05. Mai 2014

Der Hundeprofi

Wenn Hunde und Menschen zusammen nicht können, ist Martin Rütter gefragt. Der Hundeprofi über seine neuen Vierbeiner, uneinsichtige Menschen und schlitzohrige Hunde. Sehen Sie zudem Ausschnitte aus seiner Show.

Basis für 
jede Erziehung ist, 
dass der Hund 
dem Menschen vertraut, so Martin Rütter.
Basis für 
jede Erziehung ist, 
dass der Hund 
dem Menschen vertraut, so Martin Rütter.

Martin Rütter, nach ein paar hundefreien Jahren haben Sie entschlossen, sich doch wieder einen vierbeinigen Freund zuzulegen. Was macht die Suche?

Die ist im Moment erfolgreich abgeschlossen. Vor über einem Jahr ist die Ridgeback-Hündin Abbey in mein Leben getreten – gebraucht, also aus einem Tierheim. Sie ist inkontinent, ansonsten aber unkompliziert. Dann stand vor etwa sechs Monaten plötzlich eine zweite Hündin von meiner Haustür. Ich öffnete, und sie spazierte herein, legte sich aufs Sofa und bewegte sich nicht mehr weg. Ich habe dann ein wenig recherchiert und das Tier zu seinen Besitzern zurückgebracht. Sie kam aber wieder. Als ich die Hündin erneut nach Hause bringen wollte, war die Familie nach Mallorca abgeflogen. Ich habe die Hündin behalten. Sie heisst Emma.

Rasse?

Das werden Sie jetzt nicht glauben. Vor ein paar Monaten wurde ich in einem Interview gefragt, was ich wäre, wenn ich ein Hund wäre. Und ich antwortete: eine Terrier-Hütehund-Mischung. Jetzt raten Sie mal, was Emma ist?

Eine Terrier-Hütehund-Mischung?

Tatsächlich!

Warum haben Sie sich für die beiden Hunde entschieden?

Gute Frage. Eigentlich suchte ich ja ein ruhiges Tier. Aber zumindest Emma ist das Gegenteil davon. Sie war überhaupt nicht erzogen, als sie zu mir kam. Sie lief über gedeckte Tische und zerstörte auf Tour die ganze Garderobe.

Und Abbey? Liebe auf den ersten Blick?

Die Liebe ist gewachsen. Abbey ist unterdurchschnittlich intelligent, eigentlich richtig doof. Das passt mir. Solche Hunde machen wenig Probleme – wie Mina damals, die Hündin, die ich 16 Jahre lang hatte.

Sie sind Spezialist für Hundeerziehung. Wer leidet mehr, wenn der Hund nicht erzogen ist, der Mensch oder das Tier?

Kommt drauf an. Ein extrovertierter Hund wird so lange Radau machen, bis man sich kümmert. Viel schwieriger habens die introvertierten. Vor Kurzem hatte ich einen Hund im Training und erfuhr zufällig, dass die Besitzer zu Hause einen zweiten haben. Der könne gut alleine zu Hause sein, sagten sie, aber er sei unglaublich faul. Wenn sie nach Hause kämen, freue er sich kurz und schlafe dann sofort ein. Da gingen bei mir die Alarmglocken los. Mit Hilfe einer Kamera fanden wir heraus: Immer wenn die Leute aus dem Haus gingen, verkrampfte sich der ganze Körper dieses Tiers, und so lag es dann da, mit aufgerissenen Augen. Der Hund hatte Stress, und zwar stundenlang. Darum war er so erschöpft, wenn die Besitzer nach Hause kamen.

Wie haben diese Leute reagiert?

Sie weinten, als sie das sahen. Noch am gleichen Tag organisierten sie einen Hundesitter, damit das Tier nicht mehr so viel allein sein musste.

Sind acht Stunden Alleinsein für einen Hund schlimmer als zwei?

Oh ja! Viele glauben, ein Hund habe kein Zeitgefühl, aber das ist ein grosses Missverständnis. Ein Hund kann sogar programmiert werden. Wenn ich jeden Morgen vier Stunden bei der Arbeit bin, kann sich das Tier daran gewöhnen. Allerdings fängt es dann nach drei Stunden fünfzig an, nervös zu werden. Vier bis fünf Stunden pro Tag sind übrigens für ein ausgelastetes Tier zumutbar. Wer den Hund regelmässig acht Stunden allein lassen muss, sollte keinen haben.

