25. Januar 2019

Der Löwenflüsterer

Kevin Richardson ist der Mann hinter den Kulissen von «Mia und der weisse Löwe»: Mit seinen Tieren begleitete der Südafrikaner die mehrjährige Filmproduktion ganz eng. Der «Löwenflüsterer» über die Herausforderungen beim Dreh mit Raubkatzen, seine Leidenschaft für Tiere und die Lügen der Jagdindustrie.

Kevin Richardson und sein Löwe Vayetse
Verbunden mit dem «wirklich Essenziellen im Leben»: Kevin Richardson und sein Löwe Vayetse (Bild: Jackie Badenhorst)

Interview: Ruth Ciesinger

Kevin Richardson, wie bringt man Eltern dazu, ihr Kind drei Jahre lang mit einem Löwen trainieren und in einem Film mitwirken zu lassen?

Anfangs machten wir uns Sorgen, ob überhaupt jemand bereit sein würde, sein Kind bei so einem Projekt mitmachen zu lassen. Dann waren es Hunderte! Meine Rolle war dabei erst mal gar nicht so gross – Regisseur Gilles de Maistre castete die Kinder. Wir suchten ja nicht nur das Mädchen Mia, sondern auch ihren Filmbruder. Ich kam erst ins Spiel, als es um die letzte Auswahl ging.

Und warum fiel die Wahl für die Rolle der Mia auf Daniah de Villiers?

Die verbliebenen 20 Kinder besuchten meine Löwen. Dabei sollten sie einfach so sein wie immer, während ich sie beobachtete. Die meisten wollten beweisen, wie gut sie schauspielern, und versuchten, mich mordsmässig zu beeindrucken. Daniah jedoch war die Ruhe selbst. Da war diese Wesensverwandtschaft mit den Tieren, die man nicht lernen kann und die ich auch keinem beibringen könnte. Genau so jemanden wollte ich: entspannt, ohne Erfahrung mit Löwen und absolut bereit, meine Anleitung anzunehmen.

Was war Ihr wichtigster Rat an Daniah?

Mein Ratschlag lautete: Überschätze dich nicht. Die Kinder sollten nicht denken: Hey, ich arbeite mit Löwen, ich bin etwas Besonderes. Sie sollten demütig bleiben und gleichzeitig dem Tier gegenüber ruhig und bestimmt auftreten.

In einer Szene liest Mia ihre Autobiografie «Part of the Pride», unter ihrer Bettdecke liegt Löwe Charlie. Machen Sie das auch?

Nein. Ich würde auch davon abraten. (grinst) Löwen sind meine Freunde. Trotzdem gibt es mehrere Dinge im Film, die ich nie tun würde. Aber wir brauchten eine fesselnde Geschichte, die den Zuschauer in den Bann zieht. Ich habe da mit meinem Realitätscheck einige Male den Kürzeren gezogen, das war für mich gar nicht so einfach. Deshalb bin ich eben auch der Löwenmann und nicht der Geschichtenerzähler. (lacht)

Als Jugendlicher waren Sie ziemlich wild. Erkennen Sie sich in Mia wieder, wenn sie sich prügelt und unverstanden fühlt?

Ich würde sagen, ich war ein orientierungsloser Rabauke. Mia hat das Gefühl, nicht in ihre Familie und nach Südafrika zu passen. Sie will es auch gar nicht versuchen. Über den Löwen bekommt ihr Leben eine neue Bedeutung, obwohl sie am Anfang mit diesem Tierbaby gar nichts zu tun haben will. Ich lernte mit Anfang 20 «meine» ersten beiden Löwen kennen, Napoleon und Tau, und sie waren für mich der entscheidende Anstoss, mein Leben zu ändern. Wie Mia wusste auch ich nichts über das «canned hunting», und wie sie fühlte ich mich ziemlich betrogen, als ich mehr darüber erfuhr.

Bevor wir über die Trophäenjagd sprechen: Warum hat der Dreh drei Jahre gedauert?

Als Gilles und ich zum ersten Mal darüber sprachen, wie man einen solchen Film angehen könnte, war meine spontane Reaktion: Das geht gar nicht. Er liess aber nicht locker und wollte wissen, was ich bräuchte, um ein solches Projekt verwirklichen zu können. Ich sagte ihm, dass der Löwe zunächst gemeinsam mit den Kindern aufwachsen müsse. Es ist einfach unmöglich, einen Schauspieler zu nehmen, ihn mit einem erwachsenen Löwen zusammenzubringen und zu erwarten, dass sie eine Beziehung entwickeln. Gilles fragte, wie viel Zeit man einrechnen müsse. Ich erklärte ihm, dass es mindestens drei Jahre dauert, bis ein Löwe heranwächst. Und Gilles sagte: Gut, dann machen wir es so.

Einen computeranimierten Film zu drehen, kam nicht infrage?

