01. Dezember 2014

Den Tsunami überlebt

Familie Hänzi war an Weihnachten 2004 im thailändischen Khao Lak, als der Tsunami kam. Vater und Sohn erzählen, wie sie die Katastrophe verarbeitet haben.

Markus Hänzi (rechts) und Sohn Stève
Markus Hänzi (rechts) und sein ältester Sohn Stève.

Wie viele andere Badegäste stand auch die Familie Hänzi staunend am Strand von Khao Lak, als sich am Morgen des 26. Dezember 2004 das Meer plötzlich zurückzog. Markus (48) und Manuela Hänzi (45) waren mit ihren drei Kindern Stève, Jan und Nadine bereits zwei Wochen dort, hatten den Strand und die Wärme genossen, Weihnachten in den Tropen gefeiert. Für die Familie aus Busswil BE waren es die grossen Ferien des Jahres, sie hatten darauf gespart und sich gefreut. Und das, obwohl Vater Markus sich vorher noch den Fuss gebrochen hatte und mit Gips unterwegs war.

«Das Verrückte war: Ich realisierte, dass ich so was schon mal gesehen hatte, in einem Dokumentarfilm über Tsunamis», sagt Markus Hänzi. «Aber ich schaltete nicht.» Doch ganz traute er der Sache nicht. Während viele hinausliefen auf den vom Wasser freigelegten Strand, pfiff er seinen Sohn Jan (damals 8 Jahre alt) zurück, als er das auch tun wollte.

Die Tochter war erst drei und konnte noch nicht schwimmen

«Und dann sahen wir hinten am Horizont erste Schaumkronen», erzählt Stève Hänzi (heute 21). «Das sah am Anfang noch recht harmlos aus, aber als wir das erste Fischerboot kippen sahen, rannten wir.» Die Familie flüchtete sich auf die Aussentreppe des oberen Stocks ihres zweigeschossigen Bungalows und glaubte, dort vor dem Wasser sicher zu sein. Zunächst sah es auch so aus. «Die erste Welle spülte unsere Sachen aus dem unteren Stock des Bungalows, von der zweiten wurden unsere Füsse nass», sagt Markus Hänzi. «Die Hotelanlage war geflutet, aber das Schlimmste schien überstanden.»

Und da kam eine gewaltige Wasserwand auf uns zu.

Dann drehten sie sich wieder Richtung Meer. «Und da kam eine gewaltige, hohe Wasserwand auf uns zu.» Sekunden später war die ganze Familie weggespült, und jeder kämpfte verzweifelt ums Überleben. «Nadine war ja erst drei und konnte nicht schwimmen.» Als Markus Hänzi sich in der dreckigen Brühe voller Material wieder an die Oberfläche gekämpft hatte, sah er keine Spur mehr von seiner Tochter, seine Söhne entdeckte er in einiger Entfernung im Wasser, bis auch sie verschwanden. Einzig zu seiner Frau behielt er stets Blickkontakt. Beide konnten sich auf nahegelegene Hausdächer retten und dort ausharren, bis sich das Wasser zurückzog. «Ich habe keine Ahnung mehr, wie lange wir dort sassen, vielleicht 15 Minuten, vielleicht 30.»

Der Strand von Khao Lak im Moment, als die erste Tsunami-Welle anrollt.
Der Strand von Khao Lak im Moment, als die erste Tsunami-Welle anrollt. Die Wucht des Wassers spülte alles weg – auch die Familie Hänzi aus Busswil, die sich in den oberen Stock ihres Bungalows geflüchtet hatte.

Stève hingegen glaubt, es seien eher ein bis zwei Stunden gewesen, «aber in so einer Situation verliert man jegliches Zeitgefühl». Ihm war es gelungen, sich auf einen Baum zu retten. «Aber der war klein und dünn und schwankte furchtbar.» In der Nähe befand sich ein wesentlich höherer, stabilerer Baum, auf den sich schon ein paar andere Menschen geflüchtet hatten. Das Wasser strömte noch immer unter ihm, aber es hatten sich einige Bretter ineinander verkeilt, die so eine Art Brücke zum anderen Baum bildeten. Kurz entschlossen sprang Stève runter auf die Bretter und balancierte hinüber auf die andere Seite. «Ein Kurzschlussentscheid war das, reiner Instinkt», sagt er heute. «Dort kletterte ich so hoch es nur ging, einfach so weit weg vom Wasser wie möglich.»

Was mit seinen Eltern und Geschwistern passiert sein könnte, habe ihn zu dem Zeitpunkt nicht beschäftigt, sagt er. «So hart das klingt. Ich habe das gar nicht realisiert, das kam erst später.» Seine Eltern waren derweil in heller Panik. Als das Wasser anfing, sich zurückzuziehen, begannen sie zu suchen, der Vater hinkend mit seinem verletzten Bein. Den Gips hatte die Wucht des Wassers weggespült. Jan fanden sie relativ schnell, er hatte sich ebenfalls auf einen Baum in der Nähe retten können. Doch ihre anderen beiden Kinder blieben verschwunden.

«Dann kamen Fahrzeuge, die uns in ein provisorisches Lager brachten», erinnert sich Hänzi. «Wir suchten alles ab. Ich stand gerade an einer Strasse, als plötzlich ein Thai mit meiner Tochter an der Hand herbeispazierte. Einfach so. Nicht nur war sie völlig unversehrt, sie war auch gebadet und frisch frisiert!» Hänzi schüttelt den Kopf. «Wir wissen bis heute nicht, wie sie es geschafft hat zu überleben. Der Thai hatte sie schliesslich gefunden. Er kannte uns, und er wusste, dass sie zu uns gehört.»

