27. April 2018

Der Kampf gegen Armut hat seinen Preis

Über eine halbe Million Menschen in der Schweiz leben in Armut – Tendenz steigend. Dennoch hat der Bund den Beitrag zur Armutsbekämpfung drastisch gesenkt. Das sei aus ethischer und ökonomischer Sicht nicht nachvollziehbar, sagt der Soziologe Franz Schultheis.

Portemonnaie mit Zweifränkler und Schweizer Kreuz
Armutszeugnis: Viele Menschen in der Schweiz müssen jeden Franken zweimal umdrehen. (Bild: Keystone)
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Auch wenn die Konjunkturanalysen positiv sind: Die Zahl der Armutsbetroffenen in der Schweiz ist 2017 zum zweiten Mal in Folge gestiegen: Laut Bundesamt für Statistik (BFS) leben rund 615 000 Menschen hierzulande in Armut. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 7,5 Prozent – 0,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Seit 2014 setzt der Bund gemeinsam mit den Kantonen und Gemeinden einen Fünfjahresplan zur Bekämpfung von Armut um. Dafür hat er ein Budget von neun Millionen Franken gesprochen. Obwohl der Bundesrat zum Schluss gekommen ist, dass das Programm sich bewährt hat, stellt er für die nächsten fünf Jahre nur noch 2,5 Millionen Franken zur Verfügung.

Wie soll Armut in der Schweiz bekämpft werden?

Ludwig Gärtner (60), Vizedirektor des Bundesamts für Sozialversicherungen, begründet dies damit, dass «die Verantwortung für die Umsetzung konkreter Massnahmen zur Armutsprävention bei den Kantonen, Städten und Gemeinden liegt». Dies geschehe oft in Kooperation mit privaten Organisationen wie Caritas. «Da die aufwendigen Aufbauarbeiten bereits geleistet sind, lässt sich die Zusammenarbeit mit weniger Mitteln fortsetzen.»

Franz Schultheis, Soziologieprofessor an der Universität St. Gallen, warnt, dass inbesondere Arbeitslosigkeit das Armutsrisiko verschärfe. Und Caritas Schweiz betont, Armut sei kein marginales Problem, sondern die neue sozial-politische Herausforderung. «Für eine wirksame und erfolgreiche Armutspolitik ist eine Strategie mit verbindlichen Zielen, Massnahmen und entsprechenden Ressourcen unabdingbar.»

Die Stigmatisierung von Armen ist menschenunwürdig

Franz Schultheis
Franz Schultheis
Franz Schultheis (64) ist Soziologe und Professor an der Universität St. Gallen (Bild: zVg).

Was dachten Sie, als Sie erfuhren, dass der Bundesrat weniger Geld für die Armutsbekämpfung zur Verfügung stellt?

Ich war geschockt. Es gibt in der Schweiz keine Zeichen von Wirtschaftskrise. Dass man sozial Benachteiligte eine weitere Stufe heruntersetzt, ist weder ethisch-moralisch noch ökonomisch nachvollziehbar. Das zeigt, dass die Armen in der Schweiz keine Lobby haben und eine Randgruppe sind. Besonders skandalös ist, wenn Kinder in Armut aufwachsen müssen. Da kann man beim besten Willen nicht sagen, dass das selbstverursacht ist.

Das Bundesamt für Sozialversicherungen argumentiert, die Verantwortung liege bei den Kantonen, Städten und Gemeinden.

Tatsächlich sind die Berechnungsgrundlagen für Sozialhilfeempfänger von Kanton zu Kanton und von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. Der schweizerische Föderalismus, den ich an sich mag, führt zu einem Patchwork in der Armutsbekämpfung: Im Kanton Genf etwa zeigt sich die Sozialpolitik wesentlich generöser als in der Ostschweiz. Es ist für eine Gesellschaft nicht akzeptabel, wenn es den Armen in einem Kanton einigermassen gutgeht und denjenigen in einem anderen schlecht.

