15. Oktober 2018

Der Preis für stille Macher

Sie setzen sich ein für die Gesellschaft – und das, ohne eine Gegenleistung zu erwarten: die Helden des Alltags. Zusammen mit dem Schweizer Radio und Fernsehen sucht das Migros-Magazin die Heldinnen und Helden 2018.

Sie engagieren sich freiwillig, weil sie glauben, dass Engagement «die Gesellschaft weiterbringt». Wie Markus Walser. Oder weil sie «einfach gern dienen», wie Kevin Hirt. Beide wurden als Helden des Jahres ausgezeichnet, ein Preis, den das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) auch 2018 wieder verleihen wird. Die Preisträger wählt der Sender gemeinsam mit dem Publikum aus. Wer kennt eine Heldin oder einen Helden des Alltags, die oder der diesen Preis verdient? Vom 18. Oktober bis 16. November kann jeder seinen Favoriten nominieren. Ein Formular dafür findet man auf www.srf1.ch. Zur Inspiration sind auf der Website die bisherigen Preisträger seit 2014 aufgelistet. Und man kann nachlesen, was die Auszeichnung für die Betreffenden bedeutet, wie sich ihr Engagement entwickelt hat und warum sie motiviert sind, weiterhin Gutes zu tun.

Markus Walser (46) aus Wangs SG: Ohne ihn kein Bähnli

Held des Jahres 2017: Markus Walser. Ohne ihn hätte die Palfries-Seilbahn ihren Betrieb wohl nie mehr aufgenommen.


Wenn Markus Walser von der Militärseilbahn bei Sargans SG spricht, gerät er ins Schwärmen. «Sie hat eine geniale Trasse.» Zuerst fährt man über die Wasserfälle des Ragatscher Bachs, dann über ein kleines Tal, in dem manchmal Wildtiere zu sehen sind, bevor sich auf der Hochebene Palfries ein eindrücklicher Ausblick über den Walensee und in die Glarneralpen bietet. Zwei Gondeln bringen von Ende Mai bis Mitte November je acht Personen in zwölf Minuten von 500 auf 1700 Höhenmeter. Oben befinden sich ein weitverzweigtes Wandergebiet und Bergrestaurants.


Doch bis die alte Militärseilbahn 2016 den fahrplanmässigen Betrieb aufnehmen konnte, mussten Walser und gut 70 weitere freiwillige Helfer unzählige Arbeitsstunden für die Instandsetzung leisten. Die Schweizer Armee baute die Bahn im Jahr 1941 als Teil der Festung Sargans. 1998 gab sie die Palfries­Seilbahn für die zivile Nutzung frei. Rechtsstreitigkeiten mit den Nachbarn verhinderten allerdings einen weiteren Betrieb.


Markus Walser wurde 2008 gefragt, ob nicht er das Präsidium der Seilbahn übernehmen wolle, um den Fortbestand zu sichern. Er sagte zu, «weil ich es wichtig und richtig finde, dass Freiwilligenarbeit gemacht wird. Nur das bringt uns als Gesellschaft weiter». Es folgten zehn Jahre, in denen sich die Genossenschaft mit den Behörden herumschlug. «Wir mussten nachweisen, dass die Seilbahn sicher ist.»


Mittlerweile ist sie bei Ausflüglern so gefragt, dass eine Fahrt unbedingt online reserviert werden muss. Walser, der sein Präsidium dieses Jahr abgegeben hat, freut sich, dass sich der Einsatz gelohnt hat: «Wenn man die Freude der Fahrgäste sieht, kommen einem manchmal fast die Tränen.»

Thomas Niederer (53) aus Hergiswil am See NW: Er taucht für alle ab

Held des Jahres 2016: Thomas Niederer, der Schweizer Seen saubertaucht.


