06. April 2018

Der Mann hinter Gollum und King Kong

Das Kinopublikum kennt Andy Serkis aus «The Lord of the Rings», «King Kong» oder «Planet of the Apes» – nur hat es dabei nie sein Gesicht gesehen. Nun hat er im Drama «Breathe» erstmals selbst Regie geführt. Der Brite über technische Quantensprünge in der Filmindustrie, Sterbehilfe und seine Liebe für die Schweizer Berge.

Andy Serkis
Ein Mann mit vielen Talenten: Der britische Schauspieler, Regisseur und Filmproduzent Andy Serkis.
Lesezeit 9 Minuten

Wenn Hollywoodstars Interviews gewähren, handelt es sich meist um Serienabfertigung. Ein Journalist nach dem anderen darf kurz mit dem Star sprechen; wenn man Glück hat, bekommt man 20 Minuten – und ist hoffentlich nicht erst als letzter dran, wenn der Ärmste schon zehn solcher Gespräche hinter sich hat. Fotografieren geht in der Regel gar nicht, höchstens vielleicht ein Selfie fürs private Album. Das Migros-Magazin war entsprechend überrascht, als es die angefragten 45 Minuten mit Andy Serkis bei dessen Besuch am Zurich Film Festival Anfang Oktober zugesagt bekam, inklusive Foto-Shooting. Der britische Schauspieler und Produzent, der seinen ersten eigenen Film «Breathe» am Festival präsentierte, erwies sich dann nicht nur als sympathischer und offenherziger Gesprächspartner, sondern machte mit seinen verspielten Posen auch den Fotografen glücklich.

Andy Serkis, «Breathe» ist der erste Film, bei dem Sie selbst Regie geführt haben …

...irgendwie schon, aber eigentlich auch nicht. Tatsächlich habe ich zuvor bereits eine Neuverfilmung von Kiplings «Jungle Book» abgedreht. Doch der Film steckt noch in der Postproduktion, und so kommt «Breathe» nun zuerst ins Kino.

Weshalb haben Sie sich überhaupt für die Geschichte eines Polio-Kranken interessiert?

Weil sie so inspirierend ist. Die Cavendishs müssen mit einer riesigen Tragödie fertigwerden und tun das mit viel Tapferkeit, Kreativität und Humor. Hinzu kommt, dass meine Mutter Kinder mit Behinderungen unterrichtete, auch solche mit Kinderlähmung, also Polio. Mein Vater war ein irakischer Arzt, der in Bagdad ein Spital gründete, meine Schwester leidet an multipler Sklerose. Ich habe also einen sehr persönlichen Zugang zu den Themen dieses Films.

Sie haben mit Jonathan Cavendish, dem Sohn der Hauptfigur, Ihre Produktionsfirma gegründet. Wann haben Sie von seiner Familiengeschichte erfahren?

Erst einige Zeit nach unserem ersten Treffen. Anlass war der Film «Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll» (2010) über einen anderen berühmten Polio-Kranken, den Sänger Ian Dury, den ich darin spielte. Heute ist Jonathan nicht nur mein Partner in unserem Produktionsstudio The Imaginarium, sondern auch ein guter Freund. Wir arbeiten mit Virtual und Augmented Reality sowie Motion Capture für Filme, aber auch für Videospiele. Eigentlich war ein anderer Regisseur für «Breathe» vorgesehen. Aber nachdem ich das Skript gelesen hatte, war ich so berührt, dass ich Jonathan vorschlug, selbst Regie zu führen.

Wie eng haben Sie sich an die Realität gehalten?

Jede Episode, die im Film vorkommt, hat sich tatsächlich ereignet. Natürlich haben wir da und dort an den Details Dinge verändert, aber nur um die Essenz der Geschichte noch stärker rauszuarbeiten, gerade auch die Besonderheit der Beziehung zwischen Robin und seiner Frau und wie sie es trotz allem geschafft haben, ein gutes Leben zu führen.

Am Ende geht es auch um Sterbehilfe. Wussten Sie, dass sie in der Schweiz unter Einhaltung gewisser Regeln legal ist?

Ja, da sind Sie Grossbritannien weit voraus. Letztlich müssen wir alle sterben, und wir sollten das Recht haben, selbst zu entscheiden, wie und wann das passiert. Das ist für mich auch eine wichtige Botschaft des Films.

Wie, denken Sie, würden Ihre Schauspieler Ihren Stil als Regisseur beschreiben?

Sie würden sagen, dass ich ein sehr kollaboratives, offenes Filmset ohne Hierarchien führe. Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, dass Schauspieler Gelegenheit haben, ihre Rollen selbst zu entwickeln – dann setzen sie sich zu 150 Prozent für die Story ein.

Weshalb wollten Sie überhaupt selbst Regie führen?