Was kann man dagegen tun?

Für die Armutsbekämpfung braucht es einen zentralen Hebel. Kinderarmut liesse sich durch Investitionen in frühkindliche Einrichtungen vermeiden. Wer unter Armutsbedingungen aufwächst, trägt ein grosses Risiko, als erwachsene Person ebenfalls in der Armut zu landen. Das erzeugt enorme Kosten, denn der Gesundheitszustand unter Armen ist durch viele Mankos gekennzeichnet. So haben Kinder gegenüber ihren privilegierten Altersgenossen ein doppelt so hohes Unfallrisiko und überdurchschnittlich oft Karies. Auch Fettleibigkeit ist unter Armen weiter verbreitet, weil sie sich nicht gesund, sondern eher fett und süss ernähren.

Armut bleibe die grösste soziale Herausforderung der kommenden Jahrzehnte, sagt die Caritas.

Wir wissen nicht, was die nächsten Jahrzehnte bringen werden. Sicher ist aber, dass Armut die brennendste soziale Frage der Gegenwart ist. Alles deutet darauf hin, dass wir im nächsten Jahrzehnt massiv mit diesem Problem konfrontiert sein werden. Wenn aus dem rechten Lager zynische Unterstellungen kommen, wonach Armut selbstverschuldet sei, sollten die öffentliche Meinung und die Medien dagegen Stellung beziehen. Diese Stigmatisierung ist menschenunwürdig.

Die OECD definiert Personen als arm, wenn sie weniger als 60 Prozent des gesellschaftlichen Durchschnittseinkommens verdienen.

Wie stark ist Armut in der Schweiz denn nun verbreitet?

Es gibt die naive Auffassung, dass Armut hier nicht existiere, weil niemand verhungert oder verdurstet wie in afrikanischen oder asiatischen Ländern. Nun gibt es aber offizielle Berechnungen der OECD. Die Organisation definiert Personen als arm, wenn sie weniger als 60 Prozent des gesellschaftlichen Durchschnittseinkommens verdienen. In der Schweiz sind das Sozialhilfeempfänger und Menschen, die anspruchsberechtigt sind, aber aus Scham oder Unwissen staatliche Hilfe ablehnen. Auch sogenannte Working Poors zählen dazu, also Menschen, die gut 40 Stunden pro Woche arbeiten, am Ende des Monats aber nicht über die Runden kommen. Sie machen etwa zehn Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung aus.

Wie viele Menschen sind das insgesamt?

Ich möchte mich nicht aufs Glatteis wagen, denn es hängt davon ab, wie gross die Grauzone ist. Sicher ist, dass die Zahl grösser ist als die insgesamt über 270'000 Menschen, die Sozialhilfe beziehen. Dabei sind in den letzten zehn Jahren die durchschnittlichen Sozialhilfekosten pro Person von 7300 auf 9800 Franken gestiegen.

Weshalb steigen die Kosten?

Wir haben einen deutlichen Zuwachs von Ein-Personen-Haushalten und Familien mit nur einem Elternteil, bei denen der Anteil der Wohnungskosten überproportional ist. Bei letzteren handelt es sich meist um alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern. Ihr Anteil ist unter den Armen besonders hoch. Von allen Altersgruppen sind Kinder und Jugendliche am stärksten von Armut betroffen, während Rentenempfänger in der Schweiz relativ gut abgesichert sind. Armut in der Schweiz betrifft also vor allem Kinder und Jugendliche, zweitens alleinerziehende Frauen und drittens Erwerbslose. Wenn man in der Schweiz arbeitslos ist, steigt das Armutsrisiko besonders an. Die Sozialhilfe ist zwar deutlich höher als in den Nachbarländern, das wird aber durch die hohen Lebenskosten trelativiert. Obwohl die Schweiz ein sehr reiches Land ist, gibt es hier das Phänomen der dauerhaften Armut, was zur sozialen Isolation und psychischen Leiden führen kann.

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