart (Bild: Cira Moro).
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gelb-rotes Ei

Maurus Gauthier springt in die Luft und dreht sich zweimal rasant um die eigene Achse. Einen Moment lang sieht es so aus, als lasse ihn die Schwerkraft los, als werde er gleich davonschweben. Kein Publikum sieht das perfekte kleine Kunststück. Die Sitzreihen im Saal 3 des Theaterhauses Stuttgart sind leer. Denn zusammen mit den anderen Mitgliedern des Ensembles Gauthier Dance absolviert der 25-jährige Bündner hier nur eines von zahllosen Trainings.

An sechs Tagen pro Woche arbeitet die 16-köpfige Truppe unermüdlich an Kraft und Koordination, perfektioniert Verdrehungen und Sprünge, die einen ungeübten Normalsterblichen ins Spital bringen könnten. Auf der Bühne wirkt ihre hart erarbeitete Kunst später nicht nur enorm dynamisch, sondern oft auch humorvoll.

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Im neuen Programm «Stream» wird zum Beispiel auf witzige Art mit Geschlechterrollen gespielt. Eine Szene besteht aus einem getanzten Flirt: Ein eitler Mann umwirbt eine Frau. Die beiden setzen sich auf ein gelbes Sofa, das plötzlich nach hinten kippt, so dass die beiden Figuren verschwinden. Dann fällt das Sofa ebenso abrupt wieder nach vorne. Nun hat sich die Frau in einen Mann verwandelt, und der Charmeur reagiert mit theateralischem Entsetzen.

In einer anderen Szene verschmelzen die Tänzerinnen und Tänzer regelrecht miteinander: In goldenen Kostümen imitieren sie die Wellen und Wirbel eines aufgewühlten Flusses. Auch diese Darbietung wäre ohne langes und hartes Training unmöglich.

In vielen Ländern unterwegs

Seit fünf Jahren gehört Maurus Gauthier zu Gauthier Dance. Dass das weltweit gefeierte Spitzenensemble seinen Namen trägt, ist jedoch purer Zufall – es wurde nicht etwa nach ihm benannt. Zur Gruppe gehören Tänzerinnen und Tänzer aus vielen Ländern – darunter Frankreich, Italien, Brasilien und Australien. Der Bündner ist der einzige Schweizer in der multikulturellen Truppe.

Die Formation gehört zwar zum Theaterhaus Stuttgart, ist aber oft auf Tournee in der ganzen Welt. «Wir sind schon auf fünf Kontinenten aufgetreten», erzählt Gauthier. «Für mich ist es etwas vom Schönsten, dass wir mit unseren Darbietungen Menschen aus ganz verschiedenen Kulturen begeistern können.» Nicht immer stellt sich der Kontakt zwischen Publikum und Künstlern sofort her. Gauthier erinnert sich an anfänglich schwierige Auftritte in Moskau und Sankt Petersburg. «Die Zuschauer dort waren zuerst spürbar reserviert. Doch plötzlich schien ein Funke überzuspringen. Am Ende ernteten wir einen stehenden Applaus.»

Nun wird der Bündner schon bald vor einem Publikum auftreten, dessen Mentalität ihm vertraut ist. Gauthier Dance nimmt nämlich am grossen Tanzfestival Steps des Migros-Kulturprozents teil. Vom 12. April bis am 5. Mai finden in der ganzen Schweiz Darbietungen von Formationen aus Europa und Übersee statt. Es ist der grösste Anlass für zeitgenössischen Tanz in unserem Land, und er feiert 2018 ein rundes Jubiläum: Vor 30 Jahren wurde Steps vom Kulturprozent begründet. Extra für die Jubiläumsausgabe des Festivals hat Gauthier Dance das Programm «Stream» entwickelt. Voraussichtlich 30 000 Zuschauerinnen und Zuschauer werden insgesamt Steps erleben. «Ich finde es toll, dass das Publikum so gross ist», mein Gauthier. «Aber noch mehr freue ich mich, dass darunter auch Menschen sind, die sich sonst keinen zeitgenössischen Tanz ansehen.» Ihnen möchte er zeigen, wie überraschend und mitreissend moderne Tanzkunst sein kann.

Seit der Kindheit vom Tanz begeistert

Gauthier selber hat die Leidenschaft für diese Kunst mit elf Jahren gepackt: Bei einem Schulausflug ans Stadttheater Chur sah er auf der Bühne einen Tänzer. Seine Bewegungen schienen einem unsichtbaren Muster zu folgen. Das fazinierte den Buben Maurus auf den ersten Blick. Nachher sagte er zu seinen Eltern, er wolle sich später auch so bewegen können. Mit dreizehn Jahren nahm er neben der Sekundarschule erste Balletlektionen in Chur. Die Eltern unterstützten seinen Traum, obwohl sie beruflich nichts mit Profitanz zu tun hatten: Der Vater war Mechaniker, die Mutter Hausfrau, zeitweise auch Gärtnerin und Wirtin. Schwierig wurde es erst, als Maurus nach der dritten Sek eine Lehrstelle als Geomatiker hätte antreten können. Der Vater war dafür; sein Sohn sollte -einen soliden Beruf erlernen. «Ich erklärte ihm aber, dass ich nur als Tänzer glücklich werden kann», erinnert sich Gauthier. «Darauf änderte er seine Meinung.» Der angehende Künstler schaffte später die Aufnahme in die renommierte Hamburg School of Ballet. Während der dreijährigen Ausbildung in Norddeutschland half ihm die Talentförderung des Migros-Kulturprozents.

Und heute? Gauthier ist in seinem Traum angekommen und geniesst sein Glück. Zwar ist die Zukunft unsicher, denn kaum ein Spitzentänzer kann seine Kunst länger als bis ins Alter von 40 Jahren auf der Bühne zeigen. «Vielleicht arbeite ich später einmal als Balletmeister oder als Lichtdesigner im Theater», meint der Bündner. «Im Moment ist mir vor allem wichtig, meine Begeisterung mit dem Publikum zu teilen.»

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