15. April 2019

Der grosse Plan

Bänz Friedli denkt über den Kauf eines Bleistifts nach. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Ein Bleistift – mehr nicht
Ich mache es wie Schädelin und kaufe mir einen Bleistift.

Klaus Schädelin – ja, der Klaus Schädelin, von dem wir es unlängst hatten, als ich forderte, Bern möge endlich eine Strasse nach ihm, dem Autor von «Mein Name ist Eugen», benennen, worauf ich erfuhr, dass dies bereits geschehen sei, es sich dabei aber um ein so jämmerliches Stück Asphalt irgendwo draussen im Industriegebiet handle, dass niemand von der Existenz besagten Strässchens wisse ... Item – dieser Schädelin sagte mal zu mir: «Am Mittwoch gehe ich in der EPA einen Bleistift kaufen.» Vielleicht hörte ich es ihn auch nur am Radio sagen, aber mir ist, es sei an einem Beizentisch gewesen, denn als Bub begegnete ich ihm viele Male. Ein spitzbärtiger, schelmischer alter Mann war er; in meinen kindlichen Augen: sehr alt. Gefragt, wie er denn seine Tage als Pensionär, als nicht mehr tätiger Pfarrer und ehemaliges Mitglied der Stadtregierung, so zubringe, sagte er: «Am Mittwoch gehe ich in der EPA einen Bleistift kaufen.» Nur das. Sonst nichts.

Nun muss die jüngere Leserschaft wissen: Die EPA war eine Warenhauskette, ähnlich wie ABM. Beide Namen sind längst passé. Aber das spielt keine Rolle: Stellen Sie sich einfach ein Warenhaus in der Berner Altstadt vor, das auf mehreren Stockwerken so ziemlich alles feilbot, vom Frischkäse bis zur Schnapsmatrize. Dort wollte der alte Schädelin sich also einen Bleistift kaufen gehen, Kostenpunkt: 35 Rappen. Dies war sein Plan, gleichsam sein Tagesprogramm.

Seine Aussage fällt mir stets ein, wenn ich in einer Stadt plötzlich über freie Zeit verfüge. Wenn ich zum Beispiel in Basel unverhofft Zeit «füürig» habe, Zeit zum Vergeuden, unverplant. Sie ist ein Geschenk! Doch was tue ich? Ich fülle sie sogleich mit Vorsätzen: dass ich einen Artikel in der «Basler Zeitung» lesen, mir einen Kaffee holen, in der Drogerie Nasentropfen und im Elektronikdiscount ein Ladekabel besorgen will und, und, und.

War es das, was Schädelin tat, wenn er sich einfach vornahm, an einem Tag einen Bleistift kaufen zu gehen? War er ein schrulliger Alter, der nichts mehr zu tun hatte und sich die Zeit mit Nichtigkeiten auffüllte, um der Leere zu entgehen? Nein, im Gegenteil. Er, der Grübler und Denker, der Spassmacher und Philosoph, erhob den Kauf einer Alltäglichkeit zur wichtigen Aufgabe, er mass den kleinen Dingen Bedeutung zu, adelte vermeintlich Nebensächliches als Tagewerk. Wenn er sagte: «Am Mittwoch gehe ich in der EPA einen Bleistift kaufen», lehrte er uns, alles, was wir gerade tun, bewusst und mit Hingabe zu tun. Ich glaube, ich gehe mir am Mittwoch einen Bleistift kaufen.

Bänz Friedli live: Luzern, «Kleintheater», 16.–20. April

Die Hörkolumne (MP3)

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