01. Dezember 2019

Dem Spieltrieb verfallen

Spieleabende erleben ein Comeback. Seit Monopoly und Co. hat sich einiges getan, geblieben ist das Gemeinschaftsgefühl, wenn man mit Gleichgesinnten einem analogen Hobby frönt. Ein Augenschein bei der «Capricorns-Spielegilde».

Vom Spielvirus angesteckt: André Marti und Michaela Tartnutzer leiten die Spielgilde.
Vom Spielvirus angesteckt: André Marti und Michaela Tartnutzer leiten die Spielgilde.
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Das ist, als befände man sich auf LSD im Jurassic Park», sagt André Marti, während er pinkfarbene Dinosaurierfigürchen über das grüne Spielfeld zieht. Er reibt sich die Hände. Es scheint gut für ihn zu laufen; seine zwei Mitspieler haben bei Weitem weniger Dinosaurier vor sich auf dem Spielfeld.

Das Brettspiel, das einen offenbar in beinah halluzinogene Zustände versetzen kann, heisst «Dinosaur Island» und ist für Marti das Spiel der Stunde. Ziel ist es, die DNA der prähistorischen Lebewesen nachzubauen, diese im eigenen Vergnügungspark anzusiedeln und am meisten Besucher anzuziehen. «Die Thematik, die liebevolle Gestaltung des Spiels und der Spielfluss sind genial. Etwas Besseres gibt es derzeit nicht auf dem Markt.»

Der 43-Jährige muss es wissen. Seit seiner Kindheit spielt Marti Gesellschaftsspiele. Der gelernte Schreiner, der sich derzeit zum Fachmann Betreuung weiterbildet, verfolgt auf diversen Blogs die Trends der Brettspielszene, reist jedes Jahr an die weltgrösste Messe für nicht-elektronische Spiele im deutschen Essen – «das ist besser als Weihnachten» – und arbeitet als sogenannter Erklärbär für den norddeutschen Verlag Feuerland Spiele, erklärt also Messebesuchern die neuen Spiele der Saison.

«Die Siedler» brachten die Wende

Über die Jahre haben sich in seinem Zuhause im liechtensteinischen Triesen über 1300 Brettspiele angehäuft. Einige sind Sammlerobjekte, die er noch nie gespielt hat und auch nie spielen wird. Zum Beispiel «Elisabeth die Erste» – die Regeln aus rund 50 Seiten Fliesstext sind «selbst für mich zu viel des Guten».

Strategisches Denken gefragt: Immer am Dienstagabend brüten die Mitglieder der "Capricorns Spielgilde" über ihren selbstgewählten Aufgaben.
Strategisches Denken gefragt: Immer am Dienstagabend brüten die Mitglieder der "Capricorns Spielgilde" über ihren selbstgewählten Aufgaben.

Für Marti steht fest: In den vergangenen 20 Jahren hat sich vieles verändert. 1995 kamen die «Siedler von Catan» auf den Markt – und revolutionierten die Spielewelt. Bis dahin hatte man «Eile mit Weile» und «Monopoly» mit den Kindern gespielt, «nun kamen auf einmal auch reine Erwachsenenrunden zu Spieleabenden zusammen».

Bei dem Strategiespiel geht es darum, auf der fiktiven Insel Catan möglichst viele Siedlungen zu bauen; sie erbringen Rohstoffeinnahmen, mit denen Strassen, neue Siedlungen oder Städte errichtet und Ritter zur Verteidigung ausgeschickt werden können. Seit der Lancierung sind mehrere Erweiterungen hinzugekommen.

«Mit den ‹Siedlern von Catan› sind erstmals mehrere Aktionen verzahnt worden; es entsteht eine Abhängigkeit der verschiedenen Spielzüge. Man kann beispielsweise gewisse Dinge erst kaufen, wenn man schon ein bestimmtes Level erreicht hat», erläutert Marti. Dadurch werde das Spiel anspruchsvoller und kompetitiver. «Wenn es irgendwo klemmt, dann ist der Fortschritt gehemmt, und es wird schwierig, wieder ins Spiel zu kommen. Das macht es aber auch so spannend.»

"Inzwischen gibt es viel spannendere Mechanismen, als nur Würfel zu werfen und davon abhängig zu sein", sagt André Marti, der Co-Leiter der "Capricorns Spielgilde".
«Inzwischen gibt es viel spannendere Mechanismen, als nur Würfel zu werfen und davon abhängig zu sein», sagt André Marti, der Co-Leiter der «Capricorns Spielgilde».