Ursprünglich studierte ich visuelle Kunst und gestaltete dabei auch Sets für die Theatergruppe an der Uni. So ergab sich, dass ich auch selbst mal auf der Bühne stand, erst da realisierte ich, dass die Schauspielerei etwas für mich sein könnte. Aber schon immer mochte ich die Idee, eine Geschichte nicht nur durch eine Figur sondern als Ganzes zu erzählen, genau das kann man als Regisseur.

Und das wollen Sie auch künftig tun?

Auf jeden Fall. Es wird ein Mix aus Schauspielerei, Produktion und Regie werden.

Sie haben schon mit vielen berühmten Regisseuren gearbeitet: Peter Jackson, Steven Spielberg, J.J. Abrams. Haben Sie sich von ihnen inspirieren lassen?

Wir werden alle beeinflusst von Leuten, die wir bewundern. Peter Jackson war schon eine Inspiration für mich, bevor ich mit ihm gearbeitet habe. Ich liebe seinen Film «Heavenly Creatures» (1994) und die Art, wie er dabei die Kamera genutzt hat, um die Geschichte zu erzählen – es war geradezu ein Tanz zwischen Kamera und Emotionen. Ich habe Peter ohnehin viel zu verdanken, mein Leben hat sich seit «The Lord of the Rings» sehr stark verändert. Während der Dreharbeiten zur «Hobbit» -Trilogie bat er mich ausserdem, bei der Second Unit Regie zu führen.

Dann war das eigentlich Ihr erster Regiejob!

(lacht) Gewissermassen, aber man arbeitet da natürlich im Dienste der Vision des eigentlichen Regisseurs. Ich habe dabei allerdings enorm viel von Peter gelernt und das nun auch in meinen eigenen Film reingebracht.

Andy Serkis im Interview
«Peter Jackson war schon eine Inspiration für mich, bevor ich mit ihm gearbeitet habe», sagt Andy Serkis über den Regisseur, der ihn zum Star gemacht hat.

Es gab nach «The Lord of the Rings» all die Geschichten, was für eine verschworene Gemeinschaft aus den Schauspielern geworden ist. Haben Sie heute noch Kontakt zu den anderen Stars?

Es war wirklich ein aussergewöhnliches Team, tatsächlich teffe ich einige noch immer. Ian McKellen (Gandalf) sehe ich öfters, auch die Hobbits Elijah Wood und Billy Boyd. Und es dauert nicht mehr lange bis zum 20-Jahr-Jubiläum der Filme, dann kommen ohnehin alle wieder zusammen.

Als Gollum wurden Sie 2001 zum Star. Aber das Publikum bekam dabei nicht mal Ihr Gesicht zu sehen. Störte es Sie nicht, dass Sie trotz jahrelanger Arbeit in der Filmwelt nun mit dieser Figur berühmt wurden?

Überhaupt nicht. Das Tollste an der Schauspielerei ist doch, wenn man in seiner Figur vollkommen verschwinden kann – das hat auch beim Spielen selbst etwas enorm Befreiendes. Deshalb bin ich ein so starker Befürworter der Motion-Capture-Technologie, die das ermöglicht. Was man als Schauspieler dabei leistet, ist so anspruchsvoll wie immer. Doch anders als mit starkem Make-up oder Prothesen werden damit auch sehr subtile Mimik und Gesten erkennbar. Das eigene Schauspiel kommt also viel besser zur Geltung, sei das nun bei einem kleinen Wesen wie Gollum oder einem riesigen wie King Kong . De facto kann dank dieser Technologie heutzutage jeder alles spielen. Sie eröffnet völlig neue Möglichkeiten.

Hatten Sie durch Ihre intensive Arbeit damit auch Einfluss auf die heutige Nutzung dieser Technik?

Sie wurde schon vorher genutzt, aber Gollum war wohl die erste Figur, die durch diese Technik von einem simplen Spezialeffektwesen zu einem psychologisch komplexen Charakter wurde, der richtige Gefühle auszulösen vermochte. Das war es auch, was das Publikum so ansprach. Heute ist die Technik zum Standard geworden, sie wird in ganz vielen Produktionen verwendet. Sie hilft auch den anderen Schauspielern: Früher mussten sie sich ihr Gegenüber vorstellen – nun haben sie jemanden, mit dem sie direkt interagieren können, was auch ihr Spiel intensiver und «echter» macht.

Sie haben seit Gollum immer wieder solche Figuren gespielt. Was reizt Sie daran?

Zunächst waren es immer sehr interessante Charaktere, die zu spielen ganz unterschiedliche Herausforderungen an mich stellten. Dann war es spannend, mitzuerleben, wie das Motion-Capture-Verfahren besser wurde und immer mehr Subtilität ermöglichte. Das lag einerseits am technischen Fortschritt, andererseits am wachsenden Verständnis der Filmemacher, wie man die Darstellung der Schauspieler am besten auf den digitalen Charakter transferiert.

