24. Mai 2018

Der Pendler im Land der Rhätischen Bahn

Primo Semadeni arbeitet dort, wo andere Ferien verbringen: Er ist Beizer auf der Alp Grüm sowie im Bahnhofbuffet Ospizio Bernina – und Pendler auf der Unesco-Welterbestrecke der Rhätischen Bahn.

Primo Semadeni Alp Grüm
Primo Semadeni vor dem Bahnhof Alp Grüm auf 2091 Meter: «Es macht Freude, in dieser einmaligen Landschaft zu wirten.»

Primo Semadeni (51) guckt während der Arbeit mindestens jede Stunde auf die Uhr. Nicht etwa aus Langeweile. Nein, es ist der Fahrplan des Bernina-Express, der ihm den Takt seines Tages vorgibt. Semadeni wirtet auf der Alp Grüm und im Hotel-Restaurant Ospizio auf der Bernina-Passhöhe. Die beiden Betriebe liegen nur sieben Bahnminuten voneinander entfernt. Will aber der Wirt im anderen Betrieb noch kurz nach dem Rechten sehen und verpasst den Zug, muss er sich eine volle Stunde gedulden.

Zimmer in der Alp Grüm
Dieses Zimmer im Bahnhof der Alp Grüm hat gleich vier «Fernseher». So bezeichnet Primo Semadeni die Aussicht.

Morgens von A nach B und abends wieder zurück: Pendeln ist für neun von zehn Berufstätigen in der Schweiz täglich Brot. Im Fall von Primo Semadeni ist die Sache insofern angenehmer, als er sich am Bahnhof nicht durch Menschenmengen quälen muss. Und seine Aussicht auf den Piz Palü ist auch um einiges imposanter als das Panorama auf das Mittelland zwischen Bern und Zürich, in dem sich täglich die grössten Pendlerströme bewegen.

Dafür hat Semadenis Arbeitsweg ein paar Tücken: Erreichbar ist Grüm nur mit der Bahn oder zu Fuss. Im Sommer fährt er von seinem Zuhause in Bever mit dem Auto bis zur Passhöhe und von dort in sieben Minuten mit der Rhätischen Bahn zum einzigen Hotel-Restaurant mit Nur-Bahnanschluss, das sich nur ein paar Meter vom Gleis entfernt befindet. Bei Schneefall lässt er das Auto in der Garage und fährt mit dem Zug. Dann ­dauert der Arbeitsweg über eine Stunde

Bis zu fünf Mal pro Tag pendelt der Wirt täglich zwischen Grüm und Hospiz hin und her. Aus der Ruhe bringen lässt er sich nicht, dafür hat er in den 13 Jahren als freiwilliger Transporthelfer beim Rettungsdienst Spital Oberengadin in Samedan genügend echte Notfälle gesehen. Zum fleissigsten Passagier des Bernina-Express wird er montags. Dann fährt er mit dem ersten Zug von der Passhöhe zur Alp Grüm, prüft das Frühstücksbuffet, fährt zurück ins Ospizio, um den Kehricht zu verladen und erledigt später das Gleiche auf der Alp Grüm. Zusätzlich kümmert er sich unter anderem um das Leergut, die Buchhaltung oder auch mal um eine Scheibe, die zu Bruch gegangen ist.

Primo Semadeni Alp Grüm
Primo Semadeni und seinen Mitarbeitenden bleibt nur wenig Zeit, wenn die im Zug transportierten Lebensmittel abgeladen werden müssen.

Verpasst Primo Semadeni in seinem täglichen Hin und Her zwischen seinen Betrieben mal den Zug, weil er Wanderern den Weg weist oder für Gäste ein Erinnerungsfoto schiesst, geht keine Welt unter. Dümmer ist es, wenn er oder sein Team vergisst, beim Zwischenhalt auf Alp Grüm die bestellten Waren aus dem Zug auszuladen. Dann fährt der Vorrat mit der Rhätischen Bahn weiter bis nach Italien. Weil die «Zutaten noch auf einer kleinen Italien-Rundreise» ­waren, musste Semadeni seine Gäste auch schon vertrösten, wenn sie die geliebten Pizzoccheri essen wollten. Gemüse, Milchprodukte und Teigwaren werden mit dem Zug aus Pontresina transportiert, Fleisch, das täglich frische Brot und die Getränke aus dem Puschlav. Mit den Jahren ist der Wirt auch zum Logistikprofi geworden. Denn wehe, es geht ihm was durch die Lappen: «Wenn ich das Brot vergesse, kann ich es nicht einfach schnell über die Strasse holen.»In der Schule wünschte sich Semadeni eine Zeitmaschine, um den Minutenzeiger etwas in Schwung zu bringen, oder eine Idee, wie er die Lektionen ganz überspringen könnte. «Ich war ein fauler Schüler», erinnert er sich, «Kellner habe ich nicht aus Interesse gelernt, sondern weil die Lehre bloss zwei Jahre dauert.»

