16. Juni 2018

Der Herzkäfer

Der VW Käfer wird 80 Jahre alt. Vier junge Fans erzählen, warum sie sich in den Blechzwerg mit den sanften Rundungen verliebt haben.

David Felder und Stepahie Perez mit ihrem Käfer-Cabrio
Schmuckstück: Das 44-jährige Cabrio von David Felder und Stephanie Perez sieht aus wie neu.

Wenn David Felder bei einer Tankstelle oder Waschanlage vorfährt, wird daraus sofort ein Fototermin: Junge Leute umringen sein Auto, zücken das Smartphone und machen Selfies mit dem Wagen im Hintergrund. Immer wieder hört Felder die Worte «geiles Auto!».

Besitzt der 30-Jährige aus Rickenbach Sulz ZH etwa einen knallroten Ferrari oder Lamborghini? Ist es das Brüllen eines Monstermotors, das für Aufsehen sorgt? Ganz im Gegenteil: Felders Vehikel hat nur 50 PS und fährt nicht schneller als 120 km/h. Der Verkaufsleiter einer Baubedarfsfirma besitzt ein VW-Käfer-Cabrio aus dem Jahr 1974.

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Der VW Käfer hat auch im Kino Kultstatus.

Früher gehörte der rundliche Kleinwagen einem jungen Paar aus dem schwäbischen Ravensburg. Felder kaufte ihn vor acht Jahren in jämmerlichem Zustand. «Die Farbe war stumpf und warf schon Blasen», erinnert er sich mit Schaudern. Der Zürcher liess das Cabrio frisch spritzen, mit neuen Felgen ausrüsten und auch sonst auf Vordermann bringen. Nun strahlt das Auto, als sei es gerade erst in der VW-Heimatstadt Wolfsburg vom Band gerollt.

Das Armaturenbrett im VW-Käfer-Cabrio von Davif Felder und Stephanie Perez.
Liebevoll restauriert: Das Armaturenbrett ist mit Leder überzogen.

Knutschkugel auf Rädern

Am Topzustand allein kann es aber nicht liegen, dass der Käfer Junge magnetisch anzieht. «Es ist wohl schlicht die kugelige Form, die ihn unwiderstehlich macht», meint Felder. «Die heutige Generation ist sich ein völlig anderes Autodesign gewohnt; darum ist der alte VW für sie ein Hingucker.» Schliesslich dominieren auf Schweizer Strassen inzwischen Offroader – kantig, riesig und oft mit aggressivem Kühlergrill. Wie sympathisch ist im Vergleich dazu ein Käfer! Seine Front scheint zu lächeln, und seine Scheinwerfer erinnern an treuherzige Kulleraugen. «Darum hupt auch keiner, wenn ich Mühe mit einer steilen Strasse habe», erzählt Felder. «Stattdessen winken die Leute beim Überholen, oder sie recken den Daumen hoch.»

Auch Felders Frau begeistert sich für den Oldtimer: Stephanie Perez (27) arbeitet für die gleiche Firma als Kundenberaterin und Berufsbildnerin – sie und David haben sich dort schon während der Lehre kennengelernt. «Früher waren mir Autos eher egal, ganz gleich, ob neu oder alt», bekennt sie. «Inzwischen finde ich den Käfer nur schon cool, weil er so positive Reaktionen auslöst.» Gerührt ist die junge Frau, wenn sie von Senioren auf den Wagen angesprochen wird: «Immer wieder erzählen mir ältere Leute, dass sie vor Jahren auch einmal einen solchen VW hatten, dass das Auto Teil ihrer Lebensgeschichte ist.»

Ein Vehikel gegen Alltagsstress

Einen Käfer fährt nicht nur das Ehepaar Felder-Perez, sondern auch Davids jüngerer Bruder Marc (27). Weil er gelernter Automechaniker und Karosseriespengler ist, konnte er seinen Oldtimer eigenhändig restaurieren und einem sanften Tuning unterziehen: Sein VW aus dem Jahr 1973 ist heute leicht tiefergelegt, manche Chromteile sind pulverbeschichtet und geschwärzt, und im Innern wummert auf Knopfdruck eine moderne Soundanlage. Auf dem Dach hat der Käferfan ein Surfbrett montiert. Ist Marc Felder also ein Wellenreiter? «Nein, aber ich möchte mit dem Auto lässiges California-Feeling verbreiten», meint er. Schliesslich sind alte Käfer auch bei den Surfern aus Südkalifornien beliebt. Für den jüngeren Felder ist der VW ein Mittel zur Entschleunigung. Bei der Arbeit steht er oft unter Zeitdruck: Er ist als Kundendienstberater für eine Mercedes-Garage tätig; von ihm werden stets Tempo und ein Topservice erwartet. In der Freizeit rollt er mit seinem Käfer langsam über schmale Landstrassen, träumt sich in eine Zeit, als es weniger Autobahnen gab und das ganze Leben gemächlicher ablief.

