30. Oktober 2018

Der Angstmacher

Samuel Streiff spielt im TV-Krimi «Der Bestatter» mit und moderiert am Radio eine legendäre Gruselserie: «Das Schreckmümpfeli». In jeweils nur zehn Minuten sorgt diese Kultsendung zuverlässig für Gänsehaut.

Samuel Streiff liest «Das Schreckmümpfeli»
Samuel Streiff: Schauspieler, Radiomoderator und Autor von Gruselgeschichten.
Lesezeit 3 Minuten

An einem klaren Frühherbstabend spaziert Samuel Streiff über den Stadtzürcher Friedhof Enzenbühl. Die weitläufige Parkanlage ist menschenleer. Die Dämmerung senkt sich auf getrimmte Hecken und Familiengräber, die von steinernen Engeln bewacht werden. Auf einem Rasen steht ein Reiher – so reglos, als sei er selber eine Skulptur.

Der Ort passt bestens zur Fernsehserie, der Streiff einen Teil seiner Bekanntheit verdankt: Seit sechs Jahren spielt er im TV-Krimi «Der Bestatter» den fleissigen, aber ziemlich talentlosen Polizisten Reto Doerig, der immer im Schatten seiner Chefin steht. «Diese Figur hat mit der Zeit immer mehr Facetten bekommen und fast schon ein Eigenleben entwickelt», meint der 43-jährige Schauspieler. Denn das Fernsehpublikum erlebt Doerig mittlerweile nicht mehr nur als übereifrigen Beamten, sondern auch als Menschen mit enttäuschten Hoffnungen und Sehnsüchten.

Serienkiller am Radio

Man kann der Figur Doerig vieles nachsagen – aber nicht, dass sie jemals Angst macht. Dass Streiff auch das beherrscht, beweist er jeweils montags um 23.00 Uhr auf Radio SRF 1. Dann läuft unter dem Titel «Das Schreckmümpfeli» ein Kurzhörspiel, das in nur zehn Minuten zuverlässig für Gänsehaut sorgt. Die Kultsendung beginnt immer gleich: Das Publikum hört einen wummernden Herzschlag und ein gruselig verzerrtes Schlaflied. Anschliessend folgt eine Geschichte, die zügig auf eine unheimliche Pointe zuläuft. Es geht um Serienkiller oder um einen Wahrsager, der sein eigenes Ende voraussieht.

Seit drei Jahren wird «Das Schreckmümpfeli» von Samuel Streiff mit unheilvoller Stimme anmoderiert; er spielt auch einzelne Rollen in den Kurzhörspielen. Doch die Gruselserie gehört schon seit 1975 zum Radioprogramm; sie hat als Dauerbrenner viele andere Sendungen überlebt.

Der Schauspieler erklärt sich den Erfolg mit der speziellen Mischung aus Humor und Horror: «Als Zuhörer dürfen wir über Figuren lachen, die aus Gier, Eitelkeit oder Neid in die Katastrophe rennen. Und die Sendungen sind sehr liebevoll gemacht.» Das zeigt sich etwa bei den Toneffekten. Obwohl sich heute jedes erdenkliche Geräusch digital abrufen lässt, setzen die Macher der Serie teilweise noch sogenannte Handrequisiten ein: Sie quietschen mit Scharnieren und knarren mit Holz, wenn sich ein Held durch ein Geisterhaus tastet. Um die Akustik von grossen oder kleinen Räumen zu erzeugen, werden im Zürcher Hörspielstudio Stellwände verschoben.

Streiff begeisterte sich schon als Teenager für das «Schreckmümpfeli», hätte sich damals aber nie träumen lassen, dass er je daran mitwirken würde. Heute ist er in der Sendung nicht nur als Stimme präsent, sondern schreibt auch Geschichten dafür. Eine seiner Storys trägt den Titel «Der Parasit». Es geht darin um zwei Wanderer, die sich in eine zerfallene Klinik wagen. In dem Gemäuer treffen sie auf einen teuflischen Arzt, der Alter und Tod besiegt hat, dafür aber andere Menschen sterben lässt.

Alte Häuser faszinieren

Zu dieser Geschichte inspiriert haben Streiff unter anderem Videos von sogenannten Urban Explorers. Das sind Leute, die mit der Kamera verlassene Gebäude erkunden. «Es ist erstaunlich, was wir Menschen in entlegenen Landstrichen alles stehen lassen», sagt der gebürtige Zuger. Streiff ist ein echter Kenner des Gruselgenres, doch auf eine Frage weiss auch er nicht auf Anhieb eine Antwort: Warum gibt es eigentlich in der Schweiz so viele Krimischreiber, aber kaum einen Horrorautor?

Es liege vielleicht daran, dass es in Krimis am Ende meist eine Auflösung gebe, dass der Täter überführt sei und man danach beruhigt ins Bett gehen könne. «Im Horrorgenre gibt es diese Erlösung nicht», meint der Radio- und Fernsehmann. «Man macht Monstern, Geistern und Untoten mit dem Strafgesetzbuch keinen Eindruck. Finstere Zwischenwelten, sich verschiebende Realitäten: Diese bedrohlichen Grautöne sind uns in der rationalen Schweiz vielleicht etwas unangenehm.» Nach diesem Fazit schlendert Streiff über den Kiesweg des Friedhofs davon.

«Das Schreckmümpfeli» kann man hören auf srf.ch/play

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