15. Juni 2017

Der Klimawandel in der Schweiz

Der US-Präsident will nicht wahrhaben, dass der Mensch verantwortlich ist. Doch das Klima verändert sich, und wir sind überdurchschnittlich betroffen: Hitze und Starkniederschläge bringen Mensch, Umwelt und Wirtschaft in Gefahr. Wie bereitet sich unser Land auf etwas vor, das nicht mehr rückgängig zu machen ist? Eine Reise an verschiedene Brennpunkte. Unten: Meteoschweiz-Prognose zur Entwicklung von Temperatur und Niederschlag bis 2060.

MeteoSchweiz-Mitarbeiter Joël Fisler
MeteoSchweiz-Mitarbeiter Joël Fisler untersucht in Bellelay, ob sich der bisherige Standort für eine Messstation der neuen Generation eignet.

Die Fahrt führt tief in den Berner Jura. Meteo-Schweiz-Mitarbeiter Joël Fisler (44) ist unterwegs zur Psychiatrischen Klinik in Bellelay. Er begutachtet eine Regenmessstation der älteren Generation, und einer der Angestellten zeigt ihm die Regentagebücher: Seit 1864 haben Personen hier – und an anderen ausgewählten Orten in der Schweiz – von Hand die Niederschläge notiert. Das funktionierte all die Jahrzehnte zuverlässig. Aber dem Klimawandel ist diese manuelle Methode nicht gewachsen. Es braucht eine neue Generation von Bodenmessstationen, viele davon.

Die geeigneten Orte dafür zu finden, war in den vergangenen Jahren Joël Fislers Aufgabe. Sie führte ihn in die hintersten Ecken und die entlegensten bewohnten Täler der Schweiz. Bei der Automatisierung geht es darum, mehr und verlässlichere Messdaten und -reihen zu erhalten, um künftige extreme Niederschläge besser und schneller vorherzusagen. So können die Kantone zum Beispiel bei Dauerregen ihre Aktivitäten besser aufeinander abstimmen und Überschwemmungen eher vermieden werden.

Im Umgang mit den Folgen des Klimawandels geht nichts ohne Klimawissen und Zusammenarbeit. Für die vielen notwendigen Anpassungen an das extremer werdende Wetter hat der Bund in den vergangenen Jahren den Boden bereitet, unter anderem mit 31 Pilotprojekten, die diesen Herbst abgeschlossen werden. Danach geht es mit den Anpassungen richtig los. Das CO2-Gesetz, das mit der Ratifizierung des Pariser Abkommens komplett überarbeitet werden muss, bildet die gesetzliche Grundlage dafür.

Die wichtigste Massnahme gegen die globalen Klimaveränderungen ist die massive Reduktion der Treibhausgasemissionen; 50 Prozent weniger gegenüber 1990 – so lautet das Ziel der Schweiz bis 2030. Begleitend dazu hat der Bund den Auftrag, Anpassungen an den Klimawandel zu koordinieren; denn auch wenn per sofort kein CO2 mehr ausgestossen würde: Grosse Veränderungen und künftige gefährliche Ereignisse sind bereits jetzt nicht mehr aufzuhalten.

Die notwendigen Anpassungen sind zahlreich, denn die Schweiz ist als Alpenland überdurchschnittlich stark betroffen vom Klimawandel. Man rechnet mit einer Zunahme von Extremereignissen. Neben den Starkniederschlägen sind es lange und heisse Trockenperioden im Sommer, die besonders Sorge bereiten. Bei lange andauernder Hitze stossen viele Menschen vor allem in Städten gesundheitlich an ihre Grenzen. 1000 Menschen starben im Hitzesommer 2003, vor allem Alte, chronisch Kranke und Kinder, 2015 waren es rund 800.

Überleben dank Wasser und Grün

Lionel Tudisco (32) ist Stadtentwickler bei der Walliser Kantonshauptstadt. Sein Büro befindet sich direkt neben der Espace des Remparts mitten im Zentrum. Junge japanische Pflaumenbäume spenden Schatten, auf dem lockeren Bodenbelag aus kleinen Steinen und hellblauen Glasperlen sprudeln Fontänen, Menschen sitzen lesend auf steinernen Sesseln. Rundum ist es heiss, aber hier verweilt man gern. «Das kommt nicht von ungefähr», sagt Tudisco. «Ein ausgewachsener Baum kann die Wirkung von drei Klimaanlagen haben.» Und auch das Wasser trage, zusammen mit dem hellen Bodenbelag, zum angenehmen Mikroklima bei.

