09. Februar 2015

Und täglich lockt die Bahn den RhB-Modellbauer

Fast jeden Tag baut Bernhard Tarnutzer an seinem Lebenswerk. Seine Modellanlage breitet sich im Bahnmuseum Albula in Bergün GR aus.

Bernhard Tarnutzer
Immer nachmittags werkelt Bernhard Tarnutzer an seiner Bahn, morgens ist er beim Golfen oder Skifahren.

Zuerst schaute sich Bernhard Tarnutzer (67) die Welt an, und seit 26 Jahren baut er sich eine – zumindest einen Teil davon. Im Prättigau aufgewachsen, arbeitete er für den Club Med als Animateur in Afrika, Zentral- und Südamerika, in der Karibik. Als er vom Ausland zurückkehrte und oberhalb von Nyon an den Genfersee zog, besuchte Tarnutzer das Verkehrshaus in Luzern, und es war um ihn geschehen. Er erinnerte sich an die Wesa-Modelleisenbahn seiner Jugend, die er und seine vier Brüder vom Vater zu Weihnachten geschenkt bekommen hatten.

Im Haus ob Nyon wurde die Modellanlage immer grösser

Von Wehmut beseelt, wollte er diesen Kindheitstraum nochmals leben: Der Single begann, in seinem Haus ein detailgetreues Modell der Rhätischen Bahn mit Gebäuden, Viadukten und Tunnels im Stil der 50er- bis 70er-Jahre zu erschaffen. Zuerst stand die Anlage des ehemals selbständigen Marketingmanns mit Spur 0m im Massstab 1:45 im Keller, nachher im Estrich und schliesslich im ganzen Haus. «Am Schluss bin ich fast nicht mehr aus dem Haus gekommen, weil ich den gesamten Wohnbereich mit meiner Anlage verbaut hatte», erinnert sich Tarnutzer, der im Gespräch immer wieder französische Wortfetzen verwendet.

Bernhard Tarnutzer ist ein Meister der Details
Dem Original zum Verwechseln ähnlich: Bernhard Tarnutzer ist ein Meister der Details. Das zeigt sich an Häusern und Viadukten.

Tarnutzer ist ein Detailbesessener, der manchmal stundenlang bastelt, bis ihm ein Modellhaus oder -baum aus Holz und Moos gefällt. Kleinste Minischindeln eines Modellhausdachs stellte er beispielsweise aus gebeiztem Karton her. «Diese Herausforderung, nach einer Lösung zu suchen, interessiert mich. Jedes Mal, wenn ich einen Weg gefunden habe, bin ich stolz, egal, ob es sich um ein Gebäude oder um ein Viadukt im Kleinformat handelt.»

Die Rhätische Bahn, wie sie in die Täler gebaut wurde, fasziniere ihn, sei eine Ingenieurleistung: «Jeder Tunneleingang ist für mich wie ein Schloss, absolute Kunst. Das soll man an meiner Modellanlage ablesen können.» Wie viele Kilometer Schiene sein Lebenswerk inzwischen umfasst, spielt für ihn keine Rolle. «Wichtig ist, dass die Leute begeistert sind. Die Anlage repräsentiert die Zeit meiner Jugend.» 90 Prozent der Geleise sind genagelt, Marke Eigenbau.

Seit 2012 steht die originalgetreue Welt der Rhätischen Bahn im Bahnmuseum Albula in Bergün GR. Tarnutzer erzählt: «Ich wurde pensioniert und dachte, ich ziehe zur schönen Engadiner Sonne. Dabei wollte ich meine Anlage erst verschenken. Doch dann hörte ich vom Museum, man wolle mir einen Raum geben. Da konnte ich weiter basteln.» Seither fährt der Modellbauer jeden Nachmittag ausser montags, wenn das Museum geschlossen ist, von seiner Wohnung oberhalb von Samedan nach Bergün, selbst an Weihnachten.

Ich diskutiere mit Bahnfans aus der ganzen Welt.

Und die Museumsbesucher können ihm bei seiner Arbeit über die Schultern schauen. Er teile seine Kenntnisse gern, diskutiere manchmal mit Modelleisenbahnfans aus der ganzen Welt. Gerade die ältere Generation zeige sich immer sehr interessiert. «Aber wenn etwas entsteht, bin ich komplett 'absorbé' und denke an nichts anderes. Es ist wie Meditation», sagt er und fügt an: «Vielleicht denken die Leute, der spinnt. Das ist mir aber ziemlich egal. Manchmal ist es gut, wenn man spinnt.»

Schweizweit gibt es gewiss grössere Anlagen. Aber keine repräsentiert diesen Teil der Bahnschweiz so genau. «Das ist keine Massenproduktion. Mein Werk ist Teil des Museums und keine Show. Die Besucher sind von der Natürlichkeit und der Realitätsnähe beeindruckt», sagt Tarnutzer. Demnächst will er den Teil um Preda ausbauen – beim Stulser Tobel en miniature mit dem Viadukt arbeite er am Dekor. «Ich schreibe keine Pläne, setze mir Ziele ohne Zeit.»

Heute verdrängen Spielkonsolen die Hobby-Modellbauer

In seiner Kindheit hätten viele Mitschüler zu Hause eine Anlage gehabt. Die Schüler fuhren mit der Bahn in die Schule, nicht jede Familie besass ein Auto. Die Eisenbahn spielte im Alltag eine wichtige Rolle, auch die Modellbauindustrie, die heute mehr und mehr von Computern und Spielkonsolen verdrängt wird. Das mag als Erklärung dienen, weshalb so viele seiner Generation begeisterte Modellbauer sind.

Tarnutzer aber liebt nicht nur die Welt der Mini-Eisenbahn. Er ist auch ein Fan der Heimat der Rhätischen Bahn: «Ich war in meiner Club-Med-Karriere immer unterwegs. Heute sagt mir das Reisen nichts mehr. Ich wohne im Engadin und benötige deshalb keine Ferien mehr. Hier habe ich la belle vie.» Und dazu gehört, dass er im Winter morgens Ski fährt und im Sommer im Golfclub – bei einem Handicap von 20 – anzutreffen ist.
Eine Familie hat er nicht, weil er das mit seinem damaligen Beruf als Animateur nicht vereinbaren konnte. Die Angestellten waren gehalten, sich einzig um die Kunden zu kümmern. Dass die Rhätische Bahn nicht seine letzte Leidenschaft sein könnte, schliesst er nicht aus. «Vielleicht schmeisse ich eines Tages alles hin und mache etwas Neues.»

www.bahnmuseum-albula.ch

Bilder: Nicola Pitaro

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