07. Januar 2013

Der Model-Staat

Der Thurgauer Daniel Model hat 2006 seinen eigenen Staat, Avalon, ausgerufen. Inzwischen hat er ein gutes Dutzend Staatsbürger, einen Regierungssitz und sogar eigene Münzen. Doch wer den Unternehmer einfach als Spinner abqualifiziert, tut ihm unrecht.

Daniel Model, Gründer seines eigenen Staates Avalon
Würde am liebsten seinen Schweizer Pass abgeben: Daniel Model, Gründer seines eigenen Staates Avalon.

Daniel Model (52) ist vieles: ein Utopist, ein Träumer und Nostalgiker, ein klassischer, sehr belesener Bildungsbürger mit spirituellen Neigungen, ein Libertärer, der die Freiheit des Individuums über alles setzt und dem modernen Staat zutiefst skeptisch gegenübersteht — aber gleichzeitig ist Model auch Realist genug, um als Unternehmer sehr erfolgreich zu sein. Dieser Erfolg hat ihm ermöglicht, seinen Modelhof zu bauen, jenes prächtige, palastartige Gebäude in Müllheim TG, das er letzten Juni eröffnet hat und das zum Herzstück seines Staats, Avalon, geworden ist.

Der Modelhof: Das Herzstück des Staates Avalon wurde im letzten Juni eröffnet.
Der Modelhof: Das Herzstück des Staates Avalon wurde im letzten Juni eröffnet.

Daniel Model, verheiratet, drei Kinder zwischen 19 und 23 Jahren, Doktor der Ökonomie, ist Mitbesitzer der Model Holding AG in Weinfelden TG, die seit 1882 sehr erfolgreich Verpackungen aller Art herstellt. Model führt das profitable Familienunternehmen seit 1995 in vierter Generation, beschäftigt rund 3000 Personen in mehreren Ländern Europas und macht einen jährlichen Umsatz von rund 600 Millionen Franken.

Staatliche Sicherheitsnetze sind Daniel Model ein Dorn im Auge

Am 22. März 2006 hatten die Gemeindeammänner des Kantons Thurgau den erfolgreichen Unternehmer und damaligen Präsidenten des Arbeitgeberverbands Mittelthurgau zu einer Rede eingeladen. Um das Verhältnis zwischen Staat und Unternehmen sollte es gehen. Ging es dann auch, aber etwas anders, als die Gemeindeammänner erwartet hatten. Models Rede gipfelte in der Ausrufung seines eigenen Staats, dessen Grenzen er mit einer ausholenden Geste seiner Arme um sich herum beschrieb.

Die Reaktion schwankte zwischen Irritation und Konsternation. Hatte der Mann nicht mehr alle Tassen im Schrank? «Damals brach etwas aus mir heraus, das sich über die Jahre angestaut hatte», sagt Model. «Ich habe lange über diese Rede nachgedacht. Es ist nicht so, dass ich die Idee des eigenen Staats schon länger mit mir herumgetragen hätte, das entstand alles in Vorbereitung auf diesen Auftritt. Eigentlich war es ein seelenhygienischer Akt.» Ökonomen versuchten, Vertrauen zu kultivieren, sagt Model, es sei die Basis allen Geschäftens. «Der Staat hingegen hat in den letzten 50 Jahren eine ungeheure Misstrauenskultur aufgebaut. Dieses Problem, so kam ich zum Schluss, lässt sich nur mit der Ausrufung eines eigenen Staats lösen.»

Was Model die herzhafte Feindschaft der Linken eintrug, war die Tatsache, dass mit dieser Ausrufung auch eine kompromisslose Ablehnung des europäischen Sozialstaats, wie wir ihn kennen, verbunden war. Model ist gegen die obligatorische Krankenversicherung, gegen die Arbeitslosenversicherung, gegen die AHV — schlicht gegen alles, was über die Jahrzehnte an staatlichen Sicherheitsnetzen aufgebaut worden ist. «All das macht die Menschen nicht sicherer, es macht sie unfrei, und es hilft den Schwachen nicht, sich aus ihrer Situation zu befreien. Im Gegenteil. Der Staat bringt mit all dem nur sein Misstrauen zum Ausdruck, dass wir nicht alleine mit schwierigen Situationen fertig werden können.»

