Leser-Beitrag
10. Oktober 2017

Der Samichlaus

Es war einmal vor 75 Jahren ...

Sankt Nikolaus mit Kind

Es war einmal vor 75 Jahren, als ich vom Samichlaus träumte.

Plötzlich ghör ich öper lüte, wer chönnti ächt das sii? Es isch ebe es Märli und das gaht nie verbii.

Es war einmal ein skrupelloser Manager, er wollte immer alles verändern. Meistens hatte er Erfolg, denn sein zweckorientiertes Geldlächeln öffnete ihm viele Türen. Auch für einen Raubtierkapitalismus konnte er sich begeistern, denn er zeigte keine Gefühle und blieb immer cool. Alle seine Eigenschaften waren in ihm eingebrannt wie ein Tattoo. Jetzt hat er eine neue Idee: Er will eine Samichlaus AG gründen. Er spricht mit verschiedenen Leuten, wie er diese Idee umsetzen könnte. Einige sagen: «Das darf auf keinen Fall passieren, denn es ist das schönste Märchen in unserem Vaterland.» Der Manager will aber keine Märchen und Bräuche, er will Geld fliessen sehen. Der Mann mit der Mitra ist doch veraltet. Er spricht von Geborgenheit, Liebe und Anerkennung. Solche Merkmale sind doch in einer computergesteuerten Welt immer seltener, wie die Blumenpracht auf den Kunstdüngerwiesen. Eine AG kann das besser lösen, ohne die sentimentalen Gefühle.

Jetzt fragt der böse Manager seine Lieblingstochter. Sie ist dagegen und sagt: «Eine AG will Geld verdienen. Der alte Mann mit dem gütigen Gesicht kommt dann mit der Drohne und der Esel und Schmutzli bleiben zu Hause. Die Besuche müssen intensiviert werden und der erste Besuch findet am frühen Morgen und der Letzte findet um Mitternacht statt. Die Zeit und die Geschenke werden je nach Aufwand verrechnet». Der Manager ist aber immer noch begeistert von seiner Idee und er sieht schon, wie die Bankinstitute und Investoren ihn umwerben, wie Motten das Licht. Also strebt er dem Ziel entgegen, wie ein Fernfahrer auf der Autobahn.
Seine Lieblingstochter erkennt die Gefahr und verwandelt sich in eine Samichlausfee. Sie organisiert überall Diskussionsabende und erklärt den Zuhörern den schönen Brauch vom gütigen Mann und dass das Märchen in Gefahr ist. Die Zeit vergeht und die Samichlauszeit bricht an. Der böse Manager fährt mit dem Auto nach Hause und begegnet dabei seiner Tochter, die als Feengestalt für den Mann mit der gütigen Stimme unterwegs ist. Plötzlich erinnert sich der Manager an seine Jugendzeit zurück und träumt, welch ein Tag es damals war: geheimnisvolle Dämmerung, gespannte Erwartungen, in den Kinderherzen gingen Tore auf, Wünsche und Träume, Düfte, die es nur am Chlaustag gab, Kerzenzweige und Tannenzweige, süsse Mandarinen und frisch gebackener Lebkuchen, alles aussergewöhnlich und verträumt.

Plötzlich begann das Chlausjagen: Burschen in schwarzen Pelerinen und hochgezogenen Kapuzen, mit Peitschengeknall, Männer mit Kuhglocken, der Schmutzli mit dem Esel, die vorgetragenen Kinderverse und der Mann im roten Gewand. Gekleidet war er wie ein Bischof, rot und weiss. In der Hand hielt er einen Hirtenstab, auf dem Kopf sass die Mitra. Weise und streng sah er aus, so, wie man sich den lieben Gott vorgestellt hat. Er verteilte Nüsse, Mandarinen, Lebkuchen und schickte die Kinder frühzeitig ins Bett. Er hörte eifrig vorgetragenen Kinderversen von stotternden Stimmen zu. Ein Tag, wie er nie vergehen sollte; strahlende Herzen und leuchtende Augen.

Plötzlich taucht die Samichlausfee auf und fragt ihren Vater: «Willst du wirklich aus diesem Märchen eine eiskalte, gewinnorientierte, gefühllose AG machen?» Der Vater besinnt sich wieder an seine Jugend und erlebt nochmals seine Erinnerungen im tiefverschneiten Tannenwald mit dem Samichlaus, dem Schmutzli und dem Esel. Dann leuchten Freudentränen unter seiner Brille hervor und sie kullern über seine Wangen. Zum Glück, denkt er, habe ich keine AG gegründet.
Er geht nach Hause mit einem Lorbeerkranz auf dem Kopf, wie ein König, oder wie der Samichlaus mit der Mitra. Und wenn er (noch) nicht gestorben ist, wird er nie mehr eine Samichlaus AG gründen wollen.

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