11. Januar 2018

Der Dirigent

Sängerin Jaël ist am frühen Silvestermorgen Mutter geworden und schildert die erste Zeit nach der Geburt.

Eliah Lorin gibt nun bei Jaël den Takt an
Eliah Lorin gibt nun zu Hause bei Jaël den Takt an: Will er essen oder kuscheln, sind die Eltern zur Stelle.
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Mein kleiner Träumer, Eliah Lorin, ist seit dem 31. Dezember Mittelpunkt meiner Welt. Nach seinem Köpfler in die Geburtswanne acht Minuten nach Mitternacht, wurde er direkt auf meinen Bauch gelegt. Wir hatten Zeit, uns zu beschnuppern, während seine Nabelschnur intakt blieb, damit das Blut aus der Plazenta den Weg in seinen Körper finden konnte. So hatte er eine besonders sanfte Ankunft in der Welt der Schwerkraft und des Selberatmens und fand noch in der Wanne seinen neuen Essort.
Erschöpft, aber überglücklich nach diesem intensiven, magischen und lebensverändernden Trip hielt ich Eliah an mich gedrückt, als er um 4 Uhr morgens füdliblutt bei meinem Mann und mir im Wochenbett im Geburtshaus wegnuckte. Er dankt uns für das schöne Willkommenheissen mit einem zufriedenen Gemüt. Ich bin einfach nur begeistert vom Geburtshaus, insbesondere von den wunderbaren Hebammen, die sich so kompetent, fürsorglich, im rechten Mass zurückhaltend und mit viel Geduld und Verständnis um uns drei gekümmert haben.

Seit wir wieder daheim sind, ist ganz klar, wer unseren Alltag dirigiert. Mama hat lange Fingernägel fürs Gitarrespielen? Die müssen weg! Schliesslich ist das Lieblingshobby des Dirigenten am Finger nuckeln, und da stört so ein Nagel nun mal. Mama will duschen? Neeee, jetzt hat der Dirigent Hunger und will die Brust. Papa will im Büro etwas holen? Denkste! Genau jetzt will der Dirigent mit Papa kuscheln.

Apropos: Liebe Schweizer Familienpolitiker, ernsthaft? EIN Tag Vaterschaftsurlaub? Ich bin gesegnet, dass unser Sonnenschein während der Neujahrsferien geboren wurde und mein Mann noch etwas länger freimachen konnte. Ohne ihn wäre ich aufgeschmissen.

Mir wurde gesagt, ein Wochenbett bedeute zwei Wochen im Bett, zwei Wochen auf dem Bett, zwei Wochen ums Bett herum. Wie genau das gehen soll, weiss der Geier, wenn man wie die meisten in unserer Gesellschaft kein Dorf hat, das mithilft, den Alltag mit all den zusätzlichen Aufgaben und Herausforderungen um den Sprössling neu zu organisieren.
In anderen europäischen Ländern dauert der Elternurlaub bis zu einem Jahr, unterschiedlich aufgeteilt zwischen Papa und Mama. Die Schweiz hinkt hintendrein. Ich finde, es besteht Handlungsbedarf. 


Jaëls Videoporträt

Video: Elena Bernasconi

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