Restaurant Alp Grüm
Das Restaurant der Alp Grüm ist auch unter Tagesausflüglern beliebt.

Aus dem «Minüteler» von einst ist ein Unternehmer geworden, der nur wenig Rast kennt. Mit dem kantonalen Wirtepatent in der Tasche kaufte er 2001 das marode Bahnhofbuffet Bever. So wurde die Rhätische Bahn Jahre später auf Semadeni aufmerksam und fragte ihn an, ob er den Betrieb auf der Alp Grüm zwischen Pontresina und Poschiavo GR retten würde. Seit 2011 führt er auch das Bahnhofbuffet Ospizio auf der Passhöhe der Bernina-Strecke zwischen Pontresina GR und Tirano (I). «Es macht Freude, in dieser einmaligen Landschaft zu wirten», sagt der Pächter.

Im Bahnhofbuffet Bever arbeitet er inzwischen nur noch selten. Dafür führt seine Lebenspartnerin das für seine italienische Küche bekannte Restaurant «Da Primo» im Engadiner Dorf. Drei Betriebe jongliert das Wirtepaar, die Lohnliste umfasst 23 Mitarbeitende.«Ich bin mit meinen drei Betrieben verheiratet, aber trotzdem gern auch einmal allein», sagt Semadeni. Wenn dem Wirt der Takt zu schnell wird, zieht er sich dorthin zurück, wo er einzig mit dem Mobiltelefon erreichbar ist – in sein Maiensäss im Puschlav. «Im Winter erreiche ich das Maiensäss mit den Schneeschuhen in einer Stunde, im Sommer mit dem Auto in ein paar Minuten.» Dort geniesse er die Ruhe in der Natur, seinen Garten mit Kartoffeln und die Momente, in denen ein Hirsch seelenruhig durch die Aussicht wandert. Fehlen tue ihm da nichts, wenn für einmal die Zeit stillsteht: «Meine Lebenspartnerin und ich sehen uns nicht so oft – zum Glück, dann gibts keinen Ärger.»Primo Semadeni arbeitet dort, wo andere Ferien verbringen: Er ist Beizer auf der Alp Grüm sowie im Bahnhofbuffet Ospizio Bernina – und Vielfachpendler auf der Unesco-Welterbe-Strecke der Rhätischen Bahn.

Primo Semadeni (51) guckt während der Arbeit mindestens jede Stunde auf die Uhr. Nicht etwa aus Langeweile. Nein, es ist der Fahrplan des Bernina-Express, der ihm den Takt seines Tages vorgibt. Semadeni wirtet auf der Alp Grüm und im Hotel-Restaurant Ospizio auf der Bernina-Passhöhe. Die beiden Betriebe liegen nur sieben Bahnminuten voneinander entfernt. Will aber der Wirt im anderen Betrieb noch kurz nach dem Rechten sehen und verpasst den Zug, muss er sich eine volle Stunde gedulden.

Morgens von A nach B und abends wieder zurück: Pendeln ist für neun von zehn Berufstätigen in der Schweiz täglich Brot. Im Fall von Primo Semadeni ist die Sache insofern angenehmer, als er sich am Bahnhof nicht durch Menschenmengen quälen muss. Und seine Aussicht auf den Piz Palü ist auch um einiges imposanter als das Panorama auf das Mittelland zwischen Bern und Zürich, in dem sich täglich die grössten Pendlerströme bewegen.

Dafür hat Semadenis Arbeitsweg ein paar Tücken: Erreichbar ist Grüm nur mit der Bahn oder zu Fuss. Im Sommer fährt er von seinem Zuhause in Bever mit dem Auto bis zur Passhöhe und von dort in sieben Minuten mit der Rhätischen Bahn zum einzigen Hotel-Restaurant mit Nur-Bahnanschluss, das sich nur ein paar Meter vom Gleis entfernt befindet. Bei Schneefall lässt er das Auto in der Garage und fährt mit dem Zug. Dann ­dauert der Arbeitsweg über eine Stunde.