In Sion sei es bedingt durch Asphalt und Beton im Sommer manchmal zehn Grad heisser als im Umland, erzählt sein Begleiter Christophe Clivaz (48). Der grüne Lokalpolitiker ist Assistenzprofessor für Geografie und Nachhaltigkeit an der Uni Lausanne. Als das Bundesamt für Umwelt vor mehreren Jahren sein Pilotprojekt zur Anpassung an den Klimawandel lancierte und potenzielle Projekte suchte, wurde er schnell aktiv. Jetzt sind etliche Plätze der Stadt so umgestaltet, dass sie Hitze absorbieren.

Lionel Tudisco (l.) und Christophe Clivaz auf der Espace des Remparts in Sion
Lionel Tudisco (l.) und Christophe Clivaz auf der Espace des Remparts mitten in Sion. Hier ist es dank Wasser, Bäumen und hellem Bodenbelag auch bei drückender Hitze angenehm kühl.


«Vielen Leuten ist noch gar nicht bewusst, dass der Klimawandel stattfindet», sagt Lionel Tudisco, «und sie können sich nicht ansatzweise vorstellen, wie heiss es noch werden und wie das ihre Gesundheit belasten wird.» Die Stadt versucht, ihre Bürger zusätzlich mittels Ausstellungen auf Plakatwänden zu sensibilisieren. Man wolle den Leuten aber nicht Angst machen, sondern sie positiv ansprechen: «Die Anpassungen, die wir vornehmen, sorgen für Lebensqualität in der Stadt, schon jetzt. Das verstehen und begrüssen fast alle», sagt er.

Wasser und dafür viel mehr Grün auf Plätzen, Dächern, an Wänden: Das sind wesentliche Faktoren für die Lebensqualität in der heissen Stadt der Zukunft. Und angesichts der Todesopfer, die die Hitzesommer fordern, auch fürs Überleben. Dass asphaltierte Flächen aufgerissen und neu gestaltet werden, ist ebenfalls eine wichtige Massnahme. Sie hat zudem nicht nur mit der Hitze zu tun, sondern auch mit der Überschwemmungsgefahr. Wasser soll möglichst versickern können.
Mit ihren städtebaulichen Massnahmen will Sion auch die Privaten dazu motivieren, selber Anpassungen vorzunehmen, zum Beispiel ihren Parkplatz zu bepflanzen oder das Hausdach zu begrünen. Denn es brauche auch ihren Beitrag, um die Stadt den neuen Bedingungen anzupassen, sagt Lionel Tudisco.

Auch Wälder müssen sich anpassen

Ein beliebter Rückzugsort für Hitzegeplagte ist der Wald. Wie wird er seine vielfältigen Funktionen wie Holzproduktion, Trinkwasserfilter oder Schutzwald künftig erfüllen können? «Es ist damit zu rechnen, dass es Fichte und Buche im Mittelland zu warm und zu trocken wird», sagt Caroline Heiri (40). Die Forstingenieurin widmet sich an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) der Frage, wie gut unsere drei Hauptbaumarten an das zukünftige Klima angepasst sind. Die heute wachsenden Bäume werden den Wald der Zukunft bilden und müssen mit den neuen Gegebenheiten zurechtkommen, um zu überleben.

In der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) lagern Samen von Tannen- und Fichtenzapfen
In der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) lagern Samen, die Caroline Heiri aus Tannen- und Fichtenzapfen gesammelt hat.

Heiri und ihr Team pflanzten Tausende von Fichten, Buchen und Tannen an einem Versuchsstandort und beobachteten ihr Wachstum. Die verwendeten Samen stammten aus verschiedenen Regionen der Schweiz. Je nach Standort haben sich die Bäume über Generationen an die lokal unterschiedlichen Temperatur- und Niederschlagsverhältnisse angepasst, sodass Bäume der gleichen Baumart sich zwischen Regionen genetisch unterscheiden. «Dies zeigt sich etwa darin, dass die frostempfindlichen Knospen unterschiedlich früh aufbrechen, je nachdem, von welcher Höhenlage die Samen stammen», sagt Heiri.

Ein Ziel der mehrjährigen Studie war es, die ganze genetische Variationsbreite der untersuchten Baumarten in der Schweiz zu kennen. Daraus lässt sich ableiten, wie einheimische Bäume an das zukünftige Klima angepasst sind.
Eine mögliche Schlussfolgerung könnte sein, dass Samen von Fichten aus dem trockenen Unterwallis sich für die Pflanzung im heute noch feuchteren Zürich eignen. Denn Ende des Jahrhunderts könnte das Zürcher Klima dem des Unterwallis entsprechen.

