28. April 2014

Die Körpersprache: Wenn «der Körper schneller ist als der Verstand»

Im Interview erzählt Stefan Verra, was unser Körper ungewollt verrät. Ausserdem gibt er Tipps für den Alltag und analysiert im Video die Körpersprache von Prominenten (rechts unter «Weitere Artikel»).

Stefan Verra, wir sind uns gerade eben zum ersten Mal begegnet. Was haben Sie bei meinem Anblick gedacht?

Zunächst drei Dinge: Sie lächelt viel, sie ist sehr klein, und sie hält viel in den Händen. Fazit: Keine Bedrohung – im Gegenteil. Wenn der Säbelzahntiger kommt, muss sie beschützt werden. Dann erkannte ich, dass es mir leicht fallen würde, mit Ihnen in Kontakt zu treten. Denn Ihre Kleider sitzen körpernah und zeichnen klare Konturen ab. Sie haben also nichts zu verbergen. Aber all diese Dinge sagen nichts darüber aus, ob man jemanden mag oder nicht.

Können Sie überhaupt noch durchs Leben gehen, ohne dauernd die Körpersprache der Menschen zu analysieren?

Natürlich fallen mir mehr nonverbale Signale auf als anderen. Aber ich springe auch nicht auf jede Muskelzuckung an, sonst wär ich ja ein Fall für die Psychiatrie. Ich weiss, dass der weitaus grösste Teil der Körpersprache auch meiner Aufmerksamkeit entgeht.

Straffen die Menschen die Schultern, wenn sie erfahren, wer Sie sind?

Eher kommen sie auf mich zu und sagen: «Oha, jetzt muss ich aufpassen, was mein Körper sagt.» Aber da ist es schon zu spät, der Körper ist viel schneller als Hirn und Mund, also der Verstand. Und weil die Körpersprache vorbewusst passiert, ist sie auch viel ehrlicher. Manchmal drückt man mit dem Körper Ungewolltes aus. Zum Beispiel färben sich bei Nervosität die Wangen rot. Wenn man verliebt ist, wirkt das sympathisch. Wird hingegen ein Politiker vor lauter Lügen rot, ist das natürlich etwas anderes. Aber hier gibt es kein Falsch oder Richtig, sondern nur passend oder unpassend.

Gibt es eine berühmte Persönlichkeit, bei der die Körpersprache total passt?

Ja, beim Dalai Lama stimmt sie mit der Person und mit der Rolle überein. Als Führer einer gewaltfreien Sache macht er genau das Richtige: Er lächtelt viel und neigt sich den Menschen entgegen. Dadurch stellt er sofort Kontakt mit ihnen her. Wer so gut rüberkommt, macht vermutlich alles richtig, rein körpersprachlich.

Ist das natürlich oder einstudiert?

Beim Dalai Lama auf jeden Fall natürlich. Das würde man sonst merken. Übrigens käme er mit seinem Dauerlächeln als Arzt in einer Notfallstation niemals so gut an. Das würde nicht zur Rolle passen.

«Blick nach unten, Hand an den arbeitenden Kopf, Arme verschränkt: Diese Haltung nimmt man automatisch ein, wenn man nachdenken muss. Der ganze Körper signalisiert: Ich bin jetzt nicht offen für Informationen. Deshalb macht man zusätzlich die Augen zu, wenn man besonders angestrengt überlegen muss.»

Ein Negativbeispiel?

Der ehemalige deutsche FDP-Präsident Philipp Rösler. Sein Problem: Er sieht aus wie ein Junge und nicht wie ein Machtmensch. Die Rolle, in die er gedrängt wurde, konnte er aufgrund seines Aussehens nur schwer ausfüllen.

Was hätte er anders machen können?

Nichts. Mit seinem Äusseren wird er nur schwer als Alphatier akzeptiert. Da kann er nichts dafür. Wir müssen alle das machen, wofür wir geschaffen sind.

In Ihren Shows und Kursen wollen Sie mit Halbwissen aufräumen. Welche Meinung ist besonders korrekturbedürftig?

Das Schlimmste ist, dass viele Menschen versuchen, Einzelsignale zu deuten. Zum Beispiel wird oft behauptet, verschränkte Arme würden Verschlossenheit bedeuten. Dabei sitzt jemand so vielleicht nur einfach bequem. Wer sich beim Sprechen an die Nase fasst, lügt auch nicht unbedingt. Wenn man aufgeregt ist, ist die Nase gut durchblutet, sie kribbelt, man fasst hin. Natürlich hätte man am liebsten eine Excel-Tabelle mit Posen und ihren Bedeutungen. Aber so funktioniert das nicht. Man muss alles im Zusammenhang mit dem restlichen Körper und der Situation deuten.

Gibt es keine allgemeinen Tricks, die jedem Menschen weiterhelfen würden?

Ganz wenige. Einer ist: lächeln! Man kann sich angewöhnen, öfter zu lächeln. Dann für Männer: Nicht so viel Platz einnehmen! Sie gehen breitbeinig, mit ausgefahrenen Armen. In einer Konferenz breiten sie auch ihre Utensilien weit um sich herum aus. So stecken sie ihr Revier ab. Nicht sehr sympathisch.

