23. Mai 2016

Kleine Häuser

Wohnen auf reduzierter Fläche ist salonfähig geworden: Die Anhänger der Downsize-Bewegung verbinden damit mehr Ökologie, mehr Mobilität, mehr Lebensqualität. Schauen Sie zu den Porträts unten auch die Video-Besichtigung der «Ökowohnbox» von Tanja Schindler.

Tanja Schindlers «Ökowohnbox»
Klein und doch geräumig: Tanja Schindlers «Ökowohnbox»

Bei Tanja Schindler war es der Wunsch nach mehr Ökologie und weniger Ballast. Bei Andrea Kradolfer die Liebe und das Bedürfnis nach Mobilität. Und für Nadya Michel war es einfach die beste Option. Was die drei Frauen eint: Sie leben in einem kleinen Haus – wobei das Haus im einen Fall eine Box, im anderen ein Wohnwagen und im dritten ein Fertighaus ist.

Loftcube
LoftcubCypress: Nähere Angaben zu diesem Objekt aus den USA im Text. Foto: Steffen Jänicke.

In der Schweiz gibt es erst wenige Menschen, die sich explizit für ein Leben im Minihaus entscheiden. In den USA hingegen ist die Vorliebe fürs Kleine in Sachen Wohnen bereits zu einer regelrechten Bewegung geworden: The Small House Movement geht zurück auf die Architektin Sarah Susanka, sie machte das Thema 1997 mit ihrem Buch «The Not So Big House» salonfähig. Heute informieren sich Liebhaber von Minihäusern auf Websites wie Smallhousesociety.net oder Thetinylife.com . Im deutschsprachigen Raum gibt es seit fünf Jahren das Pendant Tiny-houses.de .
Die Bewegung propagiert das Downsizing: Durch Gesundschrumpfen soll das Eigenheim finanzierbar und auch umweltverträglich werden. Wie gross ein kleines Haus maximal sein darf, damit es noch als klein gilt, ist nicht genau definiert. «Die meisten Objekte auf unserem Portal sind 40 bis 90 Quadratmeter gross, wobei viele davon für zwei Personen designt wurden», sagt Isabella Bosler von Tiny-houses.de. In den USA würden Objekte dieser Grösse als «small homes» angeboten; «tiny» seien in der Regel Behausungen mit weniger als 35 Quadratmetern Wohnfläche.

Weniger Raum, mehr Autonomie


Die Meinungen darüber, was bei dieser Wohnform genau ökologisch ist, gehen auseinander. In der Schweiz, im Land des Dichtestresses, gelten bereits Einfamilienhäuser als Ökosünde, weil sie im Vergleich zu mehrstöckigen Siedlungen mehr Quadratmeter Bauland pro Person verbrauchen.

Cypress
Cypress: Nähere Angaben zu diesem Objekt aus den USA im Text.

Zersiedeln kleine Häuser das Land nicht noch mehr? Nein, sagen die Fans von Minihäusern. Ihre Argumente: Kleine Häuser können dort gebaut werden, wo für grosse kein Platz ist und die Parzelle folglich ungenutzt bliebe. Sogar auf Flachdächern wären sie denkbar. Zudem sind kleine Häuser oft mobil, daher lassen sich auch Brachen temporär nutzen. Und: Kleine Häuser müssen nicht zwingend an die Kanalisation angeschlossen werden.
Allerdings sind die temporäre Nutzung und autarke Abwasserlösungen in der Schweiz ein Problem – es gibt Vorschriften. Ob Wohnwagen, Container oder eine ähnliche Behausung: Wer in einem Downsize-Objekt wohnen will, muss eine Bewilligung einholen; das Baurecht ist nicht auf Sonderfälle wie mobile oder autarke Minihäuser vorbereitet. Zudem können Bund, Kanton und Gemeinde mitreden. Bewilligungen sind also mit einem Gang von Behörde zu Behörde verbunden. Doch zuweilen lohnt sich der Aufwand – wie die Beispiele von Tanja Schindler, Andrea Kradolfer und Nadya Michel zeigen.

