27. Oktober 2014

Der Engel im Rotlichtmilieu

Martha Wigger, Sozialarbeiterin der Fachstelle Sexarbeit Xenia, ist oft bei Dunkelheit unterwegs: Dann, wenn in Salons und Cabarets Hochbetrieb herrscht.

Eine Thai in ihrer Arbeitskleidung.
Eine Thai in ihrer Arbeitskleidung. So empfängt sie ihre Kunden in der angemieteten Wohnung.

An Martha Wiggers Handgelenk baumelt ein violettes Säckli mit Präservativen und Broschüren. Das sind ihre Accessoires für die nächtliche Tour durch die Welt der nackten Haut, Leuchterketten und Satinbetten. Martha Wigger (57) ist zurück an der Basis. Seit 18 Jahren arbeitet sie bei Xenia, jahrelang hat sie sich als Leiterin der Fachstelle Sexarbeit um Administratives gekümmert und Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Nun hat sie die Leitung abgegeben und kann sich wieder auf die Beratung und die «aufsuchende Sozialarbeit» konzentrieren. Das heisst: Martha Wigger besucht die Sexarbeiterinnen in der Kontaktbar, im Etablissement oder im Cabaret.

Beim Eindunkeln steht im Berner Lorraine-Quartier ein Besuch bei Mia (32) an, der Betreiberin einer Tantra-Massage-Praxis. Bereits im Treppenhaus riecht es nach Rosenöl. Mia begrüsst Martha Wigger mit drei Küsschen auf die Wange und bittet sie ins Wartezimmer der kleinen Wohnung. Auf dem Sofa sitzen drei junge Frauen in kurzen Röcken, vor ihnen sieben Handys.

«Die meisten Kunden rufen aber aufs Festnetz an, weil sie uns über das Internet finden», bemerkt Mia. Sie hat perfekt manikürte rosa Nägel, beim Blinzeln glitzern Strasssteinchen hinter ihren Wimpern hervor. «Meine Sekretärin», sagt Mia grinsend und zeigt auf Martha Wigger. Diese streicht ihr in einer liebevollen Geste über den Arm und lacht mit rauchiger Stimme.

Die Fachstelle Xenia hilft Mia bei den Arbeitsbewilligungen für ihre Frauen, bei der Steuererklärung und anderen Formalitäten. Mia kommt ursprünglich aus Tschechien und lebt seit zehn Jahren in der Schweiz. Obwohl sie perfekt Deutsch spricht, nimmt sie gern die Hilfe von Xenia in Anspruch.

Martha Wigger von Xenia Bern kündigt sich telefonisch bei ihrer nächsten Klientin an.
Martha Wigger von Xenia Bern kündigt sich telefonisch bei ihrer nächsten Klientin an.

Jede Frau aus der EU, die im Sexgewerbe arbeitet, muss eine Arbeitsbewilligung haben. Im Kanton Bern bedeutet das: Die Sexarbeiterinnen müssen zu einer Befragung bei der Fremdenpolizei antraben und einen Businessplan vorlegen. Darin muss die Frau ihren beruflichen Hintergrund darlegen, ein provisorisches Budget erstellen und Angaben über ihre sexuellen Dienstleistungen machen.

Martha Wigger suggeriert mit einer Scheibenwischergeste vor dem Gesicht, dass sie davon nicht viel hält. Trotzdem unterstützen sie und ihre Xenia-Kolleginnen die Sexarbeiterinnen im Kanton Bern bei der Administration. Heute will sie von Mia wissen, ob ihre Frauen wenigstens am gleichen Tag der Befragung die Arbeitsbewilligung bekommen. «Und wenn das nicht so ist, rufst du mich an.»

Viele der Sexarbeiterinnen sind alleinerziehende Mütter

An der Wand hängt der Arbeitsplan, er ist schon bis Ende 2015 gemacht. Daneben Sätze auf Deutsch, damit die Frauen mit den Kunden am Telefon in gutem Deutsch sprechen: «Ich freue mich auf dich» oder «Ich denke an dich». Mia beschäftigt sieben Frauen, die sich in Gruppen organisieren: Vier bis fünf Wochen arbeitet die eine Gruppe in der Schweiz, dann gehen alle nach Hause zu ihren Familien in die Slowakei oder Tschechien, und die andere Gruppe kommt. Clara zum Beispiel, die eigentlich anders heisst, ist geschieden und kommt aus der Slowakei, sie hat zu Hause elfjährige Zwillinge, die von ihren Eltern betreut werden.