Und Frauen?

Genau das Umgekehrte. Sie machen sich unnötig schmal und klein, pressen die Oberarme an den Oberkörper, verschränken die Beine, beanspruchen wenig Platz im Bus und im Zug. Denen sage ich: Macht euch breiter, dann werdet ihr wahrgenommen!

Wenn ich mich an solche Tipps halte, wirke ich dann nicht unnatürlich?

Gegenfrage: Wenn Sie als Frau hüftbreit stehen, denken Sie, dass das Ihrer Glaubwürdigkeit schadet? Und jemand, der lächelt, kann auch total natürlich wirken. Man darfs natürlich nicht übertreiben. Nur weil jemand mit einem Dauergrinsen rumläuft, heisst das nicht, dass er automatisch gut ankommt.

Der deutsche TV-Moderator Stefan Raab ist so ein Dauergrinser. Er ist beliebt.

Ja, weil er so total er selber ist, wie man es nur sein kann. Breitbeinig, grobschlächtig, immer mit den gleichen Jeans an den Beinen. Der ist so! Genau das Gleiche bei Thomas Gottschalk. Beide fühlen sich absolut wohl in ihrer Haut. Ihre Körpersprache stimmt mit ihrem Wesen überein

Null Bock: «Alles hängt. Becken, Knie und Gesicht haben keinerlei Spannung. Die Hände stecken in den Taschen oder sind von den Ärmeln verdeckt. Die Augen blicken un­fokussiert. Die Botschaft: Ich bin nicht einsatzbereit, habe keine Lust auf Aktivität. Jugendliche zeigen so, dass sie noch nicht bereit sind fürs Erwachsenenleben.»

Wer sollte sich von Berufs wegen mit seinem Auftreten befassen?

Grundsätzlich gilt: Im Beruf werden sich oft nicht die Klügsten durchsetzen, sondern jene, die mit ihrer Körpersprache das versprechen, was von ihnen erwartet wird. Der erste visuelle Eindruck bestimmt ganz stark alles Weitere.

Kann man so ein Manko nicht mit Worten ausgleichen?

Niemals. Wer inkompetent wirkt, kann sagen, was er will. Das Problem ist: Bevor man jemandem zuhört, muss man erst seine äussere Wirkung gut finden. Das ist wie mit dem Apfel, in den wir nur reinbeissen, wenn er gut aussieht. Umgekehrt kann man ein glaubwürdiges Image kaum mehr loswerden, wenn mans mal hat. Wie Barack Obama. Wenn er sagt, er freue sich, in Berlin zu sein, und dazu breit grinst, dann glauben wir ihm das einfach – weil er als Guter gilt.

Was gehört alles zur Körpersprache?

Gestik, Mimik, Körperhaltung, Bewegungen: Das sind die wichtigsten Elemente. Dazu kommen Kleidung, Farben und Konturen. Ebenso Accessoires: Handy, Uhr, Schmuck, Auto. Sogar die Designerküche zu Hause ist Körpersprache, überhaupt das ganze Drumherum, mit dem man sich in Szene setzt. Auch der Geruch gehört dazu.

Die Frisur?

Ja, klar. Deshalb: Vorsicht mit Modeströmungen! Heidi Klum zum Beispiel hatte bei ihren Auftritten in «Germanys next Topmodel» eine Zeit lang fast das ganze Gesicht mit Fransen verdeckt. So ein Look kann auf die Leute, denen man begegnet, verunsichernd wirken.

Wild und böse: «Miley Cyrus, Beth Ditto, Lady Gaga, Marilyn Manson: Sie verstecken sich hinter Grimassen und einige zusätzlich hinter übertriebener Schminke. Meist sind das unsichere Menschen, die sich ohne diese Verstellung nackt fühlen. Einige sind so unsicher, dass sie ohne Bemalung nirgendwo hingehen. Das ist tragisch.»

Fühlen sich denn meine Mitmenschen wohler mit mir, wenn ich die Haare zurückbinde?

Ja. Denn so sieht man sehr viel vom Gesicht und kann besser einschätzen, mit wem mans zu tun hat. Wenn Sie hingegen eine Brille mit zu breiter Fassung und dicken Bügeln anziehen, verdecken sie die Augen wiederum. Führungspersönlichkeiten sage ich deshalb: «Nimm eine Brille ohne Rand, die Leute wollen die Augen sehen!» Nichts ist unangenehmer als ein Pokerface.

Lernt man in Ihrer Show, was man nonverbal vermeiden sollte?

Im Gegenteil! Ich befreie die Leute von solchem Ansinnen. Ich sage: «Hört auf, euch zu überanalysieren, es gibt kein Richtig und kein Falsch. Ich sage nur, mit welcher Körpersprache man wie wirkt.»

In Ihrer Show wird viel gelacht. Warum findet man Körpersprache lustig?

Wahrscheinlich eben, weil ich sie vom Psychologisieren befreie. Das mache ich mit Humor. Ich spreche über alltägliche Beobachtungen, in denen sich die Zuschauer selber erkennen. Sie lachen letztlich über sich selbst.

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