30. Oktober 2017

Der Besuch des alten Mannes

Vor 27 Jahren trat der grosse Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt zum letzten Mal in der Öffentlichkeit auf: Am Gottlieb-Duttweiler-Institut hielt er eine vieldeutige Rede, über die bis heute diskutiert wird.

Händedruck nach einer unbequemen Laudatio: Friedrich Dürrenmatt und Václav Havel (Bild: MGB-Archiv).
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Dürrenmatt hat uns eine Welt hinterlassen, die von grotesken und faszinierenden Figuren bevölkert ist: In «Der Besuch der alten Dame» korrumpiert eine vermeintlich wohltätige Milliardärin ein ganzes Dorf; in «Die Physiker» tüfteln Wissenschaftler im Irrenhaus an der Atombombe, und in den Bärlach-Krimis bringt ein todkranker Kommissar scheinbar unbesiegbare Superschurken zu Fall.

Am 14. Dezember 1990 starb der Dramatiker und Schriftsteller – neben Max Frisch der wichtigste Schweizer Autor der Nachkriegszeit. Kurz vor seinem Tod trat Dürrenmatt am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon zum letzten Mal in der Öffentlichkeit auf.
Am 22. November hielt er eine Rede zu Ehren eines Berufskollegen: Der tschechische Dramatiker, Menschenrechtler und Politiker Václav Havel bekam den Gottlieb-Duttweiler-Preis. In der Laudatio ging es um Havels mutigen Freiheitskampf gegen die Diktatur in seiner Heimat.

Doch Dürrenmatt sprach auch über sein eigenes Land und nannte es ein Gefängnis. Die Schweizer seien zugleich Gefangene und Wärter. Bei der bevorstehenden 700-Jahr-Feier wisse die Eidgenossenschaft nicht, ob sie die Freiheit oder das Gefängnis zelebrieren solle. Darum «feiern wir mal wieder die Unabhängigkeit».

Mindestens ein Teil des Publikums war über die Rede heftig verstimmt. Laut einem Bericht im «Tages-Anzeiger» fanden einzelne Gäste Dürrenmatts Äusserungen «unerhört». Als die Wut über den vermeintlichen Skandal verraucht war, begann man über den vielschichtigen und vieldeutigen Text nachzudenken. Bis heute wird die Laudatio immer wieder abgedruckt, zitiert und diskutiert.

Störte die Festlaune: Friedrich Dürrenmatts Rede am Gottlieb-Duttweiler-Institut am 22.11.90 im O-Ton. Quelle: 3sat.

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