29. Juli 2019

Der neue Röstigraben

Bänz Friedli (54) hat Mühe mit gewissen Parolen. Hier kannst Du Dich mit dem Kolumnisten und seinen Leser*innen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

zum ersten August
Lesezeit 1 Minute

Der Satz will mir nicht aus dem Kopf. «Die linke Stadt hat die ländlichen Gebiete, in denen hart gearbeitet wird, überstimmt.» So wetterte er im Frühjahr, der Parteipräsident, der heisst wie eine Nationalspeise aus heissen Kartoffeln. Er war an der Urne mit dem Ansinnen unterlegen, die Sozialabgaben noch mehr zu senken, und natürlich waren beide Pauschalisierungen Chabis: dass alle Stadtbewohner links seien und dass nur auf dem Land hart gearbeitet werde.
Ich könnte ihm nun einfach einen freundlichen Gruss nach Uetendorf schicken und ihm versichern, dass auch ich ziemlich hart arbeite – wie alle Nachbarn, Freundinnen und Bekannten hier in der Stadt.

Aber das weiss er ja. Und das ist, was mich am Politgeschäft so irritiert: wie alle nur ihre Klientel bewirtschaften, wie sie die eigene Wählerschaft mit Sprüchen ködern, von denen sie selber wissen, wie faul sie sind. Über angeblich arbeitsscheue Städter herzuziehen, greift genauso zu kurz, wie wenn der Chef der Bundeshausredaktion im ach so klugen Zürcher «Tages-Anzeiger» gegen die tumbe Landbevölkerung stänkert. «Das Gemisch aus Diesel, Tannenharz und Eberdung in der Luft, die Schnitzel-Pommes-frites in der Dorfbeiz», das sei nicht seine Welt, schrieb er vor einiger Zeit. Und verstieg sich zum Rundumschlag, dass «die Landbevölkerung an ziemlich vielen Orten der Welt ziemlich grossen Schaden anrichtet». Er gab «dem Land» die Schuld an der Wahl Trumps, an Erdogans Schreckensregime, an Islamismus, Fremdenhass – an allem. Doch mit der herablassenden Verunglimpfung befriedigte besagter Redaktor nur seine Kundschaft. Just wie der Präsident namens Albert.

Es ist alles ein bisschen komplizierter, als die beiden uns weismachen wollen, aber auch sehr viel lebendiger. Es gibt Faule auf dem Land, aber es gibt dort auch viele Gescheite, Weltoffene. Und wenn wir schon Feuerwerk in den Himmel schiessen zur Feier der Nation, sollten wir daran denken, dass wir nur gemeinsam weiterkommen: Büezer aus der Stadt, Studierte vom Land, Linke, Rechte, Grüne und Hellgrüne, Alte, Junge, alle miteinander.
Es ist Wahljahr, ich weiss, und Wahlkampf bedingt das Ausgrenzen. Aber mich ödet das an. Denn nur Gemeinsinn kann diese Schweiz voller Punk und Naturjutz, voller Skateboarderinnen und Schwinger, Veganer und Wurstliebhaberinnen voranbringen.

Die Rösti übrigens gibt es auch in Irland, Südspanien, Alaska, Chile … Sie heisst dort nur anders. Die Welt ist uns, genau betrachtet, gar nicht so fremd. Und dem Herrn vom «Tages-Anzeiger» empfehle ich fürs Erste einen Ausflug aufs Land.

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 2. 8. Unterwasser SG; 3. 8. Steinhausen ZG, Waldstock Open Air; 4. 8. Grindelwald BE

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