10. November 2019

Den Letzten beissen die Mäuse

Das grosse Abräumen der Gärten hat begonnen. Doch Esther Schnider pflückt noch bis zum Frost täglich Köstlichkeiten und bringt sie vor den Mäusen in Sicherheit. 

Tagesfang bei Esther Schnider im Herbst: Schwarzer Rettich
Tagesfang bei Esther Schnider im Herbst: Schwarzer Rettich
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Es raschelt im Salat. Ein leises Ächzen, dann taucht der dunkle Schopf von Esther Schnider hinter den hüfthohen Türmen des Zuckerhuts auf. In Dreiviertelhosen und T-Shirt steht die zierliche Frau da, die Hände in die Hüften gestemmt, und sucht mit den Augen forschend ihren Garten ab. Es ist Ende Oktober, doch an der Sonne ist es noch warm, auch hier oben im bündnerischen Obersaxen auf 1200 Metern.

Aus dem Samenstand der Nigella lassen sich im Herbst Samen gewinnen
Aus dem Samenstand der Nigella lassen sich im Herbst Samen gewinnen. Sie dienen als Gewürz namens Schwarzkümmel oder als Saatgut für nächsten Frühling.

Und es gibt noch einiges zu ernten. Die 54-Jährige huscht mit Gefässen bewehrt durch ihre rund 100 Quadratmeter Garten, pflückt knackigen Endiviensalat und scharfen Schotenrettich, schneidet Wirz, zieht Karotten aus dem Boden und schüttelt die futuristisch anmutenden Kapseln der verblühten Nigella – ein leises Rasseln verrät, dass man die Samen jetzt gewinnen kann. Wird sie die schwarzen Kügelchen als Gewürz verwenden – das sich dann Schwarzkümmel nennt – oder nächstes Jahr wieder aussäen?

Schätze für den Winter einsammeln

Keine Antwort. Esther Schnider ist schon wieder weg. Am anderen Ende des Gartens kauert sie vor einer Goldmelisse und zupft sachte deren schmale Blütenblätter ab. «Für die Teemischung», erklärt sie. Später wird sie weitere Blüten hinzufügen, von Malven-, Korn- und Ringelblumen etwa, plus ein paar Kräuter wie Pfefferminze, Zitronenmelisse, verschiedene Salbeiarten und griechischen Bergtee. Alles bio, versteht sich, wie sämtliche Gewächse auf diesem Areal.

Darauf fliegen die Schmetterlinge: Ringelblumen
Noch fliegen die Schmetterlinge die Ringelblumen an. Bald werden die Blütenblätter für eine Teemischung abgepflückt.

Es ist einer dieser Tage, an denen man gern vom goldenen Herbst spricht. Die Strahlen der milchig schimmernden Sonne beleuchten grüne Matten, rote Büsche, gelbe Laubbäume. In Schniders Garten reihen sich Salatkolonnen dicht an dicht, es blühen Fetthennen, Cosmeen, Konraden und sogar noch Stangenbohnen. Der Erdbeerspinat trägt feuerrote Früchte. Angesichts des fortgeschrittenen Herbstes ein unverschämter Farbenrausch.

Der Winter kann jeden Moment zuschlagen

Unten schlängelt sich das Band des Vorderrheins durchs Tal, am Horizont erheben sich graue Bergflanken mit weissen Kappen. Bei so manchem Gärtner mischt sich in die Freude über den Gartentag ein wenig Wehmut über den kommenden Winter. Esther Schnider hat keine Zeit für Gefühlsduselei. Sie hat gerade beschlossen, ein, zwei Salatköpfe zu schneiden und nach Hause mitzunehmen. Die Zichorien Castelfranco hingegen lässt sie bis nach dem ersten Frost stehen, dann entfernt sie die äusseren Blätter und verfüttert diese an die Kühe, während der Rest, in Kisten umgepflanzt, zu Hause im Keller weiterwächst und bis in den Frühling hinein Salat liefert.

