07. Juli 2017

Der Retter der Rehe

Jedes Jahr kommen hierzulande bis zu 2000 Rehkitze in den Mähmaschinen von Bauern ums Leben. Pascal Zimmermann will das ändern. Der 18-Jährige hat eine Drohne gebaut, die Rehe aufspürt. Bereits 16 Jungtieren hat er so das Leben gerettet.

Pascal Zimmermann spürt mit seiner Drohne bedrohte Rehkitze auf.
Im Rettungseinsatz: Pascal Zimmermann spürt mit seiner Drohne bedrohte Rehkitze auf.
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Eng eingekullert liegt es im Gras und macht keinen Wank. Das kleine Rehkitz ist gerade mal eine Woche alt und hat noch keinen Fluchtreflex. Neugierig schaut es mit seinen grossen schwarzen Knopfaugen Pascal Zimmermann an. Der 18-Jährige packt das Rehkitz vorsichtig mit beiden Händen. Das Jungwild lässt alles über sich ergehen. Zimmermann legt das Reh am Waldrand nieder, stülpt einen Holzharass über das Tier und bedeckt diesen mit Gras, damit das Jungtier Schatten hat.

Jetzt kann der Bauer die Wiese mähen; er lässt einen kleinen Grasstreifen stehen, dorthin wird er das Rehkitz zurücksetzen. Zimmermann hat einmal mehr ein Reh gerettet und alles in einem Video festgehalten.

Leidenschaft für Modellbau

Zimmermann sitzt auf der Terrasse des Elternhauses im bernischen Oberbalm. Bei einem süssen Most erzählt er, wie er auf die Idee kam, Rehkitze zu retten. Er wuchs als Bauernbub auf und bekam darum schon früh mit, dass im Sommer die Rehkitze in den Mäher geraten, wenn die Bauern das Gras schneiden. «Die Bauern machen das nicht absichtlich», sagt er, «aber die Rehe taten mir immer leid.» Wie sein Vater baut Pascal Zimmermann gern Modellflugzeuge.

Als Pascal Zimmermann sich ein Thema für die Maturaarbeit überlegen musste, kam er auf die Idee, selbst ein Flugobjekt zu bauen. Es sollte jedoch kein Modellflugzeug sein, sondern eine Drohne. «Ich besass bereits eine kleine Drohne und überlegte mir, wofür diese gebraucht werden könnte.»

Da fielen Zimmermann die Rehkitze ein – und dass man diese mit einer Drohne doch ganz gut aufspüren könnte. «Die Idee, mit Drohnen Rehe zu suchen, war nicht neu. Doch diese Fluggeräte kosten in der Regel mindestens 10 000 Franken. Ich wollte selbst eine bauen, die nur 3000 Franken kostet», sagt er.

Gedacht, getan. Er bestellte die Drohnenteile aus der ganzen Welt und fing an, im Bastelraum des Elternhauses seine eigene Drohne zusammenzuschrauben. Die Anleitung dazu holte er sich im Internet. Bereits die ersten Testflüge waren vielversprechend. Zimmermann hat eine Wärmebildkamera an die Drohne montiert, mit der er die Kitze in der Wiese aufspüren kann. Meistens macht er sich frühmorgens um 5 Uhr auf die Suche nach den Tieren – in der Regel an dem Tag, an dem der Bauer mähen will.

Nie mit blossen Händen

Bevor die Drohne abhebt, markiert er die Eckpunkte der Wiese, die er abfliegen möchte, auf einer digitalen Karte. Anschlies­send ­startet er die Drohne – und diese fliegt die ­gesamte Wiese dank eines integrierten GPS-Navigationssystems automatisch ab. Zwar kann er die Drohne auch selbst mit einer Fernbedienung steuern, doch diese braucht er nur, wenn die Drohne vom Kurs abkommt.

Rehkitz
Rehkitzen fehlt der Fluchtreflex – leicht geraten sie in die Mähmaschinen der Landwirte. (Bild: zVg)

Das Gerät fliegt auf einer Höhe von 35 Metern über Grund. Pascal Zimmermann sieht auf einem Monitor am Boden die Livebilder der Wärmebildkamera. Die Wiese erscheint grau, das Rehkitz und andere Tiere sind als rot-weisse Punkte zu sehen. Er notiert sich die Koordinaten des Rehkitzes. Nun kann er die Drohne landen und sich dem Tier vorsichtig nähern. Bevor er das Wild packt, nimmt er Gras in die Hände. «Das ist wichtig. Man sollte die Tiere nicht mit blossen Händen anfassen. So nimmt das Reh den Geruch des Menschen an und kann von der Mutter verstossen werden.»

Seit letztem Sommer ist Pascal Zimmermanns Drohne im Einsatz. Insgesamt konnte er schon 16 Rehkitze retten. «Das ist schon ein gutes Gefühl. Denn wenn ein Rehkitz stirbt, leidet ja auch die Rehmutter. Die sucht dann jeweils noch tagelang nach dem Kleinen.» Laut Jagdstatistik kommen in der Schweiz jedes Jahr rund 2000 Kitze in Mähmaschinen ums Leben. Gemäss Zimmermann dürften es aber viel mehr sein.

Ein Job ohne Lohn

Zimmermann macht das alles aus Idealismus. Er verlangt kein Geld für seine Dienste. Manchmal bekomme er eine Spende zugesteckt. Seine Dienste kommen auch beim lokalen Wildhüter gut an. «Der ist froh, dass ich das mache. Auch wenn die Rettung nicht zu seinem Aufgabenbereich, sondern zu dem der Jäger gehört.» Und auch die Bauern seien natürlich froh, wenn möglichst keine Tiere in die Mähmaschine ge­raten – und das nicht nur wegen der Rehe. Oft merke der Bauer gar nicht, dass ein Rehkitz getötet wurde. Der Kadaver landet dann im Futter und bildet den Giftstoff Botulinumtoxin. «Daran sterben die Kühe», sagt Zimmermann.

Die ganze Mühe hat sich nicht nur für die Rehkitze gelohnt. Pascal Zimmermann erhielt für seine Matura-Arbeit eine glatte Sechs. «Wegen der Maturaprüfungen hatte ich in den letzten Wochen leider nicht so viel Zeit, um raus auf die Wiesen zu gehen und Rehe zu retten», sagt er. Zwar gäbe es im Raum Bern bereits einige Drohnenpiloten, doch flächendeckend werde diese Methode noch nicht eingesetzt. «Deshalb hoffe ich natürlich auf viele Nachahmer.»

Zimmermann gibt Leuten, die ebenfalls eine solche Drohne bauen möchten, gern Tipps. Und er ist davon überzeugt, dass Drohnen noch viele andere Aufgaben in unserem Leben übernehmen werden: «Die Rehkitzrettung ist nur eine davon.»

Weitere Infos: www.baechlers.ch; www.rehkitzrettung.ch

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