In unseren Schweizer Seen liegt Abfall. Sehr viel, wie Thomas Niederer immer wieder mit eigenen Augen sieht. Seit neun Jahren sammelt der leidenschaftliche Taucher Autoreifen, Velos, alte Batterien, Flaschen, Plastik und vieles mehr vom Seegrund ein. Mittlerweile engagieren sich etwa 80 Taucher und 30 Helfer an Land ehrenamtlich im Verein «Schweizer Umwelt- und Abfalltaucher» (Suat), den Niederer ins Leben gerufen hat. Etwa 350 Tonnen Material konnten sie bis jetzt bergen und fachgerecht entsorgen. «Bei jedem Clean­up füllen wir eine ganze Abfallmulde von sechs Kubikmetern», sagt Niederer. Dass er mal ein Abfalltaucher sein würde, war nicht sein Plan. «Ich wollte ursprünglich zum Spass tauchen, die Unterwasserwelt erkunden, Fische und Krebse sehen.» Doch dann seien ihm die Abfallberge aufgefallen. Niederer kann nicht verstehen, was die Menschen alles in den See werfen. «Wir nutzen die Gewässer, um Spass zu haben, und vergessen dabei, dass die Seen hochsensible Ökosysteme sind, in denen viele Tiere leben.»


Ginge es nach Niederer, sollten Kinder in der Schule oder schon im Kindergarten für die Umwelt sensibilisiert werden. Grosse Sorgen macht ihm der zunehmende Anteil an Plastik, auch Mikroplastik, in unseren Gewässern. «Das ist nicht nur ein Problem der Drittweltländer. Auch in unseren Gewässern sammelt sich dieses Material an.» Verschiedene Lebewesen fressen Plastik und verhungern infolgedessen. Schon deshalb ist Niederer motiviert, auch bei niedriger Wassertemperatur nach Abfall auf dem Seegrund zu tauchen.

Kevin Hirt (28) aus Oftringen AG: Er schliesst alle mit ein

Held des Jahres 2015: Kevin Hirt


Er wurde für sein Engagement in der Jugendorganisation Cevi zum Helden gewählt. Es sei für ihn eine Ehre gewesen, zum Helden gewählt zu werden, sagt Kevin Hirt und betont: «Mir war immer wichtig, dass ich diese Auszeichnung nicht nur für mich selbst beanspruchen möchte.» Denn es gäbe viele andere, die sich wie er in der christlichen Jugendorganisation Cevi, in der Pfadi, in der Besj, der Jubla und allen anderen Jugendverbänden engagierten. «Denen gehört der Titel genauso», sagt Hirt. In seinen Augen ist es wichtig, dass es die Cevi gerade in der heutigen Zeit gibt. «Hier können sich die Kinder und Jugendlichen austoben, in die Natur gehen, lernen, Verantwortung zu übernehmen.» Auch würden in der Cevi christliche Werte vermittelt. «Das macht die Organisation für mich zu etwas Besonderem.» Kevin Hirt setzt sich gern für andere ein.


«Ich bin von Natur aus ein dienender Mensch.» Dies zeige sich nicht nur in der Cevi. Der gelernte Koch hat sich erst kürzlich zum Arbeitsagogen ausbilden lassen und betreut nun in einem Restaurant Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. «Ich wollte weiterhin als Koch arbeiten und mich gleichzeitig sozial engagieren können.» Als
Arbeitsagoge schaue er, was die Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten vermögen und was eben nicht. «Jede Person hat Fähigkeiten. Ich sorge dafür, dass sie ein möglichst normales Arbeitsumfeld haben.»

Esther Schönmann (76) aus Aarwangen AG: Sie ist für Randständige da

Heldin des Jahres 2014: Esther Schönmann im Einsatz in ihrer Gassenküche in Langenthal BE.


