24. November 2018

Der gechippte Supermensch

Biohacker lassen sich Mikrochips oder Magnete einpflanzen. Mit implantierter Technik soll der Mensch robuster und leistungsfähiger werden – ein Cyborg. So heisst die Kombination aus Mensch und Maschine. Doch wie weit kann man überhaupt gehen?

Cyborg Mike Schaffner
Fasziniert davon, sich selbst zu optimieren und so vielleicht sein Leben zu verlängern: Mike Schaffner

Läuft alles nach Plan, wird Mike Schaffner bald Superkräfte haben. Der gebürtige Basler will aus seinen Menschenaugen Adleraugen machen, sozusagen. Mit einer Operation sollen seine natürlichen Linsen durch künstliche ersetzt werden. Sofern der Eingriff erfolgreich verläuft, kann er drei Mal besser sehen, als es für einen Menschen von Natur aus möglich ist. Klingt nach Science-Fiction? Ist es laut Mike Schaffner nicht. «In Kanada könnte das bald möglich sein. Die erste Testphase ist abgeschlossen. Die Technik ist keine andere als die, die beim grauen Star angewendet wird», sagt er. 3200 Dollar koste der Eingriff pro Auge. Risiken gäbe es zwar, sie seien aber gering.

Es wäre nicht die erste aussergewöhnliche Veränderung, die er an sich vornehmen lässt. Der 27-Jährige ist ein sogenannter Biohacker. Mithilfe der Technik verbessert oder modifiziert er seinen Körper. Der Leiter einer Schule für hochbegabte Kinder sitzt in der Stube seiner Zweizimmerwohnung. Die sieht so aus, wie man sich die Wohnung eines Biohackers vorstellt: die Regale vollgestellt mit Actionfiguren populärer Serien und Filme wie «Game of Thrones», «Star Wars» oder «Matrix». In der Ecke steht ein lebensgrosser Lego-Batman.
«Für mein Umfeld war ich immer ein bisschen ein Freak», sagt Mike Schaffner. Dass er nicht ganz der Norm entspricht, demonstriert er gleich selber und fährt mit seiner Hand über eine Büroklammer, die vor ihm auf dem Tisch liegt. Die Klammer springt an seinen Finger und bleibt kleben. Magie? Keineswegs. Magnete.

Magnete in den Fingerkuppen

Unter seine Ringfinger hat der junge Mann kleine Magnete einsetzen lassen. Damit kann er nicht nur den Büroklammertrick vorführen, sondern auch Magnetfelder spüren. Fährt er beispielsweise über eine Lampe, fangen die Magnete an zu vibrieren. «Sehr aufregend ist es in U-Bahn-Stationen. Da sind die Magnetfelder besonders stark.» Auch zum menschlichen Leitungssucher kann Mike Schaffner werden. Will er an der Wand ein Bild aufhängen, ist das Lokalisieren von Elektroleitungen für ihn ein Leichtes.

Für die einen ist der Biohacker ein Freak, für andere ein Pionier. Die Biohacking­Szene wächst zurzeit rasant. Das hängt auch damit zusammen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die sich zunehmend selbst optimiert. Der mit Sensoren vermessene Schlaf, die mit Uhren aufgezeichnete Bewegung und die mit Nahrungsergänzungsmitteln aufgepeppte Hirnleistung gehören bei vielen schon zum Alltag wie Zähneputzen.

Mikrochips im Gehirn

Schaffner geht noch deutlich weiter. Spätestens bei Veränderungen wie bei den Superaugen stellen sich aber medizin­ethische Fragen. Geht es in der Medizin doch darum, Krankheiten zu heilen und nicht etwa, einen gesunden Menschen vermeintlich zu verbessern. «Wir müssen die Debatte darüber führen, welche Grenzen wir solchen Eingriffen setzen wollen. Es ist höchste Zeit», sagt Nikola Biller-Andorno, Professorin am Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte der Universität Zürich.

Glaubt man Technologiegrössen wie Ray Kurzweil, dem Chefingenieur von Google, entwickeln sich die technischen Möglichkeiten im Bereich Biohacking rasant: «Was für eine Wahl haben wir schon, als immer weiterzumachen? Die Liste der Dinge, die der Mensch besser kann als ein Computer, wird immer kleiner», wird Kurzweil im Männermagazin GQ zitiert.

