Leser-Beitrag
12. November 2017

Depression

Darf oder will man darüber schreiben?

Spätherbst: Zeit der Depression?

Die weißhaarige, ältere Dame schüttelt den Kopf. Demonstrativ hörbar schnalzt sie mit der Zunge, verdreht die Augen. Unübersehbar. Die Hunde markieren an einem Baum auf einem Grundstück, angrenzend an der Nebenstraße. Unübersehbar.

«He Jungs, das ist privat.»

Sean spricht mit den Hunden. Er weiss, dass sie nicht alles verstehen. Ein Canoidenhirn kann höchstens ungefähr hundert Wörter abspeichern. Doch die Diskussion mit seinen wenigen Freunden gibt ihm ein Gefühl von Verbundenheit.

«Ja, nur keine Angst, zu Ihnen kommen sie nicht, Hunde haben ein sehr feines Gespür für Gutmenschen.»

Sean ist angespannt, das musste er einfach loswerden. Die alte Frau wendet sich ab, scheinbar unberührt, doch das Schnattern ist noch lange zu hören.

Die Morgensonne kämpft mit den tiefhängenden, dunklen Wolken. Herbstnebel schleicht durch die Gassen, schwer und, feucht dringt er in jede Ritze. Die nahe katholische Kirche läutet wie gewohnt um neun Uhr die Glocken. Das Weinglas, welches Sean schon kurz nach dem heiligen Gebimmel mit Weißwein füllt, ist schnell geleert. Mit Flasche und Glas bewaffnet, setzt sich Sean in den kleinen Vorgarten auf einen weißen Plastikstuhl, atmet tief durch.

Die Depression, hat sich über Wochen, Monate, eventuell schon Jahre tief eingefressen ins Gehirn. Das Vertrauen zu Psychologen und Psychiater ist geschwunden, ja die Negativeinstellung hat sich wieder bestätigt, ähnlich wie vor Jahrzehnten.

Hin- und hergeschoben zu werden, war ihm zuviel. Er konnte es noch verstehen, dass seine zugewiesene Betreuerin aus Mutterschaftsgründen seine Probleme an eine Kollegin weitergereicht hatte. Dass diese Vertretung aus denselben Gründen Wochen später den Fall ebenso weitergab, war aber dann zuviel.

Und jetzt wieder dasselbe Szenario. Als würde Sean seine endlich angenommene Hilfe auf unnatürliche Weise schwängern.

Gedanken überschlagen sich. Der Herbst macht ihm Angst. Grau und düster schluckt er das spärliche Sonnenlicht. Die Hecken werden schmaler, Sträucher verlieren Blätter. Der natürliche Sichtschutz löst sich auf. Sean fühlt sich ausgestellt, getraut sich kaum mehr in den Garten.

Hinter den Blanken vom Pool, vorübergehend um die Terrasse gestapelt, fühlt er sich sicher. Der Wein löst die schweren, ängstlichen Gedanken. Der Wein ist nach ein paar Tassen Kaffee zum täglichen Ritual geworden. Verbunden mit den Morphiumtabletten, welche die Schmerzen des Virus lindern sollen, bekämpft Sean so seine Ängste. Solange er niemandem finanziell zur Last und so auf die Nerven fällt, solange wird auch kein Mensch und keine Seele eingreifen. Für Umgebung und Staat die beste Lösung. Ein einzelnes Individuum, welches nicht auffällt, nicht unterstützt werden muss, das nicht aufmüpfig ist, sich einigermaßen eingliedert.

Fortsetzung aus dem selbstgewählten Gefängnis Namens Depression ... folgt.

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