Ideals Heim im Quader

Tanja Schindler (48) wohnt in einer Box in Uster ZH. Die Baubiologin hat ihr kleines Reich selbst entworfen. Sie lebt auf 35 Quadratmetern, produziert dank 18 Quadratmetern Fotovoltaik ihren eigenen Strom und hat gemäss einer Schätzung der Fachstelle 2000-Watt-Gesellschaft einen Stromverbrauch von bloss 470 Kilowattstunden pro Jahr – fünf Mal weniger als der Durchschnittsschweizer. Zudem ist ihre Ökowohnbox hauptsächlich aus Naturmaterialien gefertigt.

Ein Heim auf auf elf Quadratmetern.
Der ökologische Fokus hat sich nicht etwa negativ auf die Ästhetik ausgewirkt – ganz im Gegenteil: Der Raum strahlt Wärme und Behaglichkeit aus. Dafür sorgen die mit Lehm verputzten Wände, der Schwedenofen und das Parkett aus geöltem Eichenholz. Dank mannshoher Fenster an der Südseite und cleverer Möblierung wirkt die in Wohn-, Schlaf- und Badezimmer aufgeteilte Box erstaunlich weiträumig.

Die Trennwände dienen gleichzeitig als Schrank und Bücherregal – in das ein ausziehbarer Bürotisch integriert ist. Auch der Esstisch lässt sich ausziehen; bei Nichtgebrauch verdeckt er den Gasherd. Die Schubladen in der Küche sind extratief, damit sich besonders viel verstauen lässt.

Der Esstisch ist auch ein Kochherd.
Der Esstisch ist auch ein Kochherd.

Auch für die Toilette hat Tanja Schindler eine spezielle Lösung gefunden: ein Trocken-WC, das Fest- und Flüssigstoffe trennt. Die Fäkalien fallen in einen mit einem Plastiksack ausgekleideten Behälter, den sie alle fünf Wochen mit dem normalen Hauskehricht entsorgt.
Noch lieber würde sie die Exkremente kompostieren, aber das ist verboten. Dank einer Lüftung, die ständig etwas Luft durch das WC absaugt, riecht das moderne Plumpsklo kein bisschen. Wie auch das Grauwasser aus Dusche und Küche fliesst der Urin in die Kanalisation, wobei es laut Tanja Schindler theoretisch möglich wäre, das Wasser auf dem Dach mittels Minikläranlage zu reinigen.

Mit Fundament, Anschluss an die Kanalisation und Transport kostet die «Ökowohnbox» um die 250 000 Franken. Trotz des stolzen Quadratmeterpreises von 7000 Franken hat Tanja Schindler inzwischen zehn Interessenten, die bei ihr eine Box in Auftrag geben wollen. Sie alle suchen aber noch einen Bauplatz beziehungsweise ein Grundstück zum Pachten.
www.oekowohnbox.ch

Viel Freiraum auf vier Rädern

Andrea Kradolfer (27) hat in den vergangenen acht Jahren an vier verschiedenen Orten gelebt, aber immer in denselben Wänden: in einem Wohnwagen. Aber nicht etwa in einer kommunen Plastikschüssel, sondern in einer hübschen Holzkonstruktion. Sie hat ihr Zuhause gemeinsam mit ihrem Freund René Sarge (39) gebaut, der als gelernter Zimmermann auf mobile Holzhäuser spezialisiert ist.

Heim auf auf elf Quadratmetern.
Ein Heim auf auf elf Quadratmetern.

Andrea Kradolfer, die als Korbflechterin ebenfalls handwerkliche Fähigkeiten mitbringt, ist am Geschäft ihres Freundes beteiligt. Das Paar hat gemeinsam mit anderen Handwerkern seit 2008 rund ein Dutzend Wohnwagen hergestellt, manche mit ausziehbaren Erkern für Küche, Dusche und WC, andere in relativ einfacher Ausführung. Das teuerste Modell war 32 Quadratmeter gross und verkaufte sich für 150'000 Franken.

Unter ihren Kunden sollen sich ein Webdesigner, eine Mathematikerin und eine Treuhänderin befinden. Diese Klienten wollen ihren Namen allerdings nicht in der Zeitung lesen. Wagenbewohner sind tendenziell medienscheu, weil sie nicht in ihrem Wohntraum gestört werden wollen – oder weil sie mit einem Fuss in der Illegalität leben, da es offiziell nicht anerkannt ist, im Wagen zu wohnen.

Das Hochbett als praktischer Platzsparer
Das Hochbett als praktischer Platzsparer.

