16. Juni 2018

Der Mann mit den Frauenschuhen

Nichts fasziniert Hans-Peter Bönzli so sehr wie Frauenschuh-Orchideen. Sie bereiten ihm Freude und Kummer, machen ihn stolz und bange. Für eine Frau an seiner Seite ist das nicht immer einfach, aber da muss sie durch.

Hans-Peter Bönzli am unteren Rand seines verzauberten Waldhangs
Hans-Peter Bönzli am Fuss seines verzauberten Waldhangs.

Federnd gibt der Waldboden unter den Schuhsohlen nach, ein würziger Duft hängt zwischen den Bäumen. Da und dort dringt die Sonne durchs Blätterdach und malt grelle Flecken auf Bäume und Sträucher. Ins Morgenlied der Vögel mischt sich das schwere Atmen von Menschen – es geht bergauf, auf gewundenen Wegen, über kleine Naturterrassen, rutschige Steine und hölzerne Treppenstufen. Die Luft ist feucht und warm. Ein Gefühl von Urwald stellt sich ein. Umso mehr, als da plötzlich eine Gruppe von Orchideen auftaucht: Dutzende von zartlila Blütenköpfen recken sich den Besuchern entgegen, den Köpfchen von kleinen Kindern gleich.

Frauenschuh-Orchideen in Töpfen auf dem Waldboden
Immer im rechten Licht: Dank den Töpfen kann Hans-Peter Bönzli seine Schätze jederzeit neu arrangieren. Wie diese verschiedenen Sorten von Frauenschuhen.

Hans-Peter Bönzli strahlt. Es sind Frauenschuhe, seine absolute Lieblingsblumen. Tausende davon verteilen sich über sein 2000-Quadratmeter grosses Grundstück in Oberbuchsiten SO. Sie präsentieren winzige wie obszön grosse Blüten, gepunktete, gestreifte, gefleckte, unifarbene, blasse und solche in schreienden Farben. Die meisten seiner Lieblinge hat der selbstdeklarierte Pflanzenfreak an einem schattigen Waldhang platziert, wo sie sich zwischen Ahorn, Weissdorn, wildem Flieder und Schneeball ducken. Hier finden sie optimale Bedingungen, denn Frauenschuhe ertragen vieles, aber keine Mittagssonne. Nicht wenige der speziellen Orchideen – lateinischer Name Cypripedium – wachsen bei Bönzli direkt im Boden.

Rosafarbene Saxifraga (Steinbrech) neben einem farblich passenden Frauenschuh
Feenhaftes Arrangement: eine rosafarbene Saxifraga (Steinbrech) neben einem farblich passenden Frauenschuh

Andere sind eingetopft, damit ihr Besitzer sie jederzeit ins rechte Licht und an die perfekte Stelle rücken kann. Alle bleiben sie aber das ganze Jahr im Wald. Frauenschuhe halten nämlich Temperaturen von bis zu minus 25 Grad aus. «Die Nässe im Winter ist eher ein Problem», sagt Bönzli mit einem zärtlichen Blick auf seine Lieblinge, «und die Schnecken.» Ausserdem müsse er sie hie und da mit Netzen vor scharrenden Vögeln schützen. Frauenschuhe heissen die Orchideen übrigens, weil ihre Blüten an eine Fussbekleidung erinnern – zumindest mit etwas Fantasie.

Cypripedium x alaskanum
Seltenes Kleinod: Das Cypripedium x alaskanum ist eine natürliche, spontane Kreuzung, ohne menschliches Dazutun entstanden.

Fortpflanzung im Chemielabor

Vor 25 Jahren entdeckte Hans-Peter Bönzli eine wildwachsende Frauenschuh-Orchidee in einem Schweizer Tal, das hier nicht genannt werden soll – zu gross die Gefahr, dass jemand hingeht und die Kleinode dort pflückt. Wieder zu Hause, besorgte sich der Pflanzenliebhaber seine ersten eigenen Frauenschuhe. Inzwischen besitzt kaum jemand in der Schweiz so viele davon wie der 64-Jährige, seines Zeichens auch Präsident des Orchideenvereins Bern. Und definitiv keiner hat so viele nationale Cypripedium-Auszeichnungen: für schöne Blüten, regelmässigen Wuchs oder seltene Erscheinungen. Einzelne Exemplare erreichen einen Wert von bis zu 500 Franken. Und einige – selbstgezüchtete – Kreuzungen gibt es nur bei Bönzli.

Die Vermehrung ist eine nüchterne und unromantische Angelegenheit: Per Pinsel werden die Blüten der zu kreuzenden Sorten bestäubt. Die ersten zarten Keimlinge landen in einer Petrischale und wachsen auf einem Nährboden aus dem Geliermittel Agar-Agar in steriler Umgebung heran, und zwar im Brutschrank eines befreundeten Chemikers.

Cypripedium macranthos
So ziemlich die dunkelste Farbe, die eine Frauenschuh-Orchidee bieten kann: Cypripedium macranthos stammt ursprünglich aus dem Himalaya.

