15. Juni 2017

Der Risikomanager erwartet mehr Überschwemmungen

Andreas Schraft, langjähriger Risikomanager für Naturgefahren des Schweizer Rückversicherers Swiss Re staunt darüber, wie salopp man in der Schweiz mit Risikoszenarien umgeht.

Andreas Schraft, Special-Projects-Chef bei Swiss Re
Andreas Schraft ist Special-Projects- Chef beim Schweizer Rückversicherer Swiss Re. (Bild zVg)
Lesezeit 4 Minuten

Welche Naturereignisse verursachen die teuersten Schäden?

Erdbeben, tropische Wirbelstürme und Sturmfluten. In Europa auch Winterstürme, wie Lothar im Dezember 1999. Ausserdem Hagel und Tornados in manchen Regionen.

Worauf stützen Sie Ihre Prognosen?

Wissenschaftliche Arbeiten, wir lesen entsprechende Artikel und benutzen Messungen, die MeteoSchweiz und andere Wetter- und seismologische Institute erstellen. Vor über 25 Jahren kam der erste wissenschaftliche Bericht des IPCC heraus, in dem stand, dass sich das Klima verändert. Das war relevant für unsere Arbeit. Wir sagten uns: wenn das stimmt, müssen wir uns grundsätzlich überlegen, was das für uns heisst. Denn wir schauten für unsere Risikoabschätzungen bis dahin immer, was in der Vergangenheit passiert war und zogen Schlüsse für die Zukunft. Dieses Vorgehen wurde plötzlich in Frage gestellt.

Fürchteten Sie, dass klimabedingte Naturkatastrophen SwissRe das Rückgrat brechen könnte?

Nein, mir war klar, dass der Klimawandel kein lebensbedrohliches Problem für uns sein würde. Das heisst aber nicht, dass die Folgen des Klimawandels nicht ernstzunehmen sind: Sie sind desaströs.

Die Folgen des Klimawandels sind desaströs. Aber nicht bedrohlich fürs Geschäft?

Weil unsere Verträge immer nur auf ein Jahr abgeschlossen sind. Dass sich das Klima ändert, ist also für unser Geschäftsmodell nicht so wichtig. Aber für die Gesellschaft. Weil wir heute Entscheidungen treffen und Investitionen tätigen, die Auswirkungen weit in die Zukunft haben. Wenn ich heute ein Haus baue, steht es in fünfzig Jahren noch und das Klima wird dann fast garantiert anders sein.

Ist dann der Boden unter dem Haus nicht mehr sicher?

Ja, oder vielleicht steht es zu nah am Wasser. Ein grosses Thema werden hierzulande Überschwemmungen sein. Andere Risiken sind Steinschlag und Felsstürze im Gebirge, weil der Permafrost auftaut.

Müssen Dörfer umgesiedelt werden?

Ich kenne keines, bei dem das jetzt schon ein Thema wäre. Aber man wird bestimmt Ortschaften mit aufwändigen Massnahmen schützen müssen – und bei anderen zum Schluss kommen, sie aufzugeben.

Wenn der Permafrost auftaut und Berge bröckeln: sind dann nicht auch Stauseen gefährdet?

Doch. Aber Stauseen sind speziell versichert, ähnlich wie Kernkraftwerke: da gibt es nur begrenzt Haftpflichtdeckung. Man weiss, dass das in der Schweiz ein grosses Risiko ist; die Staumauern müssen künftig verstärkt auf ihre Sicherheit überprüft werden!

Der Klimawandel trifft die Alpen besonders stark. Sind sich die Leute der Gefahren bewusst?

Viel zu wenig! Ein Beispiel: 1993 gab es in der Schweiz grosse Überschwemmungen, Brig war betroffen, wo die Saltina über die Ufer ging und die Innenstadt mit Geröll überschwemmte. Ein paar Jahre später hatten wir eine Tagung mit Versicherern, um dieses Ereignis aufzuarbeiten und Lehren daraus zu ziehen. Auch der Gemeindepräsident von Brig war da, er hielt einen Vortrag, in dem er sich bei allen Versicherern dafür bedankte, dass sie die Schäden bezahlt haben. Zum Schluss erzählte er stolz, sie hätten gerade ein Stück Land eingezont, das damals überschwemmt war. Und er wisse schon, das werde wieder einmal überschwemmt, und dass er darauf zähle, dass wir Versicherer die Schäden wieder bezahlen würden, wenn es passiere. Denn dieses Land sei wichtig für Brig, es sei das einzige flache Stück, auf dem man noch Gewerbe bauen könne, und wenn die Bevölkerung dort bleiben solle, dann müsse man dort bauen.

Der Gemeindepräsident kannte das Risiko?

Ja, und jetzt kommt der zweite Punkt dieser Geschichte: Wenn man heute mit den Gewerbetreibenden dort reden würde, wüssten garantiert viele nicht mehr, dass dieser Ort wieder überschwemmt werden kann.

Fatal.

Ja. Und traurig, denn man könnte selbst an diesem Ort mit wenigen Massnahmen zukünftige Schäden verhindern. Zum Beispiel wenn die Elektroverteilerkästen und Heizungen statt im UG im 1. Obergeschoss wären. Oder die Türschwelle höher liegen würde. Es gibt viele Möglichkeiten, Risiken zu reduzieren.

Werden wir uns anpassen können?

Der Mensch und die Natur sind anpassungsfähig. Aber nur in einer bestimmten Geschwindigkeit. Wenn sich das Klima zu schnell ändert, kommen wir nicht mehr nach. Wir können nicht schnell genug Hochwasserschutzdämme bauen oder uns darauf einstellen, dass es jedes Jahr einen Hitzesommer gibt und die Wasserversorgung dennoch sicherstellen. Dafür braucht es Investitionen und Zeit.


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