31. Januar 2019

Eiskalte Leidenschaft

Das Geheimnis des Eisschwimmens? «Mentale Stärke», sagt der Berner Adrian Alejandro Wittwer. Mitte März bestreitet er als einziger Schweizer einen ganzen Kilometer an der Eisschwimmer-Weltmeisterschaft in Murmansk.

Adrian Alejandro Wittwer im Blausee
Lufttemperatur: minus 1 Grad, Wasser plus 4,5: Adrian Alejandro Wittwer trainiert im winterlichen Blausee für die WM.
Lesezeit 4 Minuten

Still und klar liegt er da, der Blausee. In winterlicher Einsamkeit. Einzig eine Forelle stört ab und zu die ruhige Wasseroberfläche. Und gleich auch Adrian Alejandro Wittwer. Der 32-jährige Eisschwimmer hat sich den malerischen See im Berner Oberland zum Trainieren ausgesucht – für den «Eisman» in Radolfzell am Bodensee (D) am 9. Februar und die Eisschwimmer-WM im russischen Murmansk vom 14. bis 18. März.

Zwei asiatische Touristinnen in dicken Winterjacken schauen staunend zu, wie Wittwer sich aus seiner warmen Kleidung schält, Schwimmkappe und -brille aufsetzt und nur mit Badehose und einer grossen roten Boje ins Wasser steigt. 4,5 Grad hat sein Thermometer zuvor angezeigt. Ideal, denn bei den offiziellen Wettkämpfen darf die Wassertemperatur maximal fünf Grad betragen. «Man sollte sich nicht hintersinnen, sondern einfach reinstürzen», sagt Wittwer, «dann ist es gar nicht schlimm.»

Adrian Alejandro Wittwer am Blausee
Nur wer kerngesund und fit ist, darf seinen Körper solchen Strapazen aussetzen.

Doch was er beschreibt, klingt für Nicht-Eisschwimmer wenig verlockend: Das eiskalte Wasser lässt schon nach wenigen Minuten Hände und Füsse prickeln, dann schmerzen. Ebenso das Gesicht, das beim Schwimmen immer wieder eintaucht. Die Symptome veschwinden zwar wieder – aber nur, weil man seine Extremitäten dann gar nicht mehr spürt. Was für den Bewegungsablauf beim Schwimmen natürlich eine Herausforderung ist. Vor Wettkämpfen stehen deshalb immer ein EKG sowie Fieber- und Blutdruckmessung an. Nur wer kerngesund und fit ist, darf seinen Körper solchen Strapazen aussetzen.

Adrian Wittwer ist derzeit der einzige Schweizer, der schnell genug ist, um sich für die Kilometerdisziplin an einer Eisschwimmer-WM zu qualifizieren. Etwa 21 Minuten braucht er für die Distanz – drei mehr als im Hallenbad. «Das ist nicht schlecht, aber die Besten schaffen es in 13», sagt er. Und der Langsamste habe bei der letzten WM 30 Minuten gebraucht. Bei kürzeren Distanzen hat der Berner es auch schon aufs Podest geschafft, aber sein grösster Stolz ist es, das Kilometerschwimmen absolvieren zu dürfen. «Das können nur die Besten.»

Ich möchte später einmal sagen können, dass ich in meinem Leben etwas ganz Besonderes erreicht habe.

Der Berner schwamm schon als Jugendlicher gerne und gut, durchquerte mit einem Kollegen mal den Thunersee und versuchte 2013, den Bodensee der Länge nach zu durchschwimmen. Diese 64 Kilometer schaffte er zwar nicht, dafür hörte er dort zum ersten Mal vom Eisschwimmen, einer Sportart, die erst seit ein paar Jahren professionell für Wettbewerbe betrieben wird.

Da Wittwer es schon immer liebte, im Sport seine Grenzen auszuloten, stürzte er sich gleich mit Begeisterung ins eisige Nass. «Sonst bin ich eigentlich ein vorsichtiger Mensch; ich fahre mit dem Auto nie zu schnell, ich gehe nirgends unnötige Risiken ein.» Aber beim Sport liebt er die Intensität des Gefühls, wenn das Ziel erreicht ist. «Das verschafft einfach einen tollen Kick. Und ich möchte später einmal sagen können, dass ich in meinem Leben etwas ganz Besonderes erreicht habe.»

Beim Eisschwimmen zählt neben der guten körperlichen Konstitution und dem Spass am Schwimmen vor allem eins: «Mentale Stärke. Man muss sich überwinden und die Effekte auf den Körper aushalten können.» Er glaubt, dass er auch deshalb zu den Jüngeren gehört, die diese Sportart auf Wettbewerbslevel betreiben. Die meisten sind 40 oder älter. Wittwer ist überzeugt, dass die nötige mentale Stärke für diesen Sport sich erst mit dem Alter entwickelt.

Engagiert bei Feuerwehr und GLP

Sein Umfeld kann mit seiner Leidenschaft allerdings wenig anfangen. «Ich fände es cool, das mit jemandem zusammen zu machen, aber bisher hat sich noch niemand gefunden, der öfter als zwei-, dreimal mitgekommen wäre.» Meist trainiert er in der Mittagspause in der Aare beim Haus vom Kanu Klub Bern, unweit vom Schweizerischen Roten Kreuz, wo er derzeit ein Praktikum als Projektleiter in der Administration von Redog macht – mit dem Ziel, bald eine neue Stelle zu finden.

Daneben engagiert sich der Single bei der freiwilligen Feuerwehr und bei den Grünliberalen. Für die Partei hat er sich schon bei Kantonsratswahlen aufstellen lassen, wurde jedoch nicht gewählt. Aber Umweltthemen sind ihm wichtig. Und draussen in der Natur zu sein, ist für ihn ein zusätzlicher Reiz beim Eisschwimmen. Gleichzeitig ist da aber auch ein grosser sportlicher Ehrgeiz. Dank des intensiven Trainings fühlt er sich für die kommenden Wettbewerbe gut vorbereitet.

Adrian Alejandro Wittwer am Blausee
Draussen in der Natur zu sein, ist für Adrian Wittwer ein zusätzlicher Reiz beim Eisschwimmen

Im Blausee schwimmt er knapp 20 Minuten. Idealerweise steht ihm nach einem solchen Training eine warme Dusche oder eine Sauna zur Verfügung; das erleichtert und beschleunigt das Aufwärmen. Hier jedoch kann er nur ins geheizte Restaurant, in dem er anschliessend stark zitternd sitzt. «Das ist ganz normal», erklärt Wittwer. «Auf diese Weise wärmt sich der Körper auf.» Zudem habe er sich nach dem Schwimmen problemlos die Kleidung wieder anziehen können. «Das geht längst nicht immer, weil die Finger manchmal so steif sind, dass sie sich nicht kontrollieren lassen.»

Nach etwa 30 Minuten normalisiert sich sein Körper wieder, das Zittern hört auf. Und als die Fotografin fragt, ob er bereit wäre, für eine zweite Fotorunde bei Abendlicht nochmals ins Wasser zu steigen, zögert er keine Sekunde.

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