Die edlen Räume des «Regierungssitzes» des Staates Avalon in Weinfelden. Im grossen Saal mit den Kronleuchtern finden regelmässig Konzerte statt.
Die edlen Räume des «Regierungssitzes» des Staates Avalon in Weinfelden. Im grossen Saal mit den Kronleuchtern finden regelmässig Konzerte statt.

Derartige politische Positionen finden sich in westlichen Demokratien allenfalls in Teilen der republikanischen Partei der USA, für Europa sind sie reichlich exotisch. Vordenker dieser Ideen sind Leute wie der österreichische Philosoph und Sozialökonom Friedrich August von Hayek oder die russisch-amerikanische Autorin Ayn Rand, die Model auch als Inspirationsquellen zitiert. Dennoch ist er alles andere als ein kaltherziger, elitärer Ideologe. Sitzt man ihm in seinem sorgsam eingerichteten Salon im Modelhof gegenüber, trifft man auf einen freundlichen, offenen, differenzierten Menschen, der zwar zu weitschweifigen Antworten neigt, Argumenten jedoch durchaus zugänglich ist. Sein häufiges Lachen und eine gewisse Neigung zur Selbstironie dürfen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass er alles sehr ernst meint, was er sagt. Sein Staat, Avalon, ist nicht einfach als Provokation gedacht, um Diskussionen in Gang zu bringen, Model will aus diesem bisher primär symbolischen Gebilde etwas Konkretes machen.

Staatsbürger von Avalon sollen eigenen Pass erhalten

So konkret wie die steingewordene Idee des Modelhofs, der «eine Stätte der Bildung und Kunst» sein soll, ausserdem eine Bibliothek und Akademie beinhaltet. Dort sollen kluge Menschen sich Gedanken über die konkrete Ausgestaltung von Avalon machen, einen Gegenentwurf zum heutigen Staat entwickeln. «Denken und Bewusstsein» sollen hier kultiviert werden, Models Hof soll ein «Orientierungspunkt» sein, welcher der «gesellschaftlichen Degenerierung» etwas entgegenhalten kann.

Jeder hat das Edle in sich. Schon früher konnte man als Knappe Ritter werden.

Mitmachen könne jeder, erklärt Model, der sich gegen den Eindruck wehrt, nur die Elite, der Adel der heutigen Zeit, solle sich angesprochen fühlen. «Jeder hat das Edle in sich, wer es entdeckt und gross werden lässt, wird ein Adliger. Schon früher konnte man als Knappe Ritter werden», hält er fest. Auf diese Weise erwirbt man auch die «Staatsbürgerschaft» von Avalon: Man trägt zum konkreten Aufbau bei. Einen avalonischen Pass gibt es bisher zwar nicht, aber Model hofft, dass er das noch erleben wird. «Grundsätzlich kann jeder Avalonier werden», betont er. «Und er kann auch jederzeit wieder davonlaufen.»

Die Schweiz befinde sich «in einer Art Selbstauflösung, wie Europa ja auch», findet Daniel Model, gesteht den Eidgenossen aber immerhin «einen grossartigen historischen Mythos» zu, basierend auf der Freiheit. «Nur leider ist der in den letzten Jahrzehnten mit Füssen getreten worden, allerdings in einer Umgebung, die noch schneller degeneriert ist.» Die Politik masse sich an zu wissen, was gut sei für die Bürger, aber sie wisse es nicht. Model würde seinen Schweizer Pass am liebsten abgeben, täte er das jedoch, könnte er das Land nicht mehr verlassen. «Ich bin ein Gefangener im Wesen des Staatsmonopols.»

Avalon: auf Keltisch Apfelgarten

Auf den Namen seines Staats brachte Model eine seiner Töchter, die kurz nach seiner Staatsausrufung den Fantasyroman «Die Nebel von Avalon» von Marion Zimmer-Bradley las, eine feministisch angehauchte Interpretation der Artus-Sage. Als Model dann herausfand, dass Avalon auf Keltisch Apfelgarten heisst, was ja perfekt zum Kanton Thurgau passt, war der Name geboren. Dass der Begriff Avalon auch von Rechtsextremen für ihre Idee eines «Vierten Reichs» genutzt werde, dürfe nicht heissen, dass der Name für andere nicht mehr zur Verfügung stehe. Model hat auf seinen Staatsakt auch reichlich positive Reaktionen bekommen. «Ich habe viele Briefe von Menschen erhalten, die begeistert sind, denen ich aus der Seele gesprochen habe.» Ein gutes Dutzend sind inzwischen Bürger seines Staats, darunter seine Familie, die übrigens zu Beginn eher skeptisch reagierte, der Architekt des Modelhofs und einige Freunde. Es gibt eine Flagge, Münzen mit Models Antlitz — und mit dem Modelhof und dem Land, auf dem er steht, auch ein Staatsgebiet, ein paar Tausend Quadratmeter gross. Allerdings existieren weder Grenzkontrollen noch eine Armee oder andere klare Insignien staatlicher Macht.

