02. Dezember 2017

Der Frauenversteher

Marc Forster hat Halle Berry mit einer sensationellen Frauenrolle zum Oscar verholfen. Mit Blake Lively scheitert er in seinem aktuellen Film «All I See Is You». Weshalb man den Film trotzdem sehen sollte und warum der Regisseur starke Frauen liebt.

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Dass sein Film keinen Oscar erhält, weiss Marc Forster spätestens seit der Premiere am Toronto Film Festival: Als im Saal die Lichter angehen, sind viele Plätze bereits leer. Entsprechend lesen sich die US-Kritiken: Die «New York Times» beschreibt «All I See Is You» als «langweilig» und die Fähigkeiten der Hauptdarstellerin Blake Lively als «limitiert». Der «Hollywood Reporter» ist noch härter und richtet: «Wäre die schauspielerische Leistung besser gewesen, wäre das lahme Drehbuch nicht zu einem derart unüberwindbaren Problem geworden» und schreibt von einer «Schwerfälligkeit, die zur Lächerlichkeit führt».

Man könnte versuchen, die schlechten Kritiken auf den vielen Sex im Film zu schieben. Mit Sex im Film tut man sich in den USA bekanntlich schwer, und Marc Forsters Film ist voll davon (Altersfreigabe in den USA ab 17, in der Schweiz ab 14 Jahren). Nur liegt es leider nicht am Sex. Tatsächlich ist der Film anfangs wunderbar, überraschend, die Bildsprache spektakulär. Wir erleben Gina (Blake Lively), die nach einem Autounfall als Kind das Augenlicht verloren hat. Als erwachsener Mensch ergibt sich dadurch eine spezielle Abhängigkeit von ihrem Ehemann. Wir erleben sie als zurückgezogen, ganz auf ihren Ehemann und dessen Sexualität ausgerichtet. Die Beziehung gerät aus dem Lot, als die junge Frau ihr Sehvermögen zurückgewinnt. Wunderbar, wie Marc Forster es schafft, Ginas Welt bis zu diesem Moment für uns sichtbar zu machen. Hier ist der Film mutig, farbenfroh, packend. Mit dem neu gewonnen Sehvermögen läuft Ginas Welt anschliessend aus dem Ruder. Die Geschichte selber leider auch: Marc Forster greift verschiedene Erzählstränge auf und verzettelt sich darin komplett. Während Gina und ihr Mann Reisen unternehmen, sich hintergehen, Komplikationen mit dem Sehvermögen auftreten, ein Haus gekauft und Gina vom Seitensprung schwanger wird, der Hund verloren geht und die Schwester besucht wird, baut sich für den Zuschauer eine Spannung auf, die ins Nichts läuft. Man verliert die Orientierung. Die anfangs erfrischende Bildsprache strengt an und verwirrt zusätzlich.

«All I See Is You» hat mich am Ende derart ratlos zurückgelassen, dass ich zum ersten Mal einen Regisseur gefragt habe, ob er mir erklären könne, wie sein Film ausgeht.
Übrigens, als der Film am Zurich Film Festival gezeigt wurde, blieben die Zuschauer bis zum Schluss. Dass wir ihn sowieso lieben, weiss Marc Forster hoffentlich seit diesem Abend.


«All I See Is You» läuft ab dem 7. Dezember in den Deutschschweizer Kinos.

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