08. März 2018

Viele Männer in Fitnessstudios leiden unter ihrem Körperbild

Werbung, soziale Medien und die Fitness-Industrie sind dafür verantwortlich, dass auch Männer heute unter Druck stehen, ihren Körper zu optimieren, sagt der Psychologe Roland Müller.

Roland Müller
Roland Müller (37) ist Fachpsychologe für Psychotherapie FSP und Projektleiter bei PEP (Verein Prävention Essverhaltensstörungen praxisnah): www.pepinfo.ch
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Roland Müller, lange war es relativ egal, wie Jungs aussahen, solange sie nicht dick waren. Heute geraten auch die Dünnen unter Druck. Wie ist es dazu gekommen?

Modeerscheinungen beeinflussen auch den Mann schon seit Langem, wenn auch nicht im gleichen Mass wie die Frau. Der aktuelle männliche Körperkult hat seine Wurzeln zu einem Grossteil in den 1980er-Jahren. Der auf dieses Gebiet spezialisierte US-Psychiater Harrison G. Pope hat nachgewiesen, dass die im Magazin «Playgirl» abgebildeten männlichen Pin-ups in dieser Zeit von Jahr zu Jahr muskulöser wurden, bei immer weniger Körperfett. Mit der Hollywoodkarriere von Arnold Schwarzenegger wurde in dieser Zeit auch das Bodybuilding einer breiten Masse bekannt und salonfähig gemacht. So entstand nach und nach das heutige Mainstreamideal des Mannes: muskulös und gleichzeitig schlank-definiert.

Unter Schwulen ist das schon lange das Ideal. Wie kam es dazu, dass daraus Mainstream geworden ist?

Zwar war die Körperoptik für homosexuelle Männer schon früher wichtiger, jedoch haben hetero- wie homosexuelle Männerbilder in den letzten Jahren eine ähnliche Entwicklung hin zu mehr Extremen durchgemacht. Dafür verantwortlich ist einerseits eine stark gewachsene Fitness-, Mode- und Lifestyleindustrie, die sich grosse und lukrative Märkte erschlossen hat. Mit cleverem Marketing begann sie, das muskulös-athletische Körperbild zu propagieren. Werbung hat zum Ziel, Menschen zu verunsichern und ihnen dann Produkte zu verkaufen – Werbung und Medien tragen also eine massgebliche Mitverantwortung für die Entwicklung. Hinzu kamen das Internet und soziale Medien, die für eine explosionsartige Verbreitung dieses Körperideals gerade beim jugendlichen Publikum sorgten. In der Pubertät lässt man sich bezüglich des eigenen Körpers besonders leicht verunsichern und sucht nach Vorbildern. Und je mehr Jugendliche dem muskulösen Körper nacheiferten, desto höher wurde der Druck auf alle anderen, dies ebenfalls anzustreben. Instagram ist ein Kanal, der dies momentan besonders befeuert.

Inwiefern?

Dort präsentieren sich weibliche Beauty-Bloggerinnen genau gleich wie männliche Fitnessstars. Sie zeigen ihre vermeintlich attraktiven Körper und promoten mit Gutscheinen und Rabatten auch gleich noch die entsprechenden Schönheitsprodukte. Im Grunde geht es vor allem darum, Geld zu verdienen. Insgesamt macht die Industrie dreistellige Millionenumsätze mit Produkten rund um Fitness inklusive Ernährungszusätze und Mode.

Anorektikerinnen sieht man ihr Problem auf den ersten Blick an, den Muskelsüchtigen nicht.

Gibt es tatsächlich kaum noch männliche Teenager, die nicht ins Fitnesscenter gehen?

Offizielle Zahlen kenne ich nicht, aber die Kundschaft in den Studios wird ganz klar jünger und trainiert immer aggressiver. Es gibt aber auch die anderen, die entspannt und unverbissen zwei Mal pro Woche zum Ausgleich etwas Bewegung suchen. Dass die meisten Jugendlichen in irgendeiner Form Sport treiben, war schon immer so. Heute geht der Trend jedoch in Richtung Individualsport, und den macht man im Fitnesscenter, oft auch mit Kollegen. Die haben übrigens laut Studien einen besonders grossen Einfluss auf den Wunsch, mehr Muskelmasse aufzubauen und den Körper zu optimieren.

Dass sich nun auch junge Männer ganz selbstverständlich intensiv um ihr Aussehen kümmern gehört heute einfach dazu?

Ja. Zahlen aus den USA und Deutschland zeigen ausserdem, dass mindestens ein Fünftel der Männer in den Fitnessstudios unter ihrem Körperbild leiden, und zwar pathologisch – vergleichbar mit der Anorexie: Egal, wie trainiert man aussieht, der Körper wird immer noch als zu dünn und/oder zu wenig definiert gesehen, weswegen Betroffene sehr unglücklich sind. Anorektikerinnen sieht man ihr Problem auf den ersten Blick an, den Muskelsüchtigen nicht, denn diese sehen in der Regel von aussen gesund aus. Übrigens leiden auch Frauen unter dieser Art der Körperbildstörung, jedoch weniger häufig als Männer.

