01. September 2018

Der Mann im Brunnen

Unsere Stadt-Land-Kolumnistin hat fast ein «Herzchriesi», als vor ihrer Haustür plötzlich ein Mann steht. In einem Brunnen.

schatten
In der Dämmerung hatte unsere Kolumnistin neulich fast ein Herzchriesi.
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Leidest du unter Schluckauf? Dann solltest du mir einen Besuch abstatten. Landläufig sagt man ja, dass der «Hitzgi» verschwindet, sobald man erschrickt. Was habe ich mich neulich erschrocken! Es dämmerte bereits, als ich meine Haustür von aussen zuschloss und nichtsahnend meines Weges ging. Weit kam ich nicht. In der Nähe des Hauseingangs steht nämlich ein runder Brunnen. Der, musst du wissen, ist unter normalen Umständen überhaupt nicht herzchriesiauslösend. Aber diesmal zuckte ich zusammen. Mitten im Brunnen stand ein Mann!


Erst bei genauem Hinsehen erkannte ich, dass der Mann eine lebensgrosse Statue aus Stein war. Eine vage Erinnerung meldete aus meinem geschockten Gehirn, dass in diesen Tagen eine Kunstveranstaltung in der Gemeinde stattfand. Zum Programm gehörten Kunstobjekte in den Gassen. Für mich die einzige Kunst war in dem Moment, ob dieses Anblicks nicht zu Tode zu erschrecken. Auch beim zweiten und dritten Passieren des Brunnens hatte ich mich noch nicht an den Mann gewöhnt. Meine von Steinzeitmenschen abstammenden Augen meldeten jedes Mal Gefahr. Es war zum Davonrennen.

Also nannte ich ihn Paul. Denn Pauls, sagte ich mir, können keiner Fliege etwas zuleide tun. Sobald ich meine Haustür zuschloss oder auf dem Weg nach Hause war, ermahnte ich meinen Fluchtinstinkt: «Wir gehen jetzt an Paul vorbei. Und Paul ist jedenfalls nicht sooo schön, um gleich Schnappatmung zu kriegen.» Es funktionierte. Männer in Brunnen sind für mich jetzt nichts Aussergewöhnliches mehr. Falls demnächst in der Stadt plötzlich ein Mann in einem Brunnen vor mir steht, hoffe ich trotzdem auf den richtigen Instinkt: «Das ist nicht Paul! Renn!»

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