Wir haben darüber nachgedacht. Aber die Technik schafft es nicht, diese echte Nähe zwischen dem Löwen und der Protagonistin spürbar werden zu lassen. Bei der Bildmontage passt immer irgendetwas nicht – der Löwe blickt in die falsche Richtung, oder das Grössenverhältnis stimmt nicht. Der Film ist gerade deshalb so überwältigend, weil Daniah diese emotionale Beziehung zum Löwen entwickeln konnte, weil sie alles erlebt und selbst erfahren hat. Im Grunde hat sie drei Jahre lang für den Zeitpunkt trainiert, wenn der Löwe ausgewachsen ist. Weil sie das gelebt und selbst erfahren hat, ist der Film so überwältigend. Die Beziehung zwischen Daniah und dem Löwen ist echt. Sie ist kein Fake.

In Ihrer Biografie schreiben Sie, die Löwen hätten Ihnen viel beigebracht. Was zum Beispiel?

Demut. Das ist das Wichtigste. Neben dem Respekt, den wir der Natur und den Tieren erweisen sollten. Da sind diese majestätischen Tiere, die mit ihrer Kraft einen Elefanten töten können, und ich kleiner Mann darf zwischen ihnen sitzen und werde von ihnen akzeptiert. Das macht mich immer wieder demütig.

Sie haben sich nicht daran gewöhnt?

Die Leute fragen mich ab und zu, ob ich mein Leben mit den Löwen inzwischen nicht langweilig fände. Aber das ist nicht so. Das Zusammensein mit diesen Tieren verbindet mich mit dem wirklich Essenziellen im Leben. Eins unserer grössten Probleme heute ist doch, dass wir in Städten leben, bombardiert von Informationen, sozialen Medien und neuen Technologien. Dabei sind wir komplett abgekoppelt von der Natur, zu der wir gehören.

Also zurück zu Mutter Natur, zurück zu den Wurzeln?

Ich meine das ernst. Wir sind ein Teil der Natur, auch wenn wir Menschen uns selbst gerne als überlegen fühlen und als diejenigen betrachten, die die Kontrolle haben. Aber so ist das nicht. Je schneller wir das begreifen, desto besser. Zum Glück verbreitet sich dieses Bewusstsein allmählich.

Warum sind gerade Löwen etwas so Besonderes für Sie?

Tiere waren für mich schon immer wichtig. Als Kind spielte ich im Abwasserkanal mit Eidechsen und Fröschen; ich hatte Tauben und andere Vögel. Noch am Tag, bevor ich in einem Wildpark auf «meine» Löwen Tau und Napoleon traf, hatte ich keine Vorstellung davon, dass ausgerechnet diese Tiere mein Leben werden würden. Hätte ich die beiden nicht kennengelernt, würde ich mich heute vielleicht für eine andere Tierart einsetzen – vielleicht für Schweine, wer weiss? Aber natürlich fand ich Löwen schon als kleiner Junge toll. Mal ehrlich, kennen Sie jemanden, dem das nicht so geht? Eben.

Keiner sagt Ihnen, dass das Löwenbaby, das Sie im Park gerade streicheln, später erschossen wird.

Trotzdem unterscheiden Menschen stark zwischen Tierarten. Sie waren selbst einmal auf einer Löwenfarm, waren angewidert und dachten: Seltsam, mit einer Rinderfarm hätte ich kein Problem. Woran liegt das?

Ich wünschte, ich könnte darauf eine klarere Antwort geben. Vielleicht geht es hier um eine persönliche moralische Grenze. Die kann sich allerdings verändern. Bei mir war das so: Ich denke heute anders über die Art und Weise, wie man mit Tieren umgehen sollte, als vor 20 Jahren. Aber auf einer bestimmten Ebene ist es tatsächlich schwer nachvollziehbar, eine Schweinefarm als etwas Normales hinzunehmen, eine Löwenfarm hingegen nicht. Und trotzdem geht es da um zwei verschiedene Dinge.

Inwiefern?

Bei der Schweine- oder Rinderfarm geht es um Fleisch und Ernährung. Die Art, wie wir unsere Zuchttiere halten, lässt viel zu wünschen übrig. Das müsste komplett überdacht werden, und zwar vor dem Hintergrund der Armut vieler Menschen und der Kosten, die es verursacht, wenn wir Tiere halten, die zum Essen weiterverarbeitet werden. Bei den Löwen dagegen geht es um die Jagdindustrie und den Tourismus. Hier werden die Tiere letztlich für das «canned hunting» gezüchtet, für die Gatterjagd und den leichten Abschuss durch Trophäenjäger.

Also sind die Löwenfarmer schlechter als die Schweinebauern?

Nein. Wenn wir so denken, haben wir keine Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich habe Löwenfarmer kennengelernt, die mehrere Hundert Tiere hatten. Das sind freundliche Menschen – so wie Mias Vater im Film – und keine Bösewichte. Ich könnte mir sogar vorstellen, ein Glas Wein mit ihnen zu trinken und über das Leben zu philosophieren. Meine Toleranz ist über die Jahre in diesem Geschäft gestiegen. Wenn ich einen Menschen kritisiere für das, was er ist, komme ich nicht weiter. Wenn ich einem Löwenfarmer sage, er sei ein schlechter Mensch, wird er sich extrem angegriffen fühlen und versuchen, sich zu rechtfertigen.

