11. März 2019

Den Rotstift ansetzen!

Bänz Friedli (53) stört sich am Strassenbild. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Willy-Ritschard-Strasse

Wissen Sie eigentlich, wie viele Sie sind? Nahezu zweieinhalb Millionen Menschen lesen diese Zeitung. Kaum hatte ich hier vor vielen Jahren zu schreiben begonnen, beobachtete ich in unserem Wohnblock mal den Pöstler und erschrak: In zehn von elf Briefkästen steckte er das Migros-Magazin. Das Gute daran: Die deutsche Schweiz schaut mir auf die Finger. Umgehend werde ich korrigiert, wenn mir nur schon im Kleingedruckten ein Fehlerchen unterläuft. In den Daten am Ende des Textes ordnete ich ein Dorf einst versehentlich dem falschen Kanton zu, mit den Buchstaben SH statt TG. Flugs meldeten sich 17 pensionierte Geografielehrer, ein Dutzend beleidigter Thurgauerinnen und zig aufgebrachte Schaffhauser.

Auf einen Fehler in der letzten Kolumne aber (meine Behauptung, dem «Mein Name ist Eugen»-Schöpfer Klaus Schädelin sei in Bern keine Strasse gewidmet) kam eine einzige Zuschrift. Von Schädelins Schwiegersohn. Doch, es gebe in Bern seit 2009 eine solche Strasse. Was sagt mir das? Dass ausser den engsten Verwandten keiner das Strässchen zwischen Autobahn und Gleisen kennt. Und weil da auch niemand wohnt, findet es sich nicht in digitalen Adressverzeichnissen. Ein unbedeutender Weg im Niemandsland? Das ist jämmerlich. Gewiss, es fehlt an Strassen und Plätzen, deshalb ehrt Bern am Kiener-Tosio-Weg zwei Eishockeygoalies auf einmal. Aber warum nicht die Herrengasse mitten in der Altstadt, wo Schädelin und die lausbübischen Helden seines Buchs wohnten, in Schädelingasse umtaufen? Die zentrale Spitalgasse, wo es seit Menschengedenken kein Spital mehr gibt? Die Amthausgasse, wo seit 119 Jahren kein Amthaus mehr steht?

Am ehesten ehrt man gewesene Bundesräte: Luterbach SO hat seine Willi­Ritschard-Strasse, Rüschlikon ZH den Fritz-Honegger- und Rüti bei Büren den Samuel-Schmid-Weg. Und man mag die Schweizer Zögerlichkeit, Prominente mit Prunkstrassen auszustatten, ja gar für eine Tugend halten; vielleicht hat Visp vorschnell ein Schulhaus nach Sepp Blatter benannt. Dennoch: In unserem Strassenbild sind zu viele tote Kriegsherren verewigt und viel zu wenige Frauen. Nur 54 der 447 nach Personen benannten Strassen in Zürich sind einer Frau gewidmet.

Wo bleibt Stephanie Glaser? Und wo bleiben die Spassmacher? Ein Hohn, dass Basel keine Alfred-Rasser-, geschweige denn eine Cés-Keiser-Strasse hat. Und wie lange will Luzern zuwarten, bis es Emil ehrt, den grössten Schweizer Komiker aller Zeiten? Die Städte sollten sich ein Beispiel an Schlieren ZH nehmen: Dort gibt es in Gedenken ans Cabaret Rotstift längst einen Rotstiftweg.

Bänz Friedli live: 12.–16.3. Bern, 22.3. Weinfelden TG

Die Hörkolumne (mp3)

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