11. August 2017

Der iPad-Coach

Bei Davide Carls organisieren sich die Schüler selbst. Sie arbeiten mit iPads im Online-Klassenzimmer.

Davide Carls, umgeben von seinen Schülern und ihren iPads
In Davide Carls Klassenzimmer läuft alles über das iPad.
Lesezeit 3 Minuten

Der Pausengong ertönt. Und etwa 40 Jugendliche strömen ins sogenannte Office, in einen grosszügigen Raum, wo sie sich an ihren mit Sichtschutz ausgestatteten Arbeitsplatz setzen. Sie schalten ihr Tablet ein und machen in französischer Sprache Werbung für Montreux, schreiben, warum sie einen Song cool finden, oder lösen Rechenaufgaben.

Die Schülerinnen und Schüler der 1. bis 3. Sekundarschule Seehalde in Niederhasli ZH entscheiden selbst, was sie in den zehn wöchentlichen Lek­tionen im Office erledigen. Ihre Ziele für die laufende Woche halten sie montags in ihrem Lernzielbuch fest.

Davide Carls (28) lehnt sich an ein Stehpult, vor ihm Laptop und iPad. Manche Schüler haben per Formular einen Termin mit ihm vereinbart, weil sie eine Aufgabe nicht verstehen oder einen Vortrag besprechen möchten. Andere strecken die Hand in die Höhe, um etwas zu klären. Die meisten sitzen still da, den Blick auf den Bildschirm gerichtet. «Ende Woche wird sich zeigen, wie realistisch sie ihre Lernziele geplant haben», sagt Davide Carls.

Die Schülerinnen und Schüler sind geteilter Meinung über das individualisierte Lernen. Agoyll (14) tippt lieber, als sich die Hand wundzuschreiben. Macht er weiterhin so gut mit, kann er zu den Fortgeschrittenen aufsteigen und im Office Musik hören. Nino (14) ist «anfangs fast durchgedreht mit dem System», er habe es einfach nicht verstanden und denke noch heute immer wieder wehmütig an die Primarschule zurück.
Shania (13) schätzt es, durch konzentriertes Arbeiten Punkte sammeln und so ihre Noten verbessern zu können. Elisa (14) sagt: «Man muss sich echt zusammenreissen.» Josepha (15) findet, sie werde auf diese Weise gut auf das spätere Arbeitsleben vorbereitet.

Die nächste Lektion ist eine stufendurchmischte Deutschstunde. Die Klasse hört einen Fall von Philip Maloney, jeder mit Ohrstöpseln und Tablet. Anschliessend prüft Davide Carls das Hörverständnis mittels Quiz, bei dem jeder die Antworten in sein iPad eingibt und sogleich auf der Leinwand sieht, ob sie stimmen.

Die Klasse geht voll mit, johlt und klatscht. Über Google Doc haben alle Zugriff auf das Semesterprogramm und alle verwendeten Links. Ihre Hausaufgaben laden die Jugendlichen über die Plattform Showbie hoch, eine Art OnlineKlassenzimmer. Davide Carls zeichnet seine Rückmeldungen als Sprachnachricht auf. «So können sie meine Inputs auch mehrmals anhören, und ich spare Zeit.»

Methoden mit Medienecho

Davide Carls hat seine Lehrer-ausbildung diesen Frühling abgeschlossen und unterrichtet seither an der «Seehalde» Deutsch, Englisch, Informatik, Sport und Hauswirtschaft. Die Schule hat mit ihren neuen Lehrmethoden Schlagzeilen gemacht – auch kritische ­Stimmen waren zu hören.

Als Davide Carls die Schule auf Anraten seines Informatik- dozenten besuchte, habe es klick! gemacht. Die Frage, wie man die neuen Medien so einsetzen kann, dass möglichst alle profitieren, beschäftigt den Digital Native schon lange.

Der Berufseinsteiger ist überzeugt: Lernt ein Schüler innert dreier Jahre, sich gut zu organisieren, hilft ihm das bei einer Lehre oder bei der weiteren Schulkarriere. Vor allem schwächere Schülerinnen und Schüler hätten Mühe mit dem selbstorganisierten Lernen, deshalb bräuchten sie einfachere, überschaubarere Aufgaben, mehr Feedback und Erfolgserlebnisse. «Um auch ihnen gerecht zu werden, sind die Lehrpersonen ständig daran, die Unterlagen zu verbessern.»

Carls denkt häufig über die Schule der Zukunft nach und fragt ketzerisch: «Braucht es fixe Lehrpläne und Schulzeiten?» Er fände es sinnvoller, wenn Jugendliche die Fächer nach ihren Interessen und Neigungen wählen und so «mehr in die Tiefe, statt in die Breite gehen» könnten. Seiner Meinung nach bietet der Lehrplan 21 mehr Möglichkeiten, da er Ziele fächerübergreifend formuliert.

Davide Carls liebt die Arbeit mit Jugendlichen: «Es lebt!» Trotzdem erlebte er auf seinem Berufsweg schon erste Krisen. Die Ausbildung hält er für zu wenig praxisorientiert. Auf die schwierigen Schüler und das Arbeitspensum, das auf einen zukomme, sei er nicht gut genug vorbereitet gewesen. Obwohl er sehr gern unterrichtet, kann er nicht sagen, ob er sein Leben lang Lehrer bleiben wird: «Ich bin der Typ, der alle fünf Jahre den Sport und das Instrument wechselt.»

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