Schon in den 2030er-Jahren soll es Hybridwesen zwischen Mensch und Maschine geben, prophezeit Kurzweil. Miniroboter, sogenannte Nanobots, sollen in unseren Blutbahnen schwimmen und Bakterien und Viren bekämpfen. Auch unser Gehirn soll keine Offline-Oase bleiben: Einmal eingepflanzt, könnten Mikrochips direkten Zugang auf unseren Verstand haben und Gedanken in eine Cloud laden.

Bei solchen Zukunftsszenarien wird es selbst Mike Schaffner etwas unheimlich. «Implantate im Gehirn, die zum Beispiel künstliche Erinnerungen erzeugen können, halte ich für höchst problematisch», sagt er. Das Manipulationsrisiko sei dabei enorm. Ansonsten hat er keine grossen Berührungsängste, wenn es darum geht, sich neueste Technik in seinen Körper einsetzen zu lassen.

Operation am Küchentisch

Bereits als Kind habe er davon geträumt, Menschen mit Maschinen zu vereinen. Initialzündung sei der Film «Six Million Dollar Man» gewesen, den er als Sechsjähriger gesehen hat. Darin verletzt sich ein Pilot bei einem Flugzeugabsturz so schwer, dass man ihm infolgedessen künstliche Beine und ein künstliches Auge einsetzt, wodurch er übermenschlich stark wird. «Welches Kind träumt nicht davon, Superkräfte zu haben. Ich aber wollte nicht einfach nur träumen.»

Als Mike Schaffner das erste Mal las, dass es möglich ist, sich einen Chip implantieren zu lassen, sei nicht die Frage gewesen, ob er das macht, sondern wann. Er besorgte sich den Chip aus den USA, schaute sich Operationsvideos auf Youtube an und liess sich das Ding am Küchentisch einsetzen. Schwierig sei das nicht gewesen. Man müsse nur darauf achten, dass der Chip nicht zu tief im Muskelgewebe sitzt. Sonst sei der Empfang schlecht. Die Operation ist geglückt, mit dem Chip kann Mike Schaffner sein Handy entsperren.

Fast gestorben

Kurze Zeit später kam ein zweiter, noch stärkerer Chip dazu. In die Hand implantiert, konnte er damit mithilfe eines Spezialschlosses seine Tür aufschliessen. Ironischerweise hat dieser Eingriff sein Leben nicht erleichtert, sondern ihm fast genommen. Als Mike Schaffner sich nach der gelungenen Operation die Fäden zog, gerieten Bakterien in die Wunde. Die Hand entzündete sich so stark, dass er ins Spital musste. Die Infektion war zu diesem Zeitpunkt schon soweit fortgeschritten, dass er nicht nur um seine Hand, sondern auch um sein Leben bangen musste. «Wenige Stunden später wäre ich wohl gestorben», sagt er.

Den Chip mussten die Ärzte entfernen. Mike Schaffner konnte ihn mit nach Hause nehmen. Abgeschreckt hat ihn der Vorfall nicht. Den nächsten, noch leistungsfähigeren Hightechchip hat er bereits im Visier. Damit wird er bezahlen können. Auf die Frage. warum er sich irgendwelche Chips und andere Implantate in seinen Körper einsetzen lasse, antwortet er mit einer Gegenfrage: «Warum sollte ich das nicht tun?»

Unsterblichkeit als Ziel

Für Mike Schaffner ist der menschliche Körper nämlich zu fragil. Man müsse ihn für die Zukunft mithilfe der Technik robuster machen, sonst stehe das Überleben der Menschheit auf dem Spiel. «Es wird wegen der Klimaerwärmung ziemlich ungemütlich auf dem Planeten.» Auch bei allfälligen Reisen ins All sei ein Cyborg – also eine Kombination aus Mensch und Maschine den Anforderungen besser gewachsen.

In Mike Schaffners Utopie soll der Mensch gar unsterblich werden. «Es wird aber noch lange dauern, bis es so weit ist.» Schon heute tut er viel dafür, um möglichst lange gesund leben zu können. Er geht um neun Uhr abends ins Bett, steht um vier Uhr auf, treibt Sport, stemmt Gewichte, klettert, ernährt sich vegan, mixt sich Gesundheitsshakes.

Sein Leben klingt anstrengend, ein bisschen nach Selbstoptimierungszwang. Unter einem solchen leide er aber keineswegs, betont er. «Es ist mein freier Wunsch, so zu leben. Ich liebe das Leben, warum soll ich nicht alles dafür tun, um es so lange wie möglich geniessen zu können?» Noch gelte er als Freak. «Aber mal schauen, was die Menschen in ein paar Jahren über mich denken.» Vor zehn Jahren hätte auch niemand geglaubt, dass man von einem Smartphone abhängig werden könnte.

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