Primo Semadeni im Zug der Rhätischen Bahn in der Nähe von Ospizio Bernina
Primo Semadeni ist ein fleissiger Pendler zwischen der Passhöhe Bernina und der Alp Grüm.


Bis zu fünf Mal pro Tag pendelt der Wirt täglich zwischen Grüm und Hospiz hin und her. Aus der Ruhe bringen lässt er sich nicht, dafür hat er in den 13 Jahren als freiwilliger Transporthelfer beim Rettungsdienst Spital Oberengadin in Samedan genügend echte Notfälle gesehen. Zum fleissigsten Passagier des Bernina-Express wird er montags. Dann fährt er mit dem ersten Zug von der Passhöhe zur Alp Grüm, prüft das Frühstücksbuffet, fährt zurück ins Ospizio, um den Kehricht zu verladen und erledigt später das Gleiche auf der Alp Grüm. Zusätzlich kümmert er sich unter anderem um das Leergut, die Buchhaltung oder auch mal um eine Scheibe, die zu Bruch gegangen ist.

Verpasst Primo Semadeni in seinem täglichen Hin und Her zwischen seinen Betrieben mal den Zug, weil er Wanderern den Weg weist oder für Gäste ein Erinnerungsfoto schiesst, geht keine Welt unter. Dümmer ist es, wenn er oder sein Team vergisst, beim Zwischenhalt auf Alp Grüm die bestellten Waren aus dem Zug auszuladen. Dann fährt der Vorrat mit der Rhätischen Bahn weiter bis nach Italien. Weil die «Zutaten noch auf einer kleinen Italien-Rundreise» ­waren, musste Semadeni seine Gäste auch schon vertrösten, wenn sie die geliebten Pizzoccheri essen wollten. Gemüse, Milchprodukte und Teigwaren werden mit dem Zug aus Pontresina transportiert, Fleisch, das täglich frische Brot und die Getränke aus dem Puschlav. Mit den Jahren ist der Wirt auch zum Logistikprofi geworden. Denn wehe, es geht ihm was durch die Lappen: «Wenn ich das Brot vergesse, kann ich es nicht einfach schnell über die Strasse holen.»

In der Schule wünschte sich Semadeni eine Zeitmaschine, um den Minutenzeiger etwas in Schwung zu bringen, oder eine Idee, wie er die Lektionen ganz überspringen könnte. «Ich war ein fauler Schüler», erinnert er sich, «Kellner habe ich nicht aus Interesse gelernt, sondern weil die Lehre bloss zwei Jahre dauert.»

Ospizio Bernina
Hinter der Alp Grüm breitet sich das Panorama rund um den Piz Palü aus.

Aus dem «Minüteler» von einst ist ein Unternehmer geworden, der nur wenig Rast kennt. Mit dem kantonalen Wirtepatent in der Tasche kaufte er 2001 das marode Bahnhofbuffet Bever. So wurde die Rhätische Bahn Jahre später auf Semadeni aufmerksam und fragte ihn an, ob er den Betrieb auf der Alp Grüm zwischen Pontresina und Poschiavo GR retten würde. Seit 2011 führt er auch das Bahnhofbuffet Ospizio auf der Passhöhe der Bernina- Strecke zwischen Pontresina GR und Tirano (I). «Es macht Freude, in dieser einmaligen Landschaft zu wirten», sagt der Pächter.

Im Bahnhofbuffet Bever arbeitet er inzwischen nur noch selten. Dafür führt seine Lebenspartnerin das für seine italienische Küche bekannte Restaurant «Da Primo» im Engadiner Dorf. Drei Betriebe jongliert das Wirtepaar, die Lohnliste umfasst 23 Mitarbeitende.

«Ich bin mit meinen drei Betrieben verheiratet, aber trotzdem gern auch einmal allein», sagt Semadeni. Wenn dem Wirt der Takt zu schnell wird, zieht er sich dorthin zurück, wo er einzig mit dem Mobiltelefon erreichbar ist – in sein Maiensäss im Puschlav. «Im Winter erreiche ich das Maiensäss mit den Schneeschuhen in einer Stunde, im Sommer mit dem Auto in ein paar Minuten.» Dort geniesse er die Ruhe in der Natur, seinen Garten mit Kartoffeln und die Momente, in denen ein Hirsch seelenruhig durch die Aussicht wandert. Fehlen tue ihm da nichts, wenn für einmal die Zeit stillsteht: «Meine Lebenspartnerin und ich sehen uns nicht so oft – zum Glück, dann gibts keinen Ärger.»

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