Mit einer Grösse von zwei bis drei Zentimetern kommen die Setzlinge dann wieder nach Oberbuchsiten, wo für ihren Ziehvater eine lange Zeit des Wartens und Hoffens beginnt: Erst nach fünf Jahren blüht eine neue Kreuzung erstmals, erst dann zeigt sich, ob die Bemühungen sich gelohnt haben oder ob die neue Farbe wässrig oder fleckig ist, die Blüte in den Boden starrt oder das ganze Gewächs eine schlechte Haltung hat. «Einige sind verzworgelt», sagt Bönzli und verzieht das Gesicht. Das Ziel seien aber klare Farben und viel Ausdruckskraft dank aufrechter «Fahne» – sprich Blüte. Er seufzt: «Die Fallhöhe ist brutal.» Einmal habe eine Zucht die höchsten Weihen der Frauenschuhexperten erhalten. «Ein Jahr später war sie tot.»

Wächst in Europa wild: Cypripedium calceolus, auch «Kriemhilds Helm» genannt.

«Mich gibt es nur mit Frauenschuhen»

Beim Abstieg aus seinem Waldhang kommentiert der Frühpensionär auf Schritt und Tritt, in Deutsch wie in Lateinisch, was sich da alles sonst noch so tummelt: Judasblattbäume, Salomonssiegel, ein Osmanthus oder Duftblüte, hochwachsende Erika, ein Schneeglöckchenstrauch. Über 40 Jahre im Gewächsbusiness lassen grüssen. Bönzli war Baumschulist, dann Einkäufer, Qualitätskontrolleur und Marketingbeauftragter Pflanzen bei der Migros. Privat wie geschäftlich reiste er viel, und natürlich brachte er von überall Samen, Setzlinge und Pflanzen mit. Einst kutschierte er im Auto einen Seidelbast – eine Daphne odora – vom Tessin nach Hause. «Die gute Daphne konnte ihren schweren Duft im Wagen voll entfalten» erinnert sich Bönzli, «ich kam richtig high hier an.»

Wie seine Begleiterin das fand, ist nicht überliefert. Aber klar ist: Für eine Partnerin ist so viel Leidenschaft nicht immer einfach auszuhalten, wie der Sammler selber gesteht. Zur Hege und Pflege kommen ja auch noch Präsentationen und Beratungen in Gärtnereien hinzu, die jahresfüllende Organisation einer regelmässigen Ausstellung, der Austausch mit Gleichgesinnten. «Aber», sagt Bönzli und zuckt mit den Achseln, «inzwischen weiss jeder: Mich gibt es nur mit Frauenschuhen.»

Teich mit Brücke
Der Teich ist Treffpunkt für allerlei Getier: Frösche, Ringelnattern, Meisen, Kleiber und Fledermäuse.

Unten beim Teich angekommen, zeigt Bönzli auf Sarracenien oder Schlauchpflanzen, Knabenkraut und Rohrkolben und erzählt, an welcher Stelle jeden Tag um Punkt 17 Uhr die immer gleiche Amsel ihr Bad nimmt und wo die Frösche laichen, deren Gequake «manchmal an der Grenze des Erträglichen» sei. In den letzten Jahren hätten sich die Ringelnattern aber glücklicherweise so stark verbreitet, dass sie den meisten Froschlaich rechtzeitig verschlingen.

Knabenkraut am Teichrand
Knabenkraut am Teichrand

«Die Natur regelt vieles selber», sagt Bönzli. Er unterstützt sie so gut wie möglich: etwa mit Altholzhaufen für Igel und Insekten und dem Verzicht auf Chemikalien. Er setzt auch mehr und mehr auf einheimische Gewächse. «Und in meine Töpfe kommt nur natürliches Substrat aus der Schweiz und auf keinen Fall Torf», erklärt er. Da sei er konsequent, Lieblinge hin oder her.

Biotomaten an der Hauswand

Auch hinter dem Haus darf sich die Natur ausbreiten: Auf einer bunt blühenden Magerwiese gedeihen Natternköpfe und wilde Vergissmeinnicht und an der Hauswand Tomaten – natürlich nachhaltige Biosorten – und Feigen. Jeden Tag macht Bönzli mindestens zwei Rundgänge durch sein Reich, einen morgens und einen abends. Klar, dass er bei den Frauenschuhen am längsten verweilt. Dort setzt er sich jeweils hin und schaut. Das könne er stundenlang tun, sagt er. «Wenn meine Orchideen blühen, dann blühe auch ich auf.»

Biototmaten an der Hauswand
Nicht, dass Hans-Peter Bönzlis Orchideenleidenschaft vor dem Haus haltmachen würde: Diese Gewürzvanille hat gerade Schoten gebildet, die bald geerntet und verwendet werden können.

Winterharte Frauenschuh-Orchideen bekommt man vor allem an Orchideenausstellungen. Diese werden von Orchideenvereinen organisiert. Zum Beispiel vom Orchideenverein Bern.

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