08. Juni 2018

Die Basler Spielermacher

Der BSC Old Boys in Basel gehört zu den grössten Vereinen im Schweizer Juniorenfussball. Der Club betreibt viel Aufwand, um seinen Spielern eine Karriere im Fussball zu ermöglichen. Mit Erfolg: Drei seiner ehemaligen Spieler sind im Nati-Kader.

Emre Erçin, U16-Spieler beim FC Basel, auf der Sportanlage Schützenmatte
Hat den Sprung zum Grossklub geschafft: Der ehemalige OB-Junior Emre Erçin spielt heute in der U16 des FC Basel.

Am Himmel über Basel hängen dunkle Wolken. Es sieht nach Regen aus. Immer wieder bricht die Sonne durch die Wolkendecke und taucht die Fussballplätze der Sportanlage Schützenmatte im Osten der Stadt in ein verwaschenes Licht.

Die Schützenmatte ist die Heimat des Fussballclubs BSC Old Boys, kurz OB, gegründet 1894 – ein Jahr nach dem übermächtigen Stadtrivalen FC Basel. Vereinspräsident Beat Fläcklin (46) steht im Trainingsanzug vor dem Garderobengebäude, einem Zweckbau in lindgrün bemaltem Beton, und plaudert mit einer Gruppe von Juniorentrainern. Es ist Mittwoch, kurz nach 17 Uhr, in wenigen Minuten beginnt das Training zahlreicher Juniorenmannschaften. Rund 600 Kinder und Jugendliche tragen die gelb-schwarzen Vereinsfarben.

Beat Fläcklin, Vereinspräsident des BSC Old Boys, auf der Tribüne des Stadions Schützenmatte
Vereinspräsident Beat Fläcklin: Sechs Mal pro Woche ist er auf der Schützenmatte präsent – ehrenamtlich.

Auf dem Weg zu ihren Trainingsplätzen schlendern sie in Grüppchen an Fläcklin und den Trainern vorbei. Und alle, so scheint es, machen kurz halt, um persönlich mit Handschlag zu grüssen. Für Fläcklin, der nebst Präsident auch Trainer einer U13-Mannschaft ist, gehört das dazu wie der Handshake mit dem Gegner nach dem Spiel. «Ein korrekter Umgang untereinander ist uns enorm wichtig. Das fängt beim Handschlag an. Wir bringen den Kindern hier nicht nur Fussball bei, sondern wollen ihnen Werte vermitteln.» Für Fläcklin ist der Fussball eine Lebensschule: gemeinsam für ein Ziel kämpfen, mit Sieg und Niederlage umgehen, Respekt zeigen. Welches Verhalten der Verein erwartet, ist im OB-Kodex schriftlich festgehalten und gilt für alle, «Spieler, Trainer, Eltern – und den Präsidenten», sagt Fläcklin und schmunzelt.

Sechs Mal Training pro Woche

OB gehört im Bereich der Junioren mit 30 Teams zu den grössten Fussballorganisationen in der Schweiz. Der Club scheint in der Ausbildung einen guten Job zu machen. Gleich drei Spieler mit OB-Vergangenheit wurden für die Schweizer Nationalmannschaft aufgeboten: Timm Klose und Eren Derdiyok stehen im Reserve-Kader, während Stürmer Breel Embolo fast sicher nach Russland reist. Was bedeutet dieser sichtbare Erfolgsausweis für den Club? «Zuerst einmal freut es mich riesig für die drei», sagt Fläcklin. «Und natürlich sind wir alle stolz, dass sie das geschafft haben, nachdem sie den OB-Weg gegangen sind. Das ist eine Bestätigung für unser Engagement und ein Antrieb für Trainer und Junioren.»

Der ehemalige OB-Junior Breel Embolo bei einem Einsatz als Schweizer Nationalspieler
Nati-Star: Breel Embolo spielte als Junior beim BSC Old Boys, bevor er zum FC Basel und später in die Bundesliga wechselte.

Ein weiteres Zeichen für die erfolgreiche Nachwuchsförderung von OB sind die Spieler, die zum FC Basel wechseln. Einer, der diesen Sprung vom Quartierverein zum Grossclub geschafft hat, ist Emre Erçin. Der 16-Jährige aus Allschwil BL wechselte vergangen Sommer in die U16-Mannschaft des FCB. Sein Ziel ist klar: ein Profivertrag. «Fussball ist mein Leben. Und ohne Fussball wäre mich wohl auch langweilig», sagt er mit breitem Lächeln. Um sein Ziel zu erreichen, muss er auf vieles verzichten. «Sechs Mal pro Woche bin ich im Training, dazu kommt während der Saison jeweils ein Match. Da bleibt wenig Freizeit übrig.»

