28. Januar 2013

Der Glücksgriff

Reto Stalder alias Fabio Testi ist die Lichtgestalt im Dienstagabendkrimi «Der Bestatter». Als blasser Lehrling im düsteren Gothic-Outfit steht er zwar noch im Schatten seines Meisters Mike Müller, aber bereits ganz weit oben in der Gunst der Zuschauer.

Reto Stalder alias Fabio Testi
Reto Stalder spielt im Dienstagabendkrimi «Der Bestatter» an der Seite von Mike Müller. (Bild: © Beat Schweizer)

Blaue Kapuzenjacke, grauer Rucksack, keine Schminke, kein Schmuck, und kein Gel im Haar. Im richtigen Leben sieht Reto Stalder (26) unspektakulär aus. Trotzdem wurde er kürzlich im Berner Warenhaus Loeb erkannt und angesprochen. Zum ersten Mal. «Es war seltsam», sagt er und kann sich ein breites, leicht verlegenes Lächeln nicht verkneifen, «aber ich muss zugeben, ich fühlte mich geschmeichelt.» Der aufkeimende Ruhm ist noch ungewohnt. «Am Tag der Ausstrahlung der ersten Folge war ich extrem nervös. Das wirkt sich bei mir so aus, dass ich äusserlich absolut ruhig wirke, innerlich aber von oben bis unten alles flattert.»

Der Bestatterlehrling ist Reto Stalders erste TV-Rolle. Beim Dreh bekam er viele Tipps von Mike Müller. (Bild: Stefan Bohrer)
Der Bestatterlehrling ist Reto Stalders erste TV-Rolle. Beim Dreh bekam er viele Tipps von Mike Müller. (Bild: Stefan Bohrer)

Angeschaut hat er sich seine TV-Premiere zusammen mit dem Drehteam in Zürich-Oerlikon. Bei der zweiten Folge sass er schon relaxt im Wohnzimmer eines Freundes vor dem TV. Denn er selber besitzt keinen. «Ich schaue manchmal Filme auf dem Laptop. Einen Fernseher hatten wir schon zu Hause keinen. Der Mutter kam keiner ins Haus. Weil mein Vater aber unbedingt Skirennen schauen wollte, mieteten wir immer im Winter ein Gerät. So hatten wir immer das neuste Modell.»

Die Chemie zwischen Stalder und Müller stimmte auf Anhieb

Reto Stalder ist ein bescheidener Mann mit einer guten Portion Witz. Er ist durchaus selbstbewusst, zeigt aber keinerlei Anzeichen von Allüren oder Traumtänzereien. Er ist freundlich, offen und hat bodenständige Zukunftsvisionen: «Ich möchte von der Schauspielerei leben können, das wäre toll.»

Beste Voraussetzungen dazu hat er. Seit der Schulzeit spielt er Theater, und letzten Herbst schloss er an der Hochschule der Künste Bern nach fünf Jahren Ausbildung mit dem Master of Arts ab. Der bleiche Schönling Fabio Testi ist seine erste TV-Rolle. «Es war eine monatelange Zitterei, bis ich den Part auf sicher hatte.» Für die Rolle pokerte er hoch und sagte ein Zwei-Jahres-Engagement an der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven ab. Der Mut zum Risiko hat sich gelohnt. Die Arbeit am Set machte Spass, und er profitierte von den «alten Hasen», allen voran von Mike Müller, der als Bestatter im Zentrum des Geschehens steht. «Ich konnte ihn jederzeit um Rat fragen, und er gab mir wertvolle Tipps, und zwar ohne diese gönnerhafte Art, die erfahrene Schauspieler dem Nachwuchs gegenüber manchmal haben.»

Die Sympathie ist gegenseitig. «Reto Stalder ist für den Bestatter ein Glücksgriff», sagt Mike Müller, «erstens für die Krimireihe wegen der Art, wie er einen recht unorthodoxen Bestatteranfänger spielt, und zweitens als Kollege, der unaufgeregt auf dem Set erscheint — man könnte manchmal meinen, er sei ein bisschen ‹unterspannt› —, aber top vorbereitet ist. Wir haben uns auf Anhieb gefunden.»

Für Reto Stalder stand fest, dass er Schauspieler werden wollte, nachdem er das erste Mal im Theater war. (Bild: © Beat Schweizer)
Für Reto Stalder stand fest, dass er Schauspieler werden wollte, nachdem er das erste Mal im Theater war. (Bild: © Beat Schweizer)

Die Schauspielerei liegt Stalder nicht von Haus aus im Blut. Aufgewachsen ist er in Jegenstorf BE. Sein Vater arbeitet in der Administration des Berner Inselspitals, seine Mutter bei der Spitex, und der jüngere Bruder Mario studierte Elektroingenieur. Reto machte eine vierjährige Lehre als Konstrukteur und belegte 2004 an der Schweizer Meisterschaft der Lehrlinge den dritten Platz. «Ich wusste, dass ich Schauspieler werden wollte, seit ich das erste Mal in einem Theater sass mit meiner Schulklasse», sagt er und erinnert sich bestens daran, welches Stück es war: «Der zerbrochene Krug». «Romeo und Julia» war die erste Vorstellung, die er ganz alleine im Stadttheater Bern besuchte. «Von da an sah ich mir ziemlich alles an, was dort aufgeführt wurde», sagt er, «egal, ob Drama oder Oper.» Kino- und Theaterbesuchen widmet er bis heute einen Grossteil seiner Freizeit, meidet hingegen Clubs und Bars, weil die ihn schlicht nicht interessieren.

Es war eine monatelange Zitterei, bis ich den Part auf sicher hatte.

Seit vier Jahren wohnt Stalder in Bern, zurzeit in einer kleinen, günstigen Altbau-Einzimmerwohnung mit Steinspültrog: «An der Schauspielschule klebt man ständig dermassen mit anderen Menschen zusammen, dass ich mich abends zurückziehen können muss.» Darum kam eine WG nicht infrage. Er reist gern und viel, am liebsten mit dem Auto quer durch Europa — obwohl er nicht selber fahren kann und darum auf Freunde angewiesen ist.

Das Fernsehpublikum fand sofort Gefallen an dem blassen, mageren Kerl mit dem grossen Herzen. Gar von einem «Kultstatus», der sich um die Figur des Fabio Testi abzeichne, spricht das Schweizer Fernsehen. Der real existierende Reto Stalder und die Kunstfigur Fabio Testi haben zwar nicht viel mehr als den hellen Teint gemeinsam, aber Reto mag Fabio.

Um in die Rolle des gefühlsbetonten, düsteren Goth schlüpfen zu können, musste Stalder erst Feldforschung betreiben. Also besuchte er zusammen mit der Kostümbildnerin einschlägige Partys in den Zürcher Clubs X-tra und Dynamo. «Die Szene ist sehr verschachtelt, was sich in den Outfits manifestiert. Echte Goths sind wahrscheinlich entsetzt über meine Aufmachung im Film. Fabio ist eine Mischung aus mehreren Einflüssen, aber wir wollten eine Figur kreieren, die für die Fernsehzuschauer sofort erkennbar und einzuordnen ist.» Wie es scheint, haben die den «Grufti» nicht nur erkannt, sondern gleich ins Herz geschlossen.

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