29. Dezember 2017

Der erste Eindruck

Es ist noch nicht allzu lange her, als ich mir Gedanken über den ersten Eindruck machte. Die Stadt hat mich diesbezüglich verändert.

Tram
In einem Zürcher Tram pfiff ich zum ersten Mal auf den guten ersten Eindruck.
Lesezeit 2 Minuten

Früher gab ich mir noch Mühe. Traf ich jemanden zum ersten Mal, versuchte ich, so witzig und charmant wie möglich zu sein. Wir wissen ja alle, wie wichtig der erste Eindruck ist. Ich dauerlächelte mich durch erste Treffen mit Journalistenschule-Dozenten, beim Kennenlernen der Töchter der Cousinen meines Freundes war ich supidupi drauf, sogar im Bus löste ich das Billett zwischen zwei entzückenden Witzen. Ich kam so was von gut an, das glauben Sie nicht.

Diese Zeiten sind vorbei. Und schuld daran ist die Stadt, genau genommen Zürich. Bis vor Kurzem wohnte ich nämlich auf dem Land und arbeitete auch dort. Ich traf etwa alle zwei bis drei Tage jemand Neues. Das war quasi der perfekte Rhythmus, um das Beste aus mir herauszuholen. Jetzt wohne ich zwar noch immer im Dorf, arbeite aber in der Stadt. Und der Rhythmus erinnert mich plötzlich an einen nervösen Techno-Song in irgendeinem dunklen Clubkeller.

Am Anfang versuchte ich, wie gewohnt weiterzumachen. Ein strahlendes «Grüezi» hier, ein übermotiviertes «Wie gahts?» dort. Aufrechte Haltung, interessierter Blick. Nach einer Woche konnte ich nicht mehr. Es war im vollen Tram, ich wollte sitzen. Jemand stand vor einem freien Platz. Ich versuchte noch, mein Gesicht zu einem Lachen zu verformen. Doch es fühlte sich an wie nach einer Botoxbehandlung. «Darf ich absitzen?», presste ich erschöpft hervor. Mein Gegenüber guckte mich irritiert an und ging zur Seite. Ich hatte den ganzen Abend ein schlechtes Gewissen.

Heute bin ich so, wie ich mich fühle. Und mache mir nur noch zu besonderen Anlässen Gedanken über den ersten Eindruck.

Das Video zu «Stadt, Land, Stutz»:

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Bänz Friedli (Bild: V. Hartmann)

... und zweitens, als man denkt

Globus mit Schriftzug «Stadt, Land, Stutz»

Cristiano und die Schulklasse

Informationen zum Author

Take Away Kaffee

So ein Kafi!

Bänz Friedli

Leck mich