Noch zieren die Kräuter den Garten von Esther Schnider
Noch zieren die Kräuter den Garten von Esther Schnider.

Solch clevere Tipps gibt Schnider gern weiter, wenn Fremde ihren «Blätz» besuchen, denn ihr Garten ist einer der Schaugärten, die Bündner Bäuerinnen im Sommer für Besucher öffnen. In einer Pause am Bistrotischchen erzählt Schnider, wie das kam: «Vor einigen Jahren hat man am Landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum in Landquart gemerkt, dass viele junge Bäuerinnen nicht mehr gärtnern.» Und dass das Bewusstsein für selbstangebautes Gemüse am Schwinden sei.

Auf ihre 100 Quadratmeter packt Esther Schnider so viel wie nur geht
Auf ihre bescheidenen 100 Quadratmeter packt Esther Schnider so viel wie nur geht. Nackte Erde gibt es bei ihr kaum.

Ein paar leidenschaftliche Gemüse- und Blumenbäuerinnen taten sich deshalb zum Projekt «IG Schaugarten» zusammen und öffnen seither jeden Sommer ihre Gärten. Esther Schnider war von Anfang an dabei, sie versucht nun seit 14 Jahren, junge Frauen mit ihrer Lust am Gärtnern anzustecken. Mittlerweile tauscht sie sich nicht nur vor Ort mit Gleichgesinnten aus, sondern auch im Netz: Im vergangenen Jahr hat sie über eine Facebookgruppe Saatgut von Inkagurken gegen Rudbeckiasamen getauscht.

Wenn die Pflanze bio ist, können die Dillsamen gesammelt und nächstes Jahr wieder ausgesät werden
Wenn die Pflanze bio ist, können die Dillsamen gesammelt und nächstes Jahr wieder ausgesät werden.

Die gelernte Gärtnerin und vierfache Mutter stammt ursprünglich aus Oberrieden ZH und zog mit 22 Jahren der Liebe wegen ins Bündnerland. In Obersaxen Mundaun wurde sie zusammen mit ihrem Gatten sesshaft – und Bäuerin. Auf ihrem Hof hat sie eigentlich genug zu tun, aber hier, auf dem windgeschützten Flecken Erde, kann sie ihrer Freude an duftenden, lieblichen Gewächsen frönen. Besonders jetzt in der Winterpause, da sie im Garten keine Besucher empfängt und er eigentlich ganz ihr gehört.

Der selbstgemachte Blüemlisirup ist ausgetrunken, Esther Schnider tunkt eine letzte Inkagurke in den Quarkdip, der natürlich frisch gepflückte Kräuter enthält, und steht auf. Weiter gehts. «Man weiss ja nie, wann der Frost kommt.» Vorher will die Bäuerin noch Dillsamen sammeln und Schwarzen Rettich ausgraben, den «rappelvollen» Kompost umsetzen und die reifen Kürbisse ins Haus bringen. Manchmal, bevor sie nach Hause geht, schneidet sie sich ein Sträusschen Edelwicken, die nahe an der Hühnerstallmauer immer noch blühen.

Wer Glück hat, kann bei Esther Schnider frisch gepflückte Inkagurken kosten
Wer Glück hat, kann bei Esther Schnider frisch gepflückte Inkagurken kosten. Wer viel Glück hat, bekommt dazu selbergemachten Kräuterquark.

Vielleicht streut Schnider auch noch Wolfsmilchsamen in die Gänge der Wühlmäuse. Das soll die Tierchen vertreiben, die ihr sonst wegfressen, was jetzt noch zu ernten wäre. Der Lauch ist immerhin noch da, er wird bald geschnitten und zusammen mit Rüebli und Wirz als Zugabe zur Bündner Gerstensuppe eingefroren. Dann kann der Winter kommen.

Die Bündner Schaugärten öffnen im Juni wieder für Besucher; Infos: landfrauen-gr.ch

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