«Unsere Modelle zeigen deutliche Unterschiede zwischen den drei Baumarten», sagt Heiri, «die Fichte dürfte im gesamten Mittelland mit dem künftigen Klima nur noch an vereinzelten, feuchten Standorten zurechtkommen. Die Buche wird insbesondere in Regionen gefährdet sein, die heute bereits eher warm und trocken sind, etwa im Unterwallis und in Schaffhausen. Die Tanne scheint sich vom Klimawandel wenig beeindrucken zu lassen, ausser im Tessin, wo sie sich wohl in etwas höhere Lagen verschieben dürfte.»

Auf dem Versuchsfeld in Birmensdorf misst Heiri die Höhe jedes gepflanzten Baums
Auf dem Versuchsfeld des WSL in Birmensdorf ZH misst Heiri die Höhe jedes einzelnen gepflanzten Baums. 


Heiris Arbeit, die viel Geduld erfordert, ist eins der 42 Projekte des Forschungsprogramms «Wald und Klimawandel» des Bundesamts für Umwelt (BAFU) und der Eidgenössischen Forschungsanstalt (WSL). Sie hilft, Grundlagen zu erarbeiten, damit Förster und Waldeigentümer bereits heute ihre Waldpflege auf künftige Bedingungen ausrichten können.

Vorletzte Woche hat die Schweiz mit dem Entscheid des Ständerats das Klimaabkommen von Paris definitiv ratifiziert. Es verlangt von allen Staaten neben der Reduktion der Treibhausgase auch Anpassungen, damit man sich vorbereieten kann auf Veränderungen, die unabwendbar sind. Es geht darum, Ökosysteme und Gesellschaften widerstandsfähiger zu machen. Mit Caroline Heiris Baumforschungsprojekt, den hitzereduzierenden städtebaulichen Massnahmen in Sion oder mit der effizienten Niederschlagsfrühwarnung von Meteo Schweiz und weiteren Projekten, die Teil der Anpassungsstrategie des Bundes sind, ist die Schweiz gut unterwegs.

Weniger Ski fahren, mehr baden

In der Surselva, einer Bündner Region, in der man stark vom Wintertourismus abhängig ist, haben sich regionale Akteure zusammengetan, um Ideen und Massnahmen zu erarbeiten. Urs Giezendanner (56), Leiter des Büros für Regionalentwicklung, hat den Prozess begleitet. «Ab 2050 wird es in Disentis, auf 1100 Metern über Meer gelegen, so warm sein wie heute in Chur. Klimaprognosen gehen davon aus, dass es ab 2050 mit der Erwärmung noch schneller gehen wird», sagt er.

Urs Giezendanner (l.) bespricht sich mit Curdin Maissen (Mitte) und Rino Caduff (r.): Aus einem ungenutzten Baggersee soll ein Natursee werden.
Urs Giezendanner (l.) bespricht sich in der Surselva mit Curdin Maissen (Mitte) und Rino Caduff (r.): Aus einem ungenutzten Baggersee soll ein Bade- und Natursee werden.

An einem windigen Sommertag trifft sich Giezendanner in der oberen Surselva mit Curdin Maissen und Rino Caduff, um eine der vielversprechenden, dem Klimawandel angepassten Visionen für den regionalen Tourismus zu besprechen: Hier bei Sumvitg wird in wenigen Jahren der Rhein renaturiert – man will die Gelegenheit nutzen und gleich daneben einen Natur- und Badesee anlegen. Der Bauunternehmer aus dem Dorf und der pensionierte Repower-Manager aus Ilanz zeigen Pläne: Wenn die hitzegeplagten Menschen aus den Städten dereinst in die kühleren Berge flüchten werden, finden sie in Sumvitg einen idyllischen Ort zum Abkühlen.

Der Region, so hofft man, böte der Ausbau des Sommertourismus eine Zukunft. So soll der Natur- und Badesee als Chance betrachtet werden. Fast zur selben Zeit, wie die Schweiz das Pariser Klimaabkommen endgültig ratifizierte, hat man in der Surselva für den «Lag Salischinas» einen Verein gegründet – ein kleiner Durchbruch für die Anpassung ans Klima auf lokaler Ebene, der in der Summe zählen wird. 

Fotograf: Samuel Trümpy

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