10. April 2019

Der lange Weg auf den Gipfel

Als Bergführerin begleitet Ariane Stäubli Menschen über luftige Grate, weite Gletscher und auf Abfahrten im Pulverschnee. Ihr Weg zum Diplom war steinig. Umso mehr geniesst sie nun die Freiheit am Berg.

Bergführerin Ariane Stäubli
Auf ihrem beruflichen Weg musste Ariane Stäubli viele Rückschläge verkraften; jetzt geniesst sie die Freiheit in der Bergwelt.
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Es macht mich glücklich, Menschen bei persönlichen Grenzerfahrungen zu begleiten», sagt Ariane Stäubli, und strahlt. Als eine der wenigen Frauen ist sie seit dem vergangenen Herbst als Bergführerin unterwegs. Eine der wenigen Frauen in einer Männerdomäne zu sein, ist Stäubli nicht unbekannt: In der Gebirgsspezialisten-RS war sie eine der ersten Frauen und an der Fachhochschule Rapperswil hat die Umweltingenieurin vor allem männliche Kollegen.

Eine Seilschaft mit dem Risiko

Schon als Kind ist sie wild und klettert bei Föhnsturm am liebsten in den Wipfeln der höchsten Bäume herum. Später trifft man sie in jeder freien Minute in den Bergen an. Bald schon steht fest: Sie will Bergführerin werden. Was sie da noch nicht weiss: Vor ihr liegen ein steiniger Weg und viele Rückschläge.

Bereits zu Beginn ihrer Ausbildung passiert der erste Unfall. Beim Aufstieg zum Piz Tambo in Graubünden, direkt an der italienischen Grenze, verliert sie mit den Ski den Halt, stürzt kopfvoran fünfhundert Höhenmeter die Bergflanke hinunter und bleibt am Bergfuss liegen. Wie durch ein Wunder überlebt sie.

Während des Falls sieht sie ein Licht, sie beschreibt es als gleissend. Ein weisses Licht, nicht der Schnee, der links und rechts an ihr vorbeistiebt.

«Das Licht war wie aus einer anderen Welt, und ich war mir sicher, dass ich gestorben bin», schaut sie auf diese Schreckensmomente zurück. Erstaunlicherweise sei dies kein unangenehmes Gefühl gewesen, sondern einfach eine neutrale Feststellung. «Seither schaue ich dem Tod gelassen entgegen.» Zumal der Tod beim Bergsteigen oft mitmarschiere. Viele Freunde und Berufskollegen habe der Berg schon geholt, alles versierte Alpinisten. «Als Kontrast zum Tod steht das Leben. Es ist wunderbar, am Leben sein zu dürfen. Hey, ich darf leben!»

Die Rega fliegt sie nach ihrem Absturz nach Chur. Die Diagnose: Sämtliche Bänder des linken Knies sind gerissen, sodass Ober- und Unterschenkel nur noch dank der Haut und des Gewebes zusammenhalten. Für Ariane Stäubli bricht eine Welt zusammen. Es sei ungewiss, ob sie jemals wieder gehen werde, das Bergsteigen könne sie vergessen.

Am Stock zurück auf den Berg

Ein renommierter Kniechirurg in Winterthur operiert Ariane Stäubli. Danach muss sie wieder laufen lernen, ihre Beinmuskulatur aufbauen. «Ich wusste nicht, ob ich mir weiterhin die Bergführerausbildung zum Ziel setzten sollte, oder ob ich zufrieden sein musste, wieder gehen zu können.»

Sie entscheidet sich, weiterhin nach den Sternen zu greifen. Kämpft sich zur alten Form zurück. Und besteigt bereits im Sommer nach dem Unfall – noch an Stöcken – das Allalinhorn oberhalb Saas Fee VS, den einfachsten Viertausender der Schweiz. Ein Jahr später besteht sie einen Teil der Bergführerausbildung.

Im Sommer danach fühlt sich Ariane Stäubli neu geboren. Sie ist glücklich, draussen zu sein, die Blumen zu sehen und rumkraxeln zu dürfen. «Ich hatte noch nie dermassen viel Freude am Bergsteigen wie im Sommer nach dem Unfalljahr.»

Der nächste Tiefschlag folgt sofort: «Ich krallte mich an eine Felsleiste, rutschte mit den Füssen weg – und zack.» Während der Sommerprüfung kugelt sie sich die Schulter aus. Erneut landet sie im OP. Nach sechs Wochen mit dem Arm in der Schlinge kann sie diesen gerade bis zur Brust anheben. Doch auch diese Hürde überwindet sie.

Der dritte Rückschlag

Im darauffolgenden Sommer wird sie zum dritten Mal ausgebremst. Pfeiffersches -Drüsenfieber. «Meine Batterien waren komplett leer. Eine ungeheure Müdigkeit legte sich über mich.» Die Viruserkrankung zwingt sie, sich einzugestehen, dass sie den folgenden Teil der Prüfungen noch nicht antreten kann. Schweren Herzens lässt sies bleiben und flüchtet ans Meer.

Sie rappelt sich erneut auf. Familie, Mentaltraining und das Ziel vor Augen helfen ihr, sich weiter auf die Prüfung vorzubereiten. Um möglichst viel «zBerg» gehen zu können, nimmt die Umweltingenieurin unbezahlten Urlaub. Ihr Plan geht auf: Sie schafft die letzten Prüfungen. Sechs Jahre hat sie in die Ausbildung investiert, während andere drei Jahre dafür brauchen. «Mir fiel ein Felsbrocken vom Herzen.»

Heute freut sie sich, Gästen ihre Faszination für die Bergwelt weitergeben zu können. Sie arbeitet 50 Prozent im Büro und verbringt den Rest ihrer Zeit in den Bergen. «Bergsteigen ist verdichtetes Leben. Auf einen schattigen, anstrengenden Aufstieg folgt meist ein sonniges Gipfelerlebnis.»

Bergführerin Ariane Stäubli auf dem Steingletscher BE
Ariane Stäubli (r.) sichert während der Bergführerprüfung auf dem Steingletscher BE einen Gast.

Der Mensch im Fokus

Es gehe ihr nie in erster Linie um den Berg, der Mensch stehe im Fokus. «Als Bergführerin sehe ich meine Aufgabe darin, den Leuten die Augen zu öffnen für die Schönheit der Natur mit ihren mystischen Stimmungen.»

Ariane Stäubli wohnt heute in Tann im Zürcher Oberland. Die Hügel dort reichen ihr nicht, es zieht sie oft ins Berner Oberland – ihre ursprüngliche Heimat. Auch privat tankt sie in den Bergen auf. «Nach einer Woche im Büro wird es eng in mir drin. Dann muss ich zurück in die Berge. Erst dort fühle ich mich wieder frei. Zwischen den Felsgiganten werde ich als Mensch ganz klein, dadurch entsteht viel Platz für andere Dinge.»

Das Gipfelglück von zwölf Bergführerinnen der Schweiz u.a. von Ariane Stäubli steht im Mittelpunkt des Buchs «Himmelwärts – Bergführerinnen im Portrait» von Daniela Schwegler. Es erscheint im Sommer im Rotpunktverlag.

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