Was halten Sie vom Argument, die Farmen verhinderten, dass Löwen aussterben?

Da muss ich widersprechen. Dann könnte man auch Orcas weiter in der «Sea World» halten, denn im Ozean schwimmen sie ja bald nicht mehr. In Südafrika werden 8000 bis 12 000 Löwen in solchen Farmen gehalten. Ich könnte jetzt stundenlang über diverse Aspekte sprechen, die zeigen, was daran falsch ist, aber am schlimmsten finde ich den Betrug.

Wer wird denn betrogen?

Sie etwa, wenn Sie als Touristin nach Südafrika reisen. Keiner sagt Ihnen, dass das süsse Löwenbaby, das Sie gerade im Löwenpark streicheln und fotografieren, später erschossen wird und als Trophäe endet. Im Gegenteil: Man sagt Ihnen, es käme später in einen Wildpark. Die Löwenfarmen und Tourismusattraktionen benutzen jede Lüge, damit die Touristen glücklich sind. Schliesslich geht es um ihr Einkommen.

Gruppenbild mit Kevin Richardson
Kevin Richardson mit seinen Löwen. (Bild: Jeroen Hofman)

Viele Menschen wollen ein Löwenjunges streicheln, aber offenbar wollen viele auch einen ausgewachsenen Löwen erschiessen. Wie bringt man das zusammen?

Die Zucht für die Gatterjagd gibt es schon lange. Das war nur nicht so bekannt, weil man lieber nicht darüber sprach. Dann entstanden die Löwenparks, diese Mischformen aus Zoo und Vergnügungspark, mit Löwenbabys für Touristen. Die meisten der Tiere landen letztlich bei den Trophäenjägern, weil in den Parks kein Platz mehr für sie ist.

Sollte die südafrikanische Regierung mehr für den Schutz der Löwen tun?

Im Vergleich zu unseren Nachbarn stehen wir gar nicht so schlecht da. Die Zahl unserer wild lebenden Löwen ist stabil – in West- und Zentralafrika zum Beispiel werden sie bald ausgerottet sein. Die Regierung in Pretoria lässt die Jagd auf Löwen zu, solange sie nachhaltig ist. In diesem Zusammenhang duldet sie aber auch die Zucht von Löwen, die man streicheln und schiessen kann. Es geht da um Jobs und Touristen, die Geld ins Land bringen. Das Landwirtschafts- und das Umweltministerium werfen sich das Thema hin und her wie eine heisse Kartoffel. Aber vielleicht ändert sich jetzt etwas.

Weshalb glauben Sie das?

Im Herbst hat das Umweltministerium dazu ein zweitägiges Kolloquium veranstaltet. Die wichtigsten Jagdveranstalter waren eingeladen, Züchter, die Anti-Jagd-Aktvisten, meine Stiftung sass auch mit am Tisch. Die Empfehlung war letztlich, die Canned-Hunting-Industrie zu beenden.

Einfach so?

Das ist natürlich viel leichter gesagt als getan. Als der Umweltminister das letzte Mal etwas Ähnliches versuchte, sind die Jagdveranstalter gegen seine Pläne vor Gericht gezogen und haben gewonnen. Auch aus praktischen Gründen wäre das schwierig. Dann wären mit einem Schlag tausende Löwen aus den Farmen heimatlos. Aber die Empfehlung des Komitees geht in die richtige Richtung.

Um etwas verändern zu können, muss man den Leuten auf die Füsse treten. Und das tue ich.

Sind Sie als Vater von zwei Kindern inzwischen weniger draufgängerisch mit den Löwen?

Ich bin ruhiger geworden, aber das liegt an meinem Alter. Mit 20 traust du dir alles zu. Wenn du älter wirst, überlegst du genauer, was du eigentlich tust. Aber abenteuerlustig bin ich immer noch.

Sie werden für den engen und körperlichen Umgang mit Ihren Löwen auch kritisiert. Verstehen Sie das?

Ja, klar. Leider ist trotz Einladung bisher kein Kritiker zu mir und den 28 Löwen ins Wildtierasyl gekommen, um zu sehen, wie ich arbeite. Die Feedbacks zu meinen Youtube-Videos über Social Media oder E-Mails zeigt mir: 95 Prozent der Menschen verstehen, wofür ich mich einsetze. Die fünf Prozent, die mir vorwerfen, ich würde den Bedarf an Streichelzoos anheizen, wenn ich mit meinen Löwen schmuse, wissen schlicht nicht, was sie mit mir anfangen sollen.

Warum?

Was ich mache, weicht von allem anderen ab. Ich bin weder Jagdfreund noch radikaler Tierschutzaktivist. Die Kritiker ärgern sich darüber, dass sie mich nicht zuordnen können. Dieselben Puristen greifen mich jetzt wegen des Films an. Aber manchmal sind Kompromisse nötig, damit die wichtigen Botschaften verstanden werden. Um etwas verändern zu können, muss man den Leuten auf die Füsse treten. Und das tue ich.

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