Archiv
03. Oktober 2011

Der letzte Schweizer Gondoliere

Roger Burnens betreibt das einzige handbetriebene Karussell der Schweiz. Der Zürcher hat es vor 20 Jahren selbst gebaut.

Roger Burnens
Roger Burnens macht mit seinem von Hand betriebenen Karussell Kinder glücklich.

In gemächlichem Tempo reist Roger Burnens (61) durch die Deutschschweiz. Und immer wieder auch im Kreis. Ein paar wenige Termine stehen noch auf der Agenda des Zürcher Oberländers. Dann ist die Karussellsaison vorbei, und Roger Burnens zieht sich zurück in das Quartier des Zirkus Pipistrello in Rikon ZH, wo auch er mit seinem Zirkuswagen zu Hause ist. Dort führt er Restaurationsarbeiten an seinem selbst gebauten Karussell durch und hält sich, so gut es geht,mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Und er wartet, bis es endlich wieder grün wird.

Selbst die Karussellmusik hat Burnens selbst geschrieben

Früher gab der Lebenskünstler Kindergärtnerinnen Gitarrenunterricht
Früher gab der Lebenskünstler Kindergärtnerinnen Gitarrenunterricht

Roger Burnens betreibt das schweizweit einzige handbetriebene Karussell mit Musik. Angeschoben wird es mit einem Stab. Das sieht dann aus, als wäre ein venezianischer Gondoliere am Werk. In Burnens Jargon heisst der Gondoliere salopp Angeber. Mal ist er es, der angibt, mal jemand anderes, den er behutsam ins Angeben eingeführt hat. Auch beim Musikmachen mit Gitarre oder Handörgeli löst er sich mit von ihm engagierten Gehilfen ab. Die Lieder, die zu den gemächlichen Runden gespielt werden, hat Burnens selbst geschrieben. Sie sind dem Leben, seinem Karussell und dessen neun Figuren gewidmet, Paula, der Kuh, oder Pfnirpf, dem hellblauen Seepferd. Gebaut hat Roger Burnens das Karussell vor 20 Jahren. Es war die Idee eines Mannes, der sich davor wie auch danach nicht so recht anfreunden mochte mit dem, was man landläufig als «normales» Leben bezeichnen würde.

Über seine Kindheit, die Ursachen seines andauernden Ausbruchs, will Roger Burnens, der selber zwei Kinder im Alter von 16 und 19 Jahren hat, nicht sprechen. Nur so viel: Er habe seine Kinderjahre gar nicht lässig gefunden. Seither sei alles eine Art Gegenreaktion. «Aber bitte, ich will hier kein Drama. Ich will Freude, Farbe», sagt er. Eine Berufslehre als Maschinenschlosser absolvierte Burnens widerwillig. Nach der Lehre folgte «ein zehnjähriges Herumirren». Er jobbte hier und dort, zog zwischenzeitlich auf eine Alp oder zwei Winter lang auf einen Selbstversorgungsbauernhof in die Toskana. Später gab er Kindergärtnerinnen Gitarrenunterricht und arbeitete im Botanischen Garten in Zürich. Dort, er stach gerade Erde um, fragte ihn ein Kollege, ob er sich einem Strassenzirkus anschliessen wolle. Burnens liess das Werkzeug fallen und schrieb seine Kündigung. Zirkus, Theater und vor allem Gauklertruppen faszinierten ihn schon seit je. Ein Gaukler, ein Scharlatan in gewissem Sinne, sei er selbst immer gewesen und sei es heute noch, sagt er.

Ein Jahr lang zog er mit einem Strassenzirkus durch die Gegend. Daraufhin machte er Strassenmusik und Kindertheater an Schulen. Nachdem Burnens für ein erfolgloses Winterprogramm zum Strassenzirkus zurückgekehrt war, folgte ein Engagement als Musikant und Mädchen für alles beim Zirkus Aladin, der ungewohnt für ihn für acht Jahre sein Zuhause blieb und mit dem er es bis nach Paris schaffte. Dort, auf dem Höhepunkt wurde der Beschluss gefasst, den Zirkus nicht weiterzuführen. Doch das Ende war ein Anfang: An demselben Tag, als der Zirkus beerdigt wurde, besuchte Burnens in Paris ein Fest. Da sah er ein Karussell, das von Hand betrieben wurde. «Genau das will ich», wusste Roger Burnens auf Anhieb.

«Ein Karussell zu bauen ist keine Kunst, eines zu betreiben schon»

Roger Burnens
Für den Aufbau seines Karussels braucht Roger Burnens fünf Stunden

Der Lebenskünstler traute sich zunächst nicht zu, ein Karussell zu bauen. Er gab Annoncen auf, um eines zu kaufen. Doch was ihm angeboten wurde, stimmte nicht mit dem überein, was der damals 40-Jährige sich vorstellte. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst Hand anzulegen.Heute sagt er: «Ein Karussell zu bauen ist keine Kunst. Eines zu betreiben schon.»

Das Karussell ist die schönste Idee, die ich je hatte.

Seit zwei Jahrzehnten ist Roger Burnens mittlerweile mit seinem Karussell in der Schweiz unterwegs. Er transportiert es mit dem Traktor und seinem Zirkuswagen, der sein Daheim ist, von Rikon in der ganzen Deutschschweiz umher. Nach Bern in acht, nach Basel in sechs, nach Aarau in vier Stunden. Aufgebaut ist das zwei Tonnen schwere Karussell in fünf Stunden. Der Abbau dauert halb so lange. Je nach Spielort ist der Aufwand enorm. «Am liebsten bin ich an Festen präsent, die mehrere Tage dauern», sagt Burnens.

Ein Karussell für Kinder ohne Alterslimite

Fragt jemand, ob auch Erwachsene mitfahren dürfen, sagt der Angeber Nein. «Nur Kinder. Aber für die gibt es keine Alterslimite.» Eine Fahrt mit dem Karussell kostet ungeachtet des Kindsalters «zirka zwei Franken». Manche zahlen auch ein Nötli. Eine Goldgrube ist das Karussell trotzdem nicht. «Ich kann nicht davon leben. Aber ich lebe davon», sagt Roger Burnens. Doch hinter dem leidlich laufenden Geschäft steht die Botschaft, die Burnens viel wichtiger ist: Sein Karussell ist eine Insel. Ein Hort des Ruhigen in einer viel zu hektischen Welt. Es sei eine Plattform, auf der seine Fahrgäste das tun können, wozu sie im Alltag kaum Zeit hätten: einfach sein. Diese Botschaft nimmt auch er sich zu Herzen, denn er hat vor langer Zeit für sich entschieden, dass Zeit wichtiger ist als Geld.

Wenn er das Karussell repariert, kommen die Zweifel

Stehen bleibt dabei dennoch nichts. Denn obwohl man sich im Kreis drehe, sei man am Ende einer Kreisreise nie mehr am gleichen Punkt wie zu Beginn. Schliesslich seien drei, vier Minuten Lebenszeit vergangen, philosophiert Roger Burnens.

Wenn er dann im Winter alleine vor seinem zerlegten Karussell sitzt und sich fragt, wie er bis im Frühling durchhalten soll, kommt der 61-Jährige ins Grübeln, und manchmal beginnt er doch zu zweifeln. Trotzdem macht er weiter. «Das Karussell ist die schönste Idee, die ich in meinem Leben je hatte», sagt er, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht.

Fotograf: Tina Steinauer