Jeder könne heute alles spielen, haben Sie gesagt. «Rogue One: A Star Wars ­Story» hat sogar einen längst verstorbenen Schauspieler täuschend echt zurück auf die Leinwand gebracht. Wie verändert dies das Filmemachen?

Es eröffnet fantastische Möglichkeiten – nicht nur im Film. Wir können real wirkende digitale Figuren entwickeln, die gleichzeitig in Filmen, Videospielen und als Virtual-Reality-Charakter eingesetzt werden. Im vergangenen Jahr haben wir mit der Royal Shakespeare Company auf der Theaterbühne live mit Performance Capture experimentiert. So konnten wir einen Schauspieler während der Vorstellung in verschiedener Gestalt auf diverse Oberflächen projizieren.

Besteht nicht das Risiko, dass man irgendwann keine Schauspieler mehr braucht?

Die Sorge, dass die Automatisierung und künstliche Intelligenz Jobs kosten könnten, gibt es heute in ganz vielen Arbeitsbereichen. Es gibt bereits Drehbuch-Softwarepakete, bei denen man nur ein paar Basisinformationen eingeben muss, damit das Programm ein Skript generiert. Aber ist das auch brauchbar? Ich habe meine Zweifel. Am Ende sind doch immer noch Menschen nötig, um emotionale Resonanz erzeugen zu können. Das gilt auch für die Schauspielerei.

Ist Ihre Privatsphäre besser geschützt, weil Sie für Figuren wie Gollum oder King Kong berühmt sind? Oder erkennen die Leute Sie trotzdem auf der Strasse?

Ja, jeden Tag. (lacht) Ich war in so vielen Interviews und DVD-Specials zu sehen, dass man mein Gesicht kennt. In Grossbritannien war ich ohnehin schon vorher bekannt. Aber es ist natürlich nicht so heftig wie bei Superstars à la Tom Cruise.

Andy Serkis
«De facto kann dank diesen neuen Technologien heutzutage jeder alles spielen», sagt Serkis. «Sie eröffnet völlig neue Möglichkeiten.»

Und wie war das, mit fast 40 Jahren durch die Rolle des Gollum plötzlich zum Weltstar zu werden? Wie hat das Ihr Leben verändert?

Gar nicht so sehr – gerade weil ich eben schon nicht mehr so jung war, als es passierte. Ich hatte bereits Kinder und eine gute Balance zwischen Arbeits- und Berufsleben. Klar, plötzlich stand ich auf der Weltbühne, aber wenn ich nicht arbeite, führen meine Familie und ich ein sehr normales Leben. Zwar ist meine Frau ebenfalls Schauspielerin, aber wir versuchen wirklich, einen so normalen Alltag wie möglich zu führen.

Ganz leicht ist das aber nicht, oder?

Doch, doch. Meine Frau und ich wechseln uns immer dabei ab, die Kinder zur Schule zu bringen. Generell ist stets jemand von uns für sie da. Wir haben nie eine Nanny gebraucht, die bei uns im Haus lebt und sich um die Kinder kümmert.

Wie gut kennen Sie die Schweiz?

Ich bin zum ersten Mal in Zürich, aber als leidenschaftlicher Bergsteiger habe ich schon recht viel Zeit in der Schweiz verbracht – hauptsächlich in der Natur. Ich liebe das Klettern in der Schweiz und war unter anderem schon auf dem Matterhorn und in den Bergen bei Grindelwald.

Die Schweiz ist bekanntlich nicht in der EU – das Gleiche gilt bald auch für Grossbritannien. Was halten Sie vom Brexit?

Ich bin zutiefst unglücklich darüber. Es ist eine Tragödie, vor allem auch für die nächste Generation. Ihr wird die Möglichkeit genommen, sich als Teil einer grossen, vielfältigen Gemeinschaft zu fühlen, die dieselbe Kultur teilt. Es wird uns auch wirtschaftlich schaden. Zudem wurde das Volk vor der Abstimmung schlicht angelogen: All die Vorteile, die es bei einer Unabhängigkeit angeblich geben sollte, werden sich niemals einstellen. Und im Licht des aktuellen politischen Klimas sollten wir nicht noch weiter ausgrenzen, sondern einbeziehen. Stattdessen hat der Brexit dazu beigetragen, dass der Rechtspopulismus in den Main­stream gerückt ist. Das hat die Welt instabiler und gefährlicher gemacht.

Denken Sie, dass es noch einen Weg gibt, den Brexit zu vermeiden?

Ich hoffe es sehr, und es gibt viele, die so denken wie ich. Wenn die Tory-Regierung abtritt – was hoffentlich bald der Fall ist –, gibt es vielleicht eine kleine Chance.

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