09. Oktober 2019

Der Biber kommt wieder

Das Nagetier war in der Schweiz einst ausgerottet. Heute ist es geschützt, erobert sich seinen Lebensraum zurück und fördert mit seinen Bauwerken die Artenvielfalt. Unterwegs mit dem Biberexperten Christof Angst.

Biber im Wasser (Getty Images)
Luft holen: Eine Viertelstunde lang kann ein Biber abtauchen. (Bild: Getty Images)

Der Biologe beugt sich über einen Weidenast und deutet auf Bissspuren, die grosse Schneidezähne hinterlassen haben. Sie stammen von einem Biber. Christof Angst freut sich sichtlich darüber. Denn nur ein Wasserlauf mit Biber ist für ihn natürlich. Der 49-Jährige ist seit 2006 im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) für die Biberfachstelle der Schweiz verantwortlich. Wir befinden uns beim beliebten Berner Flussbad Marzili.
Dass sich hier Biberspuren finden, erstaunt Christof Angst nicht: Weil das Nagetier heute schweizweit geschützt ist, kann es sich näher an Menschen heranwagen. Genf, Lausanne, Sitten, Solothurn, Aarau, Frauenfeld, St. Gallen und Bern sind nur einige der Orte, in denen sich das Tier wieder angesiedelt hat.

Christof Angst, Leiter der Biberfachstelle
Christof Angst, Leiter der Biberfachstelle

Biber beim Bundeshaus
Schon 2012 liess sich am Aareufer unterhalb des Bundeshauses ein Biberpaar nieder.Heute hat die Biberfamilie sechs Mitglieder. «Ihr Revier erstreckt sich über drei Kilometer stromaufwärts oberhalb des Wehrs Schwellenmätteli», erklärt Angst auf dem Weg zum Bueberseeli, das zum Marzilibad gehört und über einen Kanal mit der Aare verbunden ist. «Biber mögen ruhige Gewässer, deshalb haben sie hier unter einer kleinen Holzbrücke ihren Bau errichtet.»

Doch 2016 musste die Stadt diesen Lebensraum wegen einer geplanten Renovierung der Brücke verlegen. Daraufhin bekam Angst den Auftrag, an der Uferböschung einen neuen Bau anzulegen. «Ich bin aber überzeugt, dass die Biber ins Bueberseeli zurückkehren werden», meint er. «Denn diese Tiere sind Anarchisten.» Und wie funktioniert das Zusammenleben mit den Benutzern des Schwimmbads? «Ich erhalte regelmässig E-Mails von Leuten, die sich freuen, dass sie an einem Sommerabend zusammen mit einem Biber in der Aare schwimmen konnten», sagt der Experte.

Manchmal kann der Biber auch für Unmut sorgen: Stadtbewohner ärgern sich, wenn er auf ihrem Grundstück einen Baum fällt. Das Gleiche gilt für Bauern, auf deren Land wegen eines Biberbaus ein Feld überschwemmt wird. «Doch in solchen Fällen entrichtet der Bund Entschädigungen», betont Angst. Ganz selten kommt es vor, dass Schwimmer gebissen werden – zum Beispiel vor zwei Jahren in Schaffhausen und diesen Sommer in Nidau bei Biel. «Bei diesen Zwischenfällen handelte es sich, wie die oberflächlichen Verletzungen beweisen, nicht um Angriffe, sondern nur um Warnungen: Die Schwimmer hatten den bei jedem Wildtier erforderlichen Abstand nicht eingehalten.»

Problematischer sind Beschädigungen der Infrastruktur. Denn in diesen Fällen besteht kein Anspruch auf Zahlungen durch den Bund. Angst deutet auf das gegenüberliegende Ufer. «Am Dalmaziquai haben die Biber einen Bau in die Uferböschung gegraben, der bis unter den Fussgängerweg reicht. Der Pfad ist daraufhin eingebrochen. Solche Zwischenfälle treten immer wieder auf. Es ist unmöglich, die Biber davon abzuhalten, denn sie machen das seit 15 Millionen Jahren.»

Der Biber renaturiert Flüsse gratis
Doch genug von den negativen Seiten. Christof Angst möchte vor allem den positiven Einfluss des Bibers auf die Biodiversität zeigen. Dafür fährt er zur Belpau, einem Auenschutzgebiet, das zur Gemeinde Belp gehört. Hier sind die tierischen Dammbauer in ihrem Element.

«Eine der grossen Schwächen unserer Flüsse ist ihr begradigtes und viel zu oft auch zu enges Bett», erläutert Angst. «Deshalb fehlen wichtige Lebensräume für eine Vielzahl von Arten.» Aus diesem Grund will der Bund in den kommenden 80 Jahren 4000 Kilometer Wasserläufe renaturieren. «Weshalb diese Aufgabe nicht dem Biber überlassen? Er würde die Flüsse besser in ihren natürlichen Zustand zurückversetzen als der Mensch. Und das erst noch gratis», kommentiert der Experte auf dem Weg zum «Biberland».

Bevor er es betritt, zieht er vorsorglich ein Paar wasserfeste Stiefel an. Dann führt er durch ein Gehölz zu einem Biberdamm. Das kleine Bauwerk leitet ein Flüsschen um, das nun ein Waldstück überflutet. In dem so entstandenen Teich wachsen neue Pflanzenarten. «Biber gestalten die Landschaft vollständig um», schwärmt Angst. «Die Tiere fressen die krautigen Pflanzen, die im Wasser gedeihen. Als Nahrung dienen ihnen auch die Rinde der abgetrennten Äste und die Knospen der Bäume.» Über dem Teich schwirren bläuliche Libellen. Das Wasser ist so klar, dass man auf den Grund sehen kann. Wieder deutet Angst auf Bissspuren von Bibern an einem Weidenzweig.

Der Biber als Artenschützer
Anschliessend zeigt Christof Angst einen deutlich grösseren Damm. Er ist in zwei Monaten entstanden und misst bereits stolze 23 Meter. Durch die Arbeit der Biber ist der Grundwasserspiegel gestiegen, und so ist flussaufwärts ein grosser Sumpf entstanden. «Viele Tierarten profitieren davon: Amphibien, Libellen und Fische. Sogar Eisvögel fischen hier», erklärt Angst. Für ihn ist erwiesen, dass in Gewässern mit Bibern der Biomasseanteil höher ist. Das bedeutet, dass es von ­jeder Art mehr Individuen gibt.

Dann zeigt der Naturkenner auf einen Kieferstamm. «Die Biber haben die Rinde abgenagt und das flüssige Baumharz abgeleckt.» Der Baum wird mit der Zeit sterben und umfallen. Als Totholz wird er zum Lebensraum für viele Arten: Insekten, Pilze und Höhlenvögel. «Für die Natur ist dies äusserst wichtig.»

Nach der Exkursion macht sich Angst ein letztes Mal für seinen Schützling stark: «Die meisten unserer Wasserläufe sind krank. Wir müssen handeln.» Nachdenklich fügt er hinzu: «Wenn die Politiker doch auch so energisch an der Rettung der Natur arbeiten würden wie die Biber.» 

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