Mädchen und Frauen stehen schon lange unter dem Druck, ihren Körper zu optimieren. Im Grunde ist es fair, dass das jetzt auch für Jungs und Männer gilt, nicht?

Es scheint, dass die Gleichberechtigung uns nun auch auf dieser Ebene einholt. Und bedenkt man, wie gross das Interesse diverser Industrien am Geldverdienen ist, war es vielleicht unvermeidlich, dass man sich diese neue grosse Zielgruppe der Männer erfolgreich erschliesst.

Was raten Sie Eltern, wie sie mit dieser Entwicklung umgehen sollen?

Sie sollten vermeiden, ihre Kinder mit anderen zu vergleichen oder gar ihren Körperbau zu kritisieren. Wer seinem Buben dauernd sagt, er sei nicht männlich genug, muss sich nicht wundern, wenn der als Teenager später exzessiv im Fitnessstudio trainiert – das haben Studien eindeutig gezeigt.

Was wenn die Jugendlichen diese Stereotypen aus ihrem Umfeld übernehmen? Wie können Eltern damit umgehen?

Ich würde versuchen, den Fokus zu Hause und in der Freizeit auf andere Themen zu lenken, um zu zeigen, dass es auch noch anderes gibt als die dauernde Körperoptimierung. Generell ist der Einfluss der Eltern in diesem Alter jedoch begrenzt. Medizinisch gesehen, sollte man erst mit leistungsorientiertem Krafttraining anfangen, wenn man volljährig ist, da der Körper dann ausgewachsen ist. Auch psychologisch gesehen, würde ich erst in der Endphase der Pubertät zu intensivem Krafttraining raten, dann ist man schon etwas reifer und tendenziell eher in der Lage, sich mental von Bild- und Werbeeinflüssen abzugrenzen. Wenn ich in Schulen Workshops mache, stosse ich allerdings immer wieder auf 13- und 14-Jährige, die schon sehr gut über Krafttraining, Ernährung und Supplemente Bescheid wissen.

Viele dieser Körper sehen nur deshalb so perfekt aus, weil sie retouchiert wurden.

Wie wichtig ist es für das eigene Selbstwertgefühl, solchen Körperidealen zu entsprechen?

Das Selbstwertgefühl setzt sich in der Regel aus mehreren Elementen zusammen, es gibt jedoch Menschen, die es hauptsächlich aus ihrem Körperbild ableiten. Und wenn diese Leute den Eindruck haben, dem Ideal nicht zu entsprechen, wird es kritisch. Sie sind am ehesten der Versuchung ausgesetzt, ihre genetischen Grenzen mit Dopingmitteln auszuhebeln. Dies ist mit vielen körperlichen und psychischen Risiken verbunden.

Was wäre besser?

Die natürlichen Grenzen zu akzeptieren und den Selbstwert auch aus anderen Quellen zu speisen. Eltern und Angehörige können Jugendliche unterstützen, Talente und Fähigkeiten fernab von Körperbild und Muskeln zu finden und zu fördern, und ihnen so helfen, daraus Selbstwert zu entwickeln. Der Trend in der Fitnessszene geht aber klar in Richtung von extremen Körperveränderungen, mehr Doping und mehr Medikamente.

Wie kann man sich gegen diesen Druck zur Körperoptimierung wehren?

Das ist nicht leicht, umso mehr als wir auf den sozialen Medien pausenlos mit digital bearbeiteten Bildern konfrontiert sind, ohne es zu realisieren. Viele dieser Körper sehen nur deshalb so perfekt aus, weil sie retouchiert wurden. Am besten versucht man auf Social Media, Konten mit solchen Bildern ganz bewusst zu ignorieren.

Was müsste auf gesellschaftlicher Ebene geschehen, um den Druck zu lindern?

Turn- und Sportunterricht sollten nicht primär an Leistungen, sondern an Freude gekoppelt sein. Es könnte zudem helfen, wenn an Schulen Medienkompetenz unterrichtet würde. Wer weiss, wie die Werbung und die Medien funktionieren, kann sich eher vor deren Einfluss schützen. Ebenfalls hilfreich wäre ein Gesetz, wie es Frankreich eingeführt hat: Models brauchen eine ärztliche Bescheinigung, dass sie gesundheitlich für den Beruf geeignet sind, zudem müssen Magazine auf retouchierte Werbefotos hinweisen.

Weitere Informationen über PEP (Verein Prävention Essverhaltensstörungen praxisnah) finden sich hier

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Leandro Bento

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