«Viele Sexarbeiterinnen sind alleinerziehende Mütter», sagt Martha Wigger. «Manchmal haben sie nur zwei Optionen: arm bleiben oder sich und ihren Kindern durch den Verdienst als Sexarbeiterin ein besseres Leben ermöglichen.» Die meisten EU-Frauen würden sechs Monate pro Jahr in der Schweiz ihre sexuellen Dienste anbieten. Wie viel Geld ihre Angestellten nach einem Monat mit nach Hause nehmen, will Mia nicht verraten.

Mias Massagepraxis hat täglich von 9 bis 22 Uhr geöffnet und ist auf Senioren und Behinderte wie Skoliose-Patienten oder Prothesenträger spezialisiert. Für sie kostet eine einstündige Massage «mit Happy End» nur 200 statt 250 Franken. Geschlechtsverkehr ist tabu, die Frauen zu berühren ist erlaubt, aber nicht im Intimbereich. Mias Frauen tragen bei der Massage nur ihr Unterhöschen.

«Gerade behinderte Männer sind extrem dankbar, dass es uns gibt. Sie gehen glücklich nach Hause und freuen sich, dass sie eine schöne Frau berühren durften», sagt Mia. Auf ihr Team ist sie stolz. «Alle haben bei uns das Herz am richtigen Fleck. Wir sind hier keine Fabrik. Ich lege viel Wert auf Menschlichkeit.»

Weiter geht es mit dem Taxi. Als Martha Wigger dem Chauffeur die Adresse nennt, weiss dieser sofort Bescheid. Er grinst und murmelt: «Das ist schön, das ist wunderbar.»

Notfalls verständigen sich die Frauen mit Händen und Füssen

Später am Abend, auf der anderen Seite der Stadt, vor zwei Häusern mit blinkenden roten Lampen. Unbeeindruckt steht Martha Wigger im schummrigen Hauseingang und läutet bei einem Thai-Salon. Neben jeder Klingel hängen bunte Fotos. Teresa aus Ungarn, 2. Stock. Maki aus Thailand, 3. Stock. Heisse Rumänin, mollig, 4. Stock. «In den Ferien», steht über einer Klingel geschrieben. Im Treppenhaus blinkt es, an jeder Tür hängen Bilder von nackten Frauen, die Dienstleistungen stehen klipp und klar angeschrieben. «Mindestpreis 100 Franken, sonst musst du gar nicht klingeln», steht da oder: «Ich bin sicher, du wirst meinen Arsch vermissen. Kiss.»

Zum Haus mit den roten Lämpchen kommen die Freier in der Regel zu Fuss und klingeln bei der gewünschten Frau.
Zum Haus mit den roten Lämpchen kommen die Freier in der Regel zu Fuss und klingeln bei der gewünschten Frau.

Zwei Thailänderinnen mittleren Alters öffnen Martha Wigger die Tür. Die drei kennen sich. Eine der Frauen spricht nur Thai und ein wenig Italienisch. Martha Wigger macht das nichts aus: «Französisch und Italienisch gehen. Nur bei Thai und Ungarisch habe ich keine Ahnung. Notfalls verständigen wir uns mit Händen und Füssen», sagt sie und kramt aus ihrer Tasche ein Dokument für eine der Frauen. Angaben für die Krankenkasse. Eine Mitarbeiterin von Xenia, die Thai spricht, hat eine Erklärung dazugeschrieben.

«Sehen wir uns zum Essen nächste Woche?», fragt Martha Wigger und zündet sich eine Zigarette an. Die Frauen nicken eifrig. Ein Mal im Monat treffen sich die Xenia-Angestellten mit den Sexarbeiterinnen und ihren Freunden zum Essen. Dass die beiden Thaifrauen in dieser Wohnung auch schlafen, findet Martha Wigger nicht ideal. «Wenn ich im Büro schlafen würde, könnte ich mich auch nicht abgrenzen», sagt sie und zuckt mit den Schultern. «Ist halt eine Frage des Geldes.»

Die beiden Frauen sitzen auf dem Bett, eine trägt nur einen Bademantel. Sie starren auf den Fernseher, eine thailändische Seifenoper. Auf einem weiteren Bildschirm neben dem Fernseher können die Frauen beobachten, was im Treppenhaus passiert. Ein Schatten huscht an der Kamera vorbei. Es klingelt. «Geh, ein Kunde!», sagte Martha Wigger und deutet der Frau, die Tür aufzumachen. «Ich will die Frauen auf keinen Fall vom Arbeiten abhalten», erklärt sie. Der Kunde scheint nicht überzeugt zu sein, verschwindet wieder.