Seit mittlerweile 15 Jahren setzt sich Esther Schönmann für Personen ein, die am Rande der Gesellschaft stehen.Angefangen hat alles mit einer Diplomarbeit, die Schönmann im Rahmen ihrer Ausbildung zur psychologischen Lebenstherapeutin schreiben musste. «Sehnsucht, Suchen, Drogensucht» lautete der Titel. Bei der Recherche merkte sie schnell, dass sie sich nicht nur theoretisch mit dem Thema befassen will. Also ging sie auf die Strasse, traf die Drogenkranken persönlich und fand: Für die wird in der Schweiz viel zu wenig getan.


In den folgenden sechs Monaten verteilten sie und ihr Kollege und Hobbykoch Hans-Ruedi Leuthold ein Mal in der Woche im Freien Suppe für die Alkoholiker und Drogenkranken, die sich auf dem Wuhrplatz in Langenthal aufhielten. Dann machte sie sich auf, einen Raum für die Gassenküche zu suchen. Mittlerweile offerieren Esther Schönmann und ihre Helfer von Oktober bis Ostern einmal in der Woche ein warmes Menü in der Gassenküche in Langenthal. Bis zu 60 Portionen werden an Bedürftige, darunter auch alleinstehende Rentnerinnen und Rentner, verteilt. Die Lebensmittel erhält Esther Schönmann als Spende von der «Schweizer Tafel».


Auch Kleider und Lebensmittel können bei Schönmann jeden Mittwoch gratis bezogen werden. Von sich selber sagt die Rentnerin: «Ich bin der Typ, der das Elend und die Not moralisch aushalten kann.» Dafür bekomme sie auch viel zurück. «Wenn wir mit den Lebensmitteln kommen, springen die Leute auf und zeigen ihre Freude. Das ist schön.» Für die Zukunft wünscht sich Schönmann einen grösseren Raum für die Abgabe von Esswaren und Kleidern. Der jetzige sei mittlerweile viel zu klein. Doch einen solchen zu finden, sei alles andere als einfach.

Tanja Reusser (44) aus Belp BE: Ihr grosser Einsatz für Patienten

Heldin des Jahres 2014: Tanja Reusser, Präsidentin im Einsatz für Schmetterlingskinder


Tanja Reussers Tochter leidet seit ihrer Geburt unter Epidermolysis bullosa (EB), einem seltenen Gendefekt, der dafür verantwortlich ist, dass ihre Haut äusserst empfindlich ist. Jede Berührung kann schnell zu Verletzungen und grossflächigen Wunden führen. Sogar ungeeignete Kleider können die Haut verletzen. Weil die Haut so empfindlich wie die Flügel eines Schmetterlings ist, nennt man die Betroffenen in der Umgangssprache auch Schmetterlingskinder. Schweizweit gibt es geschätzt lediglich 200 Fälle.


Um anderen betroffenen Familien den Alltag mit EB zu erleichtern, hat sich Tanja Reusser 2004 entschieden, das Präsidium von Debra Schweiz zu übernehmen, dies trotz der Mehrfachbelastung als alleinerziehende berufstätige Mutter. «Ich will vor allem anderen Eltern von Schmetterlingskindern zeigen, dass man mit dieser Krankheit auch ein möglichst normales Leben führen kann», sagt sie. «Wir beraten zum Beispiel die pflegenden Eltern, damit sie sich auch mit gutem Gewissen entlasten und nicht ausbrennen.»


Wer ein Schmetterlingskind hat, auf den wartet viel Arbeit. Debra Schweiz soll nicht nur die Eltern unterstützen, sondern auch EB bekannt machen. Denn noch immer würden Schmetterlingskinder wegen ihrer stark vernarbten Haut in der Öffentlichkeit angestarrt. «Manche fragen sich beispielsweise, ob diese Krankheit ansteckend ist, und gehen auf Distanz.» Seit Kurzem unterstützt auch der Musiker Luca Hänni als Botschafter die Organisation. «Wir sind ihm wahnsinnig dankbar», sagt Reusser. Denn je bekannter die Krankheit sei, desto normaler könnten Betroffene ihr Leben führen.

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