Nun fehlte nur noch Stève, und die Eltern befürchteten das Schlimmste. Ihr damals Elfjähriger schlug sich jedoch tapfer. Als sich das Wasser zurückzog, kletterte er vom Baum und half als Einziger einer verletzten Deutschen, die ebenfalls dort gesessen hatte. «Alle anderen hatten Angst, es käme nochmals eine Welle, und rannten los. Ich half ihr, ohne gross nachzudenken.» Sein Vater lächelt. «Wir haben versucht, ihn so zu erziehen, dass man Menschen in Not hilft. Das hat offenbar gefruchtet.»

Stève und die Frau schlossen sich einer Gruppe Überlebender an. Dort nahm sich ein deutscher Familienvater seiner an und wollte wissen, wo seine Eltern sind. Plötzlich realisierte Stève, dass der Rest seiner Familie möglicherweise nicht mehr lebte. «Da erst habe ich zum ersten Mal geweint», erinnert er sich.

Ein Deutscher half Stève, seine Familie zu finden

Die Familie nahm ihn auf. «Sie behandelten mich wie ihren Sohn, kümmerten sich um mich, trösteten mich, wenn ich traurig war.» Und der Vater versicherte ihm: «Falls wir deine Eltern nicht finden, kommst du mit uns nach Deutschland, und dann fahre ich mit dir in die Schweiz und bringe dich zu deiner Familie.» Aber er machte ihm auch stets Hoffnung, dass es schon noch gelingen werde, seine Familie zu finden.

Und so war es schliesslich auch. Die Hänzis wurden nach einer unruhigen Nacht im Krisengebiet per Flugzeug via Phuket nach Bangkok transportiert, Stève und seine «Adoptivfamilie» fuhren per Bus ebenfalls dorthin. «Nach Bangkok zu reisen ohne Stève, das war sehr, sehr hart», sagt Hänzi. Aber was blieb ihnen anderes übrig? «Wir klapperten alle Krankenhäuser ab, wühlten uns durch unzählige Listen von Vermissten und Gefundenen, schauten uns die Toten an – alles in der Hoffnung, Stève irgendwo lebend zu finden.»

Auch der Vater der deutschen Familie suchte, und er war es schliesslich, der den Aufenthaltsort von Stèves Eltern auf einer Liste entdeckte – ein Hotel in Sichtweite des eigenen. «Er kam freudestrahlend in unser Zimmer und eröffnete mir, er habe meine Familie gefunden», erzählt Stève. Die Wiedersehensfreude nach drei Tagen Ungewissheit war überwältigend. Kurz darauf flogen die Hänzis zurück nach Zürich, mit nichts als ihrer Kleidung und provisorischen Pässen. «Als wir im Januar in Zürich ankamen, hatte ich noch immer nur meine Badehose und ein T-Shirt an», sagt Stève.

«Wir hatten ein Riesenglück, gerade auch verglichen mit so vielen anderen, die nicht oder nur schwer verletzt überlebt hatten», sagt Markus Hänzi. «Es war das Gefühl, eine zweite Chance bekommen zu haben. Ohne dieses Erlebnis hätte ich vermutlich den Mut nicht gehabt, mich selbständig zu machen.» Heute ist er Mitbesitzer eines Unternehmens, das Kleinteile für medizinaltechnische Geräte herstellt.

Die Folgen des Tsunami-Dramas wirken bis heute nach

Als Folge des Tsunamis sieht Markus Hänzi auch die Trennung von seiner Frau. «Es ist schon seltsam, alle Paare, die wir kennen und die den Tsunami überlebt haben, sind heute getrennt», sagt Sohn Stève – auch jene Frau, der er vom Baum geholfen hatte, sowie der Deutsche, den er als «meinen zweiten Vater» bezeichnet und zu dem weiterhin ein enger Kontakt besteht.

Mit dem Thema gehen Vater und Sohn heute relativ entspannt um, auch der Rest der Familie habe kein grösseres Trauma davongetragen, versichern sie. «Allerdings schrecke ich manchmal auf, wenn ich ein bestimmtes Geräusch höre», sagt Markus Hänzi. «In den wenigen Sekunden, bevor uns die Wasserwand wegspülte, hörte ich ein tiefes, seltsames Donnern. Und wenn ein Flugzeug tief über das Haus fliegt, klingt das recht ähnlich. Da gibt es dann immer diese Schrecksekunde.»

Stève träumt manchmal nachts noch davon. Und er glaubt, dass das Erlebnis ihn geprägt hat. «Aber natürlich weiss ich nicht, wie ich heute wäre, wenn wir das nicht durchgemacht hätten. Bei mir war ja seither immer was los: Schule, Lehre, Pubertät, Freundin, Job. Da konnte ich mich nicht allzu sehr hintersinnen», sagt der junge Elektriker. Was ihn nervt, sind spöttische oder ungläubige Reaktionen. «Niemand, der so was nicht erlebt hat, kann sich vorstellen, was man da durchmacht.»

Beide Hänzis fühlen auch jedes Mal mit, wenn es irgendwo eine Naturkatastrophe gibt. Einfach, weil sie sich nur zu gut vorstellen können, was die Menschen dort gerade durchmachen. Aber beide haben sich auch versöhnt mit dem Meer, sagt Markus Hänzi. «Wir meiden es nicht. Aber ab und zu schaut man dann doch hinaus aufs Wasser, ob wirklich noch alles so ist, wie es sein sollte.»

Bilder: Daniel Rihs

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