Kann ein Hund sich langweilen?

O ja. Ganz wichtig sind deshalb gemeinsame Erlebnisse, das unterschätzen viele Tierfreunde. Wenn ich denen sage, spiel mal mit dem Hund, wissen die gar nicht, was tun. Meistens bringen sie den Hund in einen Park, und da soll er mit Artgenossen herumtollen.

Genügt das nicht?

Nein. Das ist wie mit Kindern. Ich lebe ja etwa 150 Tage im Jahr im Hotel und sehe meine vier Kinder nicht so wahnsinnig oft. Aber wenn ich da bin, gehe ich mit ihnen zum Kinderspielplatz und spiele wie verrückt mit ihnen, vor allem mit den Mädchen, die sind noch klein. Ich tobe mit ihnen herum und klettere aufs Gerüst. Die Mütter dort denken wahrscheinlich: Der hat sicher eine schwierige Kindheit gehabt und muss viel kompensieren. Aber Spielen ist ein sehr bindendes Element, auch mit Hunden.

Fordern die Halter im Allgemeinen nicht eher zu viel von ihren Tieren? Um Hunde wird ja heute ein richtiger Kult betrieben.

Wenn sich jemand intensiv mit seinem Tier befasst, heisst es schnell, er hätte einen an der Schacke. Aber das stimmt meist nicht, vielmehr sind die Anforderungen an die Halter massiv gestiegen. Wenn Sie heute mit dem Hund durch Zürich laufen, haben Sie viel mehr Stress als früher. Es gibt auch jene, die ihrem Hund 200 Tricks beibringen, Hundesport betreiben, Training machen, alles kreuz und quer. Das kann zu viel sein.

Sie befassen sich als Coach mit Menschen, die mit ihren Hunden nicht klarkommen. Welche sind die häufigsten Probleme?

Zumindest die häufigste Ursache für Probleme ist, dass der Mensch seinen Hund nicht mehr liest. Dabei kann man vieles antizipieren, wenn man auf die Körperhaltung achtet. Zum Beispiel höre ich oft: «Herr Rütter, mein Hund jagt Jogger.» Dann sage ich: «Wenn der Hund den Körper versteift und die Ohren aufstellt, ist das der Moment, in dem Sie ‹lass das!› sagen sollten.» Der Hund reagiert darauf, das schafft eine Beziehung, und diese ist die Basis für eine erfolgreiche Erziehung.

Wenn der Hund böse war und man mit ihm schimpft, hat man das Gefühl, er schäme sich. Ist das wirklich so?

Ein Hund kennt tatsächlich so etwas wie Scham. Nehmen wir an, er hat grad den Kopf im Abfallsack und hört, dass Ihr Auto vors Haus fährt. Dann denkt er: Mist, Mist, Mist, jetzt kommt sie gleich und schimpft, was mach ich jetzt? So weit kann er durchaus denken. Aber es kommt drauf an, wie Sie dann reagieren, denn der Hund ist in erster Linie ein Spiegelbild des Besitzers.

Das heisst?

Wenn Sie sich ärgern und schimpfen, wird er den Kopf einziehen. Kommen Sie hingegen ins Schlafzimmer, sehen, dass er einen grossen Haufen auf Ihr Bett gemacht hat, und sagen: «Boah, gut gemacht!», dann wird er sich freuen. Er hat zwar keine Ahnung, warum, aber er freut sich mit Ihnen. Diese extreme Fixierung auf die Körpersprache des Menschen hat auch Einfluss auf die Erziehung.

Inwiefern?

Ich mach in den Trainings oft einen Versuch, indem ich den Besitzern sage: Stellen Sie sich mal so hin (stellt sich mit dem Rücken zur Interviewerin, hebt einen Arm über den Kopf und winkelt ein Bein an). Wenn man so «sitz!» sagt, wird sich von 100 Hunden vielleicht einer setzen. Stellt man sich hingegen vor den Hund, hält die Hand hoch, beugt sich zum Hund und sagt: «Stuhl!», dann setzt er sich wahrscheinlich hin. Obwohl das Wort Stuhl hier keinen Sinn macht.

Gibt es Hunde, die Sie nicht mögen?