Marc Felder mit einem Käfer, auf dessen Dach sich ein Surfbrett befindet.
California Feeling: Marc Felder hat auf dem Dach seines Käfers ein Surfbrett montiert.

Beide Felder-Brüder schätzen nicht nur die entspannende Wirkung, sondern auch die praktischen Seiten des VWs Käfer: Weil der Kleinwagen-Klassiker von 1938 bis 2003 über 21 Millionen Mal gebaut wurde, gibt es weltweit mehr als genug Ersatzteile. Die Technik ist einfach und robust: Ein Könner schafft es in zehn Minuten einen Käfermotor aus- und wieder einbauen.

Selbstverständlich hat der Wagen auch seine Macken. «Die Benzinuhr ist nicht immer genau», erklärt Käferfahrerin Samira Blumenthal aus Rotkreuz ZG. «Es lohnt sich darum, auf längeren Fahrten auch den Kilometerstand im Auge zu behalten.» Die 26-jährige Versicherungsberaterin besitzt ein 1974er-Cabrio, das sie vor drei Jahren in gutem Zustand im Tessin gekauft hat. Sie fährt im Alltag zwar einen kleinen Jeep, nutzt den Oldimer aber gern für Ausflüge, etwa zu Badis zwischen Meggen und Vitznau am Vierwaldstättersee. Blumenthal ist fasziniert von der Geschichte des Käfers: «Er war nach dem Krieg das erste Auto, das sich alle leisten konnten. Darum verdient er den Namen Volkswagen.»

Samira Blumenthal mit ihrem Käfer am Ufer des Vierwaldstättersees.
Postkarten-Idylle: Samira Blumenthal hat mit ihrem Käfer-Cabrio einen Ausflug unternommen und breitet die Picknick-Decke aus.

Immer wieder neu erfunden

Tatsächlich symbolisiert der kleine VW wie kein anderes Industrieprodukt das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. Er stand damals für Wiederaufbau, Zukunftshoffnungen und wachsenden Wohlstand. Weniger schön ist, dass der herzige Oldtimer auch eine Nazivergangenheit hat: Hitler selber gab den Auftrag zur Entwicklung eines billigen Kleinwagens, denn er wollte im Dritten Reich die Massenmotorisierung vorantreiben. Doch während des Krieges versandete das Projekt; ab 1939 wurden nur noch Militärversionen des Käfers hergestellt. Erst nach 1945 wurde das Auto zum zivilen Bestseller.

«Es ist ein Wunder, dass die braune Vergangenheit nie den Ruf des Wagens geschädigt hat», meint die deutsche Journalistin Katja Volkmer (50), Verfasserin des neuen Sachbuchs «Der Käfer: Auto-Biografien». Stattdessen wurde der Blechzwerg nach dem Krieg rasch zum Exportschlager: Auch international wusste man ein zuverlässiges und günstiges Auto zu schätzen.

Im Lauf seiner Geschichte erwies sich der Käfer als automobiles Chamäleon: Er änderte zwar kaum seine Form, bekam aber immer wieder ein neues Image. So wurde er in den 60er-Jahren – neben dem VW-Bus – zum Lieblingsvehikel der amerikanischen Hippies. «Sie sahen im deutschen Kleinwagen das Gegenteil der riesigen US-Strassenkreuzer, in denen ihre Eltern herumfuhren», erklärt Volkmer. «Damals war der Käfer ein Anti-Statussymbol. Heute fasziniert er die Smartphone-Generation, gerade weil er kein bisschen digital ist.»

Die Autorin ist überzeugt, dass der Kultwagen auch in der Zukunft Fans haben wird. Dem pflichtet das Ehepaar Felder-Perez bei: «Wenn wir später Kinder haben, müssen wir ein grösseres Auto anschaffen, aber den Käfer geben wir nicht her. Wir sind jetzt schon sicher, dass auch unser Nachwuchs darauf abfährt.»

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