Unten im Hauseingang schlurft ein älterer Mann unschlüssig herum. Er studiert die Klingelschilder. Eine dunkelhäutige Frau vom Haus nebenan beugt sich aus dem Fenster und ruft: «Hallo, Schatzi!». Der Mann schenkt ihr keine Beachtung und macht sich davon. In der Zwischenzeit ist ein junger Mann Mitte 20 um die Ecke gebogen. Er geht zielstrebig zu den Klingelschildern, drückt. Der Türsummer ertönt.

Das Cabaret finanziert sich durch den Konsum von Alkohol

Kurz vor Mitternacht in der Innenstadt, ein Cabaret. Enrique Iglesias dröhnt aus den Boxen, eine leicht bekleidete, blonde Frau schmiegt sich ausdruckslos an die Tanzstange, vier Frauen sitzen an der Bar und klatschen artig für ihre Kollegin. Daneben ein paar Männer vor einem Bier. Hier trifft Martha Wigger den Berater der Geschäftsleitung des Clubs. Daniel, gross und korpulent, trägt ein dunkles Jackett und hat einen angenehmen Händedruck. Martha Wigger schiebt sich durch den Fadenvorhang in eine der Sitzlounges. «Wir von Xenia sehen die Betriebsleiter von solchen Clubs nicht als Schweinehunde, sondern als normale Geschäftsinhaber. Eine gute Beziehung zu ihnen erleichtert auch den Zugang zu den Frauen.»

Die Arbeit der Sexarbeiterinnen soll gesellschaftlich anerkannt werden.

Die Frauen hier im Cabaret stammen hauptsächlich aus der Ukraine und der Dominikanischen Republik, haben einen Monatsvertrag, bekommen 4780 Franken brutto und Umsatzbeteiligung. Viele davon seien Akademikerinnen und hätten «einen faulen Mann daheim», sagt Daniel. Das Cabaret finanziert sich durch den Alkoholkonsum, Champagner gibt es hier ab 190 Franken, der teuerste kostet 3600. Die Cabaret-Kunden sind durchschnittlich 40 Jahre alt, kommen allein oder mit Kumpels.

«Die Männer wollen Erotik, tätschle, schmüsele oder einfach mal ihre Sorgen loswerden.» Genau diese Sorte Männer stirbt Daniel zufolge aber langsam aus. Seit der Finanzkrise 2007 hätten die Männer weniger «Spielgeld» zur Verfügung. Und das reichhaltige Angebot ist mit schuld. «Wer einen Saunaclub hat, verdient mehr. Im Cabaret kriegt man keinen Sex und zahlt mehr», sagt Daniel. Dort würden auch bekannte Politiker und Sportler verkehren.

Mia aus Tschechien leitet ein Massagestudio und lässt sich von Xenia bei den Arbeitsbewilligungen helfen.
Mia aus Tschechien leitet ein Massagestudio und lässt sich von Xenia bei den Arbeitsbewilligungen helfen.

Daniel lässt sich gern in eine Diskussion über das Sexgewerbe verwickeln. Ihn stört vor allem die Doppelmoral, mit der es betrachtet werde. «Es ist doch verlogen, wenn man beispielsweise einen Banker besserstellt als eine Sexarbeiterin», findet er. Martha Wigger nickt. Sie versteht die Kriminalisierung des Gewerbes nicht. Die Arbeit der Sexarbeiterinnen soll gesellschaftlich anerkannt werden, findet sie. Die Forderung der deutschen Feministin Alice Schwarzer, Prostitution zu verbieten, ist für sie absurd. «Sexarbeit ist eine Realität. Unsere Aufgabe ist es, die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen zu verbessern.» Für Martha Wigger ist das am wichtigsten, was für die Frauen Priorität hat. Sei das die Steuererklärung, Aidsprävention oder Trost spenden, wenn eine Frau ihre Kinder vermisst.

Dass Sexarbeiterinnen auch zu ihrer Tätigkeit gezwungen werden, sei leider auch eine Realität. «Aber das ist prozentual eine kleine Minderheit. Diese Frauen begleiten wir, wenn sie einverstanden sind, zur zuständigen Fachstelle oder helfen ihnen, nach Hause zu kommen.» Wenigstens komme es immer häufiger vor, dass sich Frauen gegen ungerechtfertigte Kündigungen der Vermieter zur Wehr setzen. Das ist einer von vielen Verdiensten von Xenia, auf die Martha Wigger stolz ist.

Fotograf: Fabian Unternährer

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