19. März 2020

Der Schatz im Silsersee

Antonio Walther hat einen langen Atem: Zehn Jahre lang hat er sich für das Eisfischen auf dem Silsersee eingesetzt. Oft entspannt sich der Engadiner stundenlang in der Kälte, ohne etwas zu fangen.

Eisfischen auf dem Silsersee
Seit zwei Jahren darf auf dem Silsersee eisgefischt werden - ein Pilotprojekt.

Antonio Walther drückt sich das Handy mit der Schulter ans Ohr und kribbelt mit einem weissen Kugelschreiber etwas in den Notizblock, während er, das Seil des Schlittens unter den Arm geklemmt, zügig über den Silsersee schreitet. Den tiefenentspannten Oberengadiner sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an, wenn er sich zum Eisfischen aufmacht.

Dabei gehört Walther zu den Menschen, die behaupten, im Paradies zu leben. Er ist in einem Haus an der kleinen Bucht Plaun da Lej zwischen Sils im Engadin und Maloja auf die Welt gekommen. Blickt er aus dem Fenster, offenbart sich vor ihm der Lej da Segl oder Silsersee, dahinter die imposante Bergwelt des Bündner Hochtals. Schon als kleiner Junge fischte Walther in den Gewässern vor seiner Haustür. «Eigentlich war das verboten. Die Fischereiaufsicht drückte damals ein Auge zu.» Schon in diesen längst vergangenen Zeiten hatte er eine Idee im Hinterkopf: zu Hause eisfischen.

Plötzlich ist es still, weil Walther mit seinem Schlitten auf der frischen Schneeschicht innehält und das Eis begutachtet. Weit ist er nicht gekommen. 40 Meter vom Ufer entfernt, beginnt der Bündner Schnee von der Eisfläche wegzuschaufeln. Hier, bei einer Seetiefe von rund 20 Metern, fange man eher etwas, als in der Mitte, wo die Chancen bei etwa 80 Metern Tiefe weit geringer seien.

Mit dem Eisbohrer beginnt Walther ein Loch ins Eis zu meisseln. Vier Minuten dauert der kräftezehrende Akt. Das Ergebnis: ein Loch mit 17,5 Zentimeter Durchmesser. «Das ist der anstrengendste Teil des Eisfischens», erklärt Walther und öffnet seine Jacke ein wenig.

Den Eindringling dezimieren

Dass der 59-Jährige nun hier sitzt und seine Angel in den eiskalten See halten darf, hat er sich selbst zu verdanken. Zehn Jahre machte Walther, auch Präsident des Silser Fischereivereins, Behördengänge und redete mit zuständigen Stellen beim kantonalen Amt für Jagd und Fischerei, bis er 2017 die Bewilligung erhielt – zuerst nur für ein Pilotprojekt von zwei Jahren. «Ich bin einer, der gerne Dinge anreisst, bei denen andere im Voraus abwinken.»

Zu Hilfe kam Walther schliesslich ein «Eindringling» aus Kanada: der Namaycush. Die Kanadische Seeforelle, die mehrere Kilo schwer werden kann, wurde in den 1960er-Jahren im Silsersee ausgesetzt und macht einheimischen Fischen das Leben schwer. Schweizer Seesaiblinge, Äschen und Forellen stehen auf seinem Speiseplan. «Den Namaycush kriegen wir nicht mehr aus dem See. Aber wir können versuchen, die Anzahl der Tiere einzudämmen.» So ist das Hauptziel beim Eisfischen auf dem Silsersee, den Bestand des Namaycush zu dezimieren. «Als ich den Behörden mit dieser Idee kam, spitzten sie langsam die Ohren.»

Die zwei Wintersaisons der Pilotphase haben die Behörden genau überwacht. Einer Frage galt ihr Hauptaugenmerk: Wie schaffen es die Angler, die richtigen Fische aus dem See zu ziehen? Das habe sich gut eingependelt, meint Walther, der es sich nun auf seinem Klappstuhl bequem gemacht hat und seine Angel mit leichten Auf-und-ab-Bewegungen über das Eisloch hält. Einerseits dürfe man nur grosse Haken nutzen, sodass nur grosse Fische wie der Namaycush anbeissen. Zudem dürfen keine Lebendköder wie Würmer oder Bienenmaden verwendet werden, nur künstliche. «Sonst lockt man kleinere, einheimische Fische an.»

Vom Lehrer zum Beizer

Die Methode scheint zu funktionieren. Im vergangenen Jahr wurden 110 Fische aus dem gefrorenen See geholt, davon 102 Namaycush. «Der Beifang war sehr gering. Mit dieser Quote dürfen wir zufrieden sein», erklärt Walther, der in unveränderter Position auf seinem Klappstuhl hockt.

Eisfischer auf dem Silsersee
Antonio Walther hat sich beharrlich dafür eingesetzt, dass Eisfischen auf dem Silsersee zugelassen wird – auch, damit andere das Hobby ausüben können.

Sein Handy klingelt wieder. Seit Jahren führt der frühere Lehrer das Restaurant Murtaröl und tischt Fischspezialitäten auf. Von Anfang an hat es sich Walther zur Gewohnheit gemacht, jede Reservation persönlich entgegenzunehmen – selbst beim Eisfischen. «Das stört mich nicht beim Abschalten und Zur-Ruhe-Kommen.» Wenn er in dieser majestätischen Natur sitze, dann gelinge es automatisch. «Beim Eisfischen, mit der Sonne im Gesicht und den Bergen im Rücken, lade ich meine Seele auf. Hier spüre ich die Natur und die Freiheit.» Er lässt seinen Blick über den See gleiten. «Genau das wollte ich anderen auch ermöglichen: das fast unbeschreibliche Gefühl der Zufriedenheit, wenn man hier auf dem See sitzen kann und am Angeln ist.»

30 Patente vergibt der Fischereiverein Sils maximal pro Tag an alle Interessierten. «Das müssen keine Profis sein.» Oft kommen auch Familien, die es einfach einmal ausprobieren wollen. Während die Angler im Februar noch jeden Tag fischen konnten, ist es im März ausschliesslich noch an den Wochenenden erlaubt.

Gutes Schuhwerk ein Muss

«Oft sind es die unerfahrenen Fischer, die die grössten Fänge machen. Eisfischen ist eine Wissenschaft für sich. Da eine Strategie zu empfehlen, bringt nicht viel.» Eins braucht es laut Walther vor allem: Geduld und warmes, wasserfestes Schuhwerk.

Antonio Walther auf dem gefrorenen Silsersee
Antonio Walther: «Mit Sonne im Gesicht und den Bergen im Rücken lade ich meine Seele auf.»

Heute hat Walther kein Glück. Auch nach Stunden hängt kein Fisch am Haken. «Das ist okay. Wem es beim Eisfischen nur um den Fang geht, der hat sich ein kühles Hobby ausgesucht.» Schnell hat der Bündner seine Sachen zusammengepackt. Während er losläuft, klingelt schon wieder sein Handy.

Das Loch im Eis gefriert jeweils nach wenigen Stunden wieder. Am nächsten Tag wird man der Stelle nicht mehr ansehen, dass Walther hier nach Entspannung gesucht und Langeweile gefunden hat.

Verwandte Artikel

Mathias Reiser

Ein junger Basler schafft den Durchbruch

Zeki mit Heiligenschein aus Sucuk

Zeki, jetzt gehts um die Wurst

Die Insel für Romantiker: Das neu eröffnete Resort You & Me Maldives.

Türkisblaue Inselträume

Kambodscha ist bei Touristen begehrt

Ein Land rappelt sich auf