Beim FCB wurde der Rechtsverteidiger zum Rookie of the Year, also zum besten U16-Nachwuchsspieler, gewählt. Das, obwohl er fast die Hälfte der Saison wegen eines gebrochenen Sprunggelenks verpasst hat. Wie geht er mit einer solchen Verletzung um? «Nicht spielen zu können macht, mich traurig», sagt er. «Aber die Verletzung hat mich noch mehr motiviert. Auf die neue Saison bin ich wieder fit und gebe Vollgas. Das tue ich eigentlich immer.» Erçin ist aber realistisch genug, um zu wissen, dass es mit der Profikarriere auch nicht klappen könnte. «Eine gute Ausbildung zu haben, ist mir wichtig. Deshalb gehe ich ab Sommer in die WMS (Wirtschaftsmittelschule). Auch der FCB achtet darauf, dass wir alle eine Berufsausbildung machen und unterstützt uns dabei.» Druck, Profi zu werden, verspürt er nicht, wie er sagt. Zumindest nicht von seinen Eltern und Trainern: «Druck mache ich mir vor allem selbst.»

Beat Fläcklin beim Training mit der U13-Mannschaft des BSC Old Boys
Kontakt zur Basis: Nebst dem Amt als Vereinspräsident ist Beat Fläcklin auch Trainer einer Juniorenmannschaft.

Ehrgeiz und Wille

«Fussball soll für die Kinder Spass und Freude sein», sagt Beat Fläcklin. Natürlich gäbe es einen gewissen Leistungsdruck ab der Stufe Préformation im Alter von 12 Jahren. Denn dort beginnt die Talentförderung des Fussballverbands zu greifen. Seit 2013 arbeiten die Fussballclubs in den verschiedenen Regionen verstärkt zusammen, um möglichst viele Talente zu entdecken und zu fördern. Am Ende sollen so mehr Spieler den Sprung zum Profi und in die Nationalmannschaft schaffen. An der Spitze stehen die Super League Vereine, Clubs wie OB sind ihre Partner und übernehmen die Grundausbildung der Junioren. Erkennt der Führungsclub ein Talent, darf er es in seinen eigenen Nachwuchs transferieren. «Ab dieser Stufe, beginnt die Vermessung der Spieler. Vorher steht nicht die Leistung im Vordergrund, sondern die individuelle Entwicklung. Aber es ist klar, Ehrgeiz und Wille sind im Sport immer wichtig.»

Ausreichend Ehrgeiz scheint bei OB-Junior Josi Schneider (9) vorhanden zu sein. Seit er fünf Jahre alt ist, spielt er Fussball. Vor zwei Jahren wechselte er vom Dorfclub Amicitia Riehen zum grösseren BSC Old Boys. «Profi werden ist schon mein Ziel», erzählt er mit ernstem Gesichtsausdruck. «Zum Ende meiner Karriere möchte ich beim FCB spielen, vorher bei Leverkusen, Schalke oder am liebsten bei Manchester City, das ist meine Lieblingsmannschaft.»

Junger Fussballer: Josi Schneider vor dem Garderobengebäude der Schützenmatte
Grosse Ziele: Josi Schneider (9) möchte einmal bei Manchester City spielen. Dort müsste er wohl auch keine Bälle mehr tragen.

Vom Tschütteler zum Juniorentalent

Die unterschiedlichen Ziele und Ansprüche der Clubmitglieder – von den jüngsten Tschüttelern über die talentierten Junioren bis zu den erwachsenen Hobbyfussballern – sind für OB eine Herausforderung, wie Fläcklin sagt. «Wir möchten jedem Mitglied möglichst gut gerecht werden. Wir machen also einen Spagat zwischen unserer Rolle als Breitensportanbieter und Quartierverein und der bestmöglichen Unterstützung unserer ambitionierten Aktivmannschaften.» Der Aufwand, den er und die anderen Funktionäre dafür ehrenamtlich betreiben, ist gross. Sechs Mal pro Woche ist er auf der Schützenmatte, für Trainings, Sitzungen und Gespräche. «Wieviel Zeit ich genau aufwende, berechne ich lieber nicht. Sonst würde ich wohl aufhören», sagt Fläcklin. Weshalb er es trotzdem tut, ist für ihn klar: «Ich mache es für die Kinder. Wir können ihnen eine tolle Jugend ermöglichen, einen Halt geben und tun so etwas für die Gesellschaft. Und ich habe einfach Freude am Fussball.»

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