30. August 2017

Der Schweiz-Modus

Brave New Girl wechselt gleich nach der Landung zu Hause wieder in den Alltagsstress – und plant die Rebellion.

Aufs Tram hetzen?
Lesezeit 1 Minute

Als ich im Sommer von Vietnam in die Schweiz zurückreiste, war ich stolze 27 Stunden lang unterwegs. Zwei Zwischenstopps (Nonstopflüge sind etwas für Bonzen), unzählige Wartestunden, Augenringe so schwarz wie die Nacht. In Zürich angekommen, wollte ich direkt eine Kollegin besuchen: Ich rannte, um das Tram zu erwischen.

Lassen Sie diesen Satz mal setzen. Ich war 27 Stunden lang gereist – und rannte zum Tram, weil ich fand, dass drei wertvolle Minuten mehr jetzt noch ins Gewicht fallen würden. Da wusste ich: Mein Schweiz-Modus ist wieder aktiviert.

Ein Arbeitskollege brach sich beim Sprint zur Tramhaltestelle fast einmal den Arm, weil er dabei stürzte. Andere lassen sich jeden Morgen schier überfahren, damit sie es rechtzeitig ins Büro schaffen. Und ich schimpfe wie eine kleine Nachwuchswutbürgerin, wenn mir ein Tram vor der Nase abfährt.

Kürzlich war ich gezwungen, sieben Minuten lang auf das nächste Tram zu warten. Ich setzte mich beim Bahnhof Stadelhofen auf ein Bänkli und schaute mich um. Das Licht war weiss, die Luft roch nach dem ersten Laub, die Menschen waren gelassen. Sieben Minuten Zwangsauszeit reichten für die Entdeckung der Langsamkeit.

Ich will nicht mehr zum Tram rennen, als ginge es um das nackte Überleben. Ich will langsamer laufen, essen, reden, lieben, leben. In einer Welt, in der immer alles noch schneller gehen soll, scheint mir das geradezu ein rebellischer Akt zu sein. 

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