Bei Andrea Kradolfer ist alles im legalen Rahmen: Sie hat sich mit ihrem rund elf Quadratmeter grossen Wagen der Kulturfabrik Wetzikon ZH angeschlossen, die eine Bewilligung für neun Wagenplätze hat. Ihr Zimmer auf Rädern bietet einen Holzofen, einen Sessel, einen Stuhl, ein Tischchen, einen alten Küchenschrank und ein Hochbett, unter dem sich viel für Stauraum für all ihren Krimskrams befindet. An ihren Standplätzen hatte die Wagenbauerin bisher immer Zugang zu sanitären Anlagen. In Wetzikon kann sie auch die Küche mitbenutzen. Wo dies bisher nicht möglich war, kochte sie auf zwei Herdplatten, die sich schnell auf- und abbauen liessen.

Teilen und sich auf kleinem Raum organisieren war für Andrea Kradolfer noch nie ein Problem: «Ich besitze nicht viel und hatte schon in den WGs immer das kleinste Zimmer.» Zudem könne sie sich schon lange nicht mehr vorstellen, in einer 08/15-Wohnung zu leben – zumal man sie bei einem Umzug nicht einfach an einen Traktor hängen könne.
www.wagenschmiede.ch

Minidomizil ab Stange

Nadya Michel (28) ist über ein normales Inserat zu ihrem Häuschen in Arboldswil BL gekommen. Sie suchte für sich und ihre Katzen und Meerschweinchen eine hübsche, bezahlbare Mietwohnung im Grossraum Basel und war schon fast am Verzweifeln, als sie ein 45-Quadratmeter-Haus im Internet entdeckte: «1400 Franken pro Monat für ein Haus mit Garten! Erst dachte ich, das Ganze sei ein Witz», sagt die Verkaufsassistentin.

Nadya Michel suchte eine bezahlbare Wohnung für sich und ihre Katzen
Nadya Michel suchte eine bezahlbare Wohnung für sich und ihre Katzen.

Das Häuschen gehört Hanspeter Rudin (71), der im Dorf aufgewachsen ist und hier ein Stück Land geerbt hat. Für die Strasse, die an seinem Grundstück vorbeiführt, musste er der Gemeinde 40'000 Franken zahlen, obwohl er sie gar nicht nutzte. Das nervte den Rentner. Statt nur Ausgaben wollte er auch Einnahmen. Also beschloss er, das Land zu bebauen.

Hanspeter Rudin wollte kein zu grosses Risiko.
Hanspeter Rudin wollte kein zu grosses Risiko.

Da er kein zu grosses finanzielles Risiko eingehen wollte, entschied sich Bauherr Rudin für ein kleines Objekt des Fabrikats Schwörer Haus. Der Deutsche Hersteller ist auf Fertighäuser spezialisiert und lieferte Rudin das Häuschen für 180'000 Franken inklusive Wärmepumpe. Eine Baubewilligung zu erhalten, war kein Problem, da das Modulhaus wie ein normales Einfamilienhaus funktioniert. Allerdings verdoppelte sich der Betrag dann fast auf insgesamt 340'000 Franken – wegen des Fundaments, des von der Gemeinde geforderten Giebeldachs und der Wasser-, Strom- und Kanalisationsanschlüsse.

Von seiner Idee liess sich Rudin aber trotz der Gesamtrechnung nicht abbringen: «Ich war mir ziemlich sicher, dass ich das Haus würde vermieten können.» Schliesslich gebe es in der Schweiz mehr als eine Million Singlehaushalte. Und tatsächlich: Als Rentner Rudin das Häuschen im vergangenen Sommer auf den Mietmarkt stellte, meldeten sich innerhalb weniger Tage mehrere ernsthaft Interessierte.

Fast wie eine ganz normale Einzimmerwohnung: das Fertighaus in Arboldswil BL, das Nadya Michel bewohnt  Andrea Kradolfer und ihr Wohnmobil aus Holz.
Fast wie eine ganz normale Einzimmerwohnung: das Fertighaus in Arboldswil BL, das Nadya Michel bewohnt Andrea Kradolfer und ihr Wohnmobil aus Holz

Nadya Michel bewohnt das Häuschen nun seit bald einem Jahr und ist immer noch überglücklich. Zwar mutet das Fertighaus im Innern eher wie eine normale Singlewohnung an – nur ohne direkte Nachbarn, aber mit viel Umschwung und eigener Hausnummer.
www.schwoererhaus.de

Fotograf: Daniel Winkler

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