Auf den Münzen des «Staates» Avalon präsentiert sich Daniel Model gleich selbst.
Auf den Münzen des «Staates» Avalon präsentiert sich Daniel Model gleich selbst.

«Das ist genau der Punkt. Ich nenne Avalon ‹Staat› in Ermangelung eines besseren Begriffs, aber Avalon wird nie eine Armee haben, keine Polizei, keine Administration, keine Währung, keine Steuern, es wird nur Privatrecht geben, kein öffentliches. Es wird keinen Sozialstaat geben, intakte Familien und Gemeinschaften helfen einander, schwierige Phasen zu überbrücken.» Ab und zu müsse man vielleicht auch einfach auf gewissen Luxus verzichten. Zudem: «Schmerzen sind nicht nur schlecht, auch wenn sie heute vermieden werden, wo es nur geht.» Diese Elemente sieht Model als Eckpunkte, den Rest soll die Akademie ausarbeiten. Es gebe keinen Zeitplan für die weitere Entwicklung von Avalon, sagt Model, der betont, dass er selbst bei all dem nicht wichtig sei. «Ich bin letztlich nur ein didaktisches Medium, um diese Sichtweise überhaupt zum Ausdruck zu bringen.» Ziel sei, dass sein Staat ihn selbst überlebe.

Es wird keinen Sozialstaat geben, intakte Familien und Gemeinschaften helfen einander, schwierige Phasen zu überbrücken.

Bestimmte Ideale jedoch sind ihm wichtig: Freiheit, Wahrhaftigkeit, Qualität und klassische Tugenden sollen in Avalon im Mittelpunkt stehen, auch die Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Wünschen. Als Vorbild nennt er Diogenes, der in einem Fass am Strand gelebt habe und «als Philosoph und Denker ein freier Mensch gewesen ist». Im Bücherregal seines Salons stehen die Werke von Goethe, Nietzsche und weiteren klugen Klassikern, und über allem wacht eine weisse Gipsstatue des griechischen Götterboten Hermes, Schutzgott der Reisenden, Kaufleute, Diebe und Schelme, ein nackter Knabe, den die Römer als Merkur verehrten.

Eine neue Heimat für Heimatlose wie ihn selbst

Im Saal des Modelhofs mit seinem pompösen Kronleuchter finden regelmässig klassische Konzerte statt. Alle Räume haben ihre eigene Farbe, einige verfügen gar über edle Seidentapeten und handgefertigtes Holztäfer. Viele sind aber noch leer, die Inneneinrichtung noch im Aufbau, ein bisschen wie bei Models Staat. Zu einem riesigen antiken Tisch wollte der Firmen- und Staatschef die Stühle speziell anfertigen lassen, war aber lange nicht zufrieden, weil alles, was ihm ästhetisch gefiel, zu teuer war. Der Unternehmer legt Wert darauf, dass er für den Modelhof zwar tief in die Tasche greifen musste, dies aber so ökonomisch wie möglich getan hat. «Wir haben vor allem bei Technik und Elektronik gespart.» Inzwischen liess er ein Stuhl-Modell in Tschechien herstellen – für etwa 90 Franken pro Stück.

Hier kommt Models zentrales Credo zum Ausdruck: Er will Idealismus und Realismus in einer Person vereinen. Und er fühlt sich in der gegenwärtigen Gesellschaft, in der Schweiz, heimatlos. «Ich möchte mit anderen Heimatlosen, die ähnlich fühlen, eine neue Heimat aufbauen.» Dafür und für sein Unternehmen setzt er all seine Energien ein. Der ehemalige passionierte Sportler gesteht, dass er eigentlich sonst keine Hobbys mehr hat. Er liest viel, aber auch das vor allem im Dienste des Modelhofs und seines neuen Staats. Ein Mann, der seine Lebensaufgabe gefunden hat.

Bilder: Jorma Müller

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