Ja, aber nicht rassebedingt. Ich hab einfach gern weiche Hunde, die man knuddeln kann. Und ich liebe Schlitzohren wie Emma. Was ich nicht mag, sind diese Pöbler. Die gibts bei den Menschen wie bei den Hunden: richtige Proleten, asoziale Rabauken. Die haben Lust, einfach mal durch den Park zu gehen und da oder dort mal draufzuhauen. Trainieren tu ich mit solchen Tieren schon. Aber für mich persönlich ist das nichts.

«Der Hund ist in erster Linie ein Spiegelbild des Besitzers»: Martin Rütter.
«Der Hund ist in erster Linie ein Spiegelbild des Besitzers»: Martin Rütter.

In der Schweiz sind die sogenannten Kampfhunde ein grosses Thema.

In Deutschland auch. Man darfs nicht schönreden: Ein Staffordshire ist nun mal knackiger als ein Labrador – es ist einfacher, ihn hochzudrehen als andere Rassen, weil er auf Beutefang ausgerichtet ist. Wenn Kampfhunde bei ganz normalen Leuten leben, sind das top Hunde. Nun ist es aber statistisch gesehen nicht so, dass zum Beispiel vier Pittbulls bei einem Elternpaar leben – beide Grundschullehrer und die Kinder heissen Malte und Birte. Solche Hunde leben leider meist in bestimmten Milieus. Für meine neue Sendung «Der Hundeprofi unterwegs» habe ich kürzlich auch den Kölner Verein TS Pitbull, Stafford und Co. besucht, eine Auffangstation für sogenannte Listenhunde. Es ist traurig, dass fast immer die Hunde die Leidtragenden sind.

Könnte man nicht einfach die Zucht von gewissen Hunderassen verbieten?

Davon halte ich gar nichts. Die Leute machen dann einfach die Kangalen scharf, und wenn die verboten werden, die Dackel und so weiter. Wichtig wäre, Sanktionen konsequent anzuwenden.

Wann können Sie Hundehaltern nicht helfen?

Wenn sie nicht bereit sind, mit dem Tier zu üben. Das ist in 99 Prozent der gescheiterten Fälle das Problem. Es gibt aber auch Tiere, die schon so konditioniert sind, dass nichts mehr zu machen ist. Da kann man nur versuchen, das Zusammenleben mit ihnen erträglich zu gestalten. Es ist schade, dass die Leute nicht schon mit Welpen in Kurse gehen. Das wäre wichtige präventive Arbeit.

Sind Sie auf einen Fall besonders stolz?

Ja, und ich bekomme Hühnerhaut, wenn ich daran denke. Da gab es mal in Bayern einen Bauern, der hat 13 Chowchow-Hündinnen gehalten und massiv missbraucht. Man konnte die Hunde retten, und einer davon, die Arkni, landete bei einer Frau Üding. Die arme Hündin war in einem üblen Zustand und drehte bei jedem Husten der Besitzerin durch. Ich half Frau Üding, mit dem Tier zu arbeiten – eine sehr komplexe Angelegenheit, weil die ganze Filmcrew dabei war, acht Leute! Sie mussten zum Teil sechs Stunden lang still auf der Coach sitzen, denn bei einer falschen Bewegung wars vorbei mit der Ruhe des Hundes. Nach drei Monaten konnte Frau Üding Arkni streicheln.

In der TV-Show lachen Sie viel. Ärgern Sie sich manchmal auch über Hundehalter?

Allerdings, und zwar dann, wenn sie ungerecht oder ungeduldig sind. Da gibt es Menschen, die nie mit ihrem Hund arbeiten, aber plötzlich soll er irgendetwas können. Grad heute Morgen hab ich eine Dame beobachtet. Sie stieg mit dem Hund aus dem Auto, und als Erstes hat er sie quer über eine Wiese geschleppt. Sie hat 50 Mal «sitz, sitz, sitz!» geschrien. Half natürlich alles nichts.

Lieben Ihre Kinder Hunde auch?

Unterschiedlich. Die Kleinste hat jetzt schon ein total gutes Gespür. Der Grosse ist in der Pubertät, da sind grad Mädchen wichtiger. Aber alle vier haben eine wunderbare Normalität im Umgang mit Hunden. Sie gehören wie selbstverständlich zu ihrem Leben, und das finde ich schön.

Fotograf: Klaus Grittner

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