Marti mag Spiele, die man auf viele Weisen gewinnen kann. «Ich liebe es, Strategien auszuprobieren. Am besten finde ich es, wenn mein Spielverhalten einen möglichst grossen Einfluss auf den Ausgang hat.» Zu Martis liebsten Ämtern zählt die Leitung der «Capricorns-Spielegilde» in Chur und Vaduz. Er teilt sie sich mit seiner Frau Michaela Tarnutzer – wie auch die Leidenschaft: Schon bei ihrem ersten Date spielten die beiden ein Gesellschaftsspiel.

Einmal pro Woche trifft man sich abwechslungsweise in der Bündner und in der Liechtensteiner Hauptstadt zu «anspruchsvollen Gesellschaftsspielen». Marti bringt jeweils 10 bis 15 Spiele aus seiner Sammlung mit. Klassiker wie «Monopoly» sucht man aber vergebens. «Das ist für mich etwas arg verstaubt. Es gibt inzwischen viel spannendere Mechanismen der Einflussnahme, als nur Würfel zu werfen und davon abhängig zu sein.»

Am Dienstagabend geht es rund

Der Regen prasselt an diesem Dienstagabend unaufhörlich aufs Dach des Jugendzentrums in Chur. Um sieben Uhr sitzen die Spieler der «Capricorns-Spielegilde» auf langen Holzbänken bereit. Von der Decke hängen Discokugeln und ein Skelett – ein Überbleibsel von Halloween. Die Paarungen haben sich schnell gefunden. Marti spielt sein derzeitiges Lieblingsspiel «Dinosaur Island» mit Severin von Grünigen aus Triesenberg (FL) und Lukas Bühler aus Zizers GR.

Von Grünigen nimmt schon seit vielen Jahren am Treffen teil; Verwandte haben ihn darauf aufmerksam gemacht. Für den 27-Jährigen, der auch seinen bevorstehenden Geburtstag mit einem Spieleabend feiert wird, sind Gesellschaftsspiele auch ein Ausgleich zu seinem Beruf. Er arbeitet als Software-Entwickler in Chur und sitzt meist vor dem Computer. «Es gefällt mir, meinen Kopf anders nutzen zu können und dabei nicht auf den Bildschirm starren zu müssen.»

Zudem schätzt er den Austausch mit den anderen Spielern. «Es ist ja meist eine bunte Mischung aus Personen unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlichen Berufen und Wohnorten. Das macht das Spielen noch spannender. Ich mag das. Man kommt zusammen, um einer gemeinsamen Leidenschaft nachzugehen.

Auch von Grünigen ist überzeugt, dass Brettspiele heute stärker im Trend liegen als früher. «Anspruchsvolle Brettspiele, die früher eher Nerds zugeschrieben wurden, sind wie Comics und gewisse TV-Serien salonfähig geworden.» Wenn er Kollegen von den Treffen erzähle, dann fänden sie das meistens cool. «Viele fragen dann, was wir genau spielen und ob sie auch mal vorbeikommen können.»

André Martis Frau Michaela Tartnutzer versucht sich einen Tisch weiter mit Ronny Wolfram aus Walenstadt SG, Lydia Good aus Malix GR und Peter Felix aus Maienfeld GR am Vielspieler-Spiel «Terramara». Ziel ist es, einen Clan zu entwickeln und Länder zu entdecken, um mit anderen Dörfern handeln zu können und heilige Orte zu erreichen. Tartnutzer, die ebenfalls als Erklärbär arbeitet, hat «Terramara» mit ihrem Mann bereits zu Hause «angespielt», also kurz ausprobiert, um «ein Gespür dafür zu bekommen», wie die 44-Jährige sagt.

"Wir können bei jedem Treffen ein neues Spiel spielen. Das ist genial." Ann-Katrin Kienle ist regelmässig dabei.
«Wir können bei jedem Treffen ein neues Spiel spielen. Das ist genial.» Ann-Katrin Kienle ist regelmässig dabei.

Am dritten Tisch spielen die Churer Ann-Katrin Kienle und Marc Herter zu zweit «Welcome to your perfect Home». Dabei schlüpfen sie in die Rolle von Architekten in den USA, die mitten in der Babyboomer-Zeit Siedlungen, Parks und Pools bauen müssen.

Der Trend heisst «Room Escape»

Kienle und Herter sind im Internet auf die «Capricorns-Spielegilde» aufmerksam geworden. Kienle ist vor allem von der Auswahl begeistert: «Wir können eigentlich bei jedem Treffen ein neues Spiel spielen. Das ist genial.» Die beiden sind auch froh, dass Marti und Tartnutzer alle Spiele so gut kennen, dass sie sie gleich allen erklären können. «Es spart eine Menge Nerven, wenn wir uns nicht selber durch die Anleitung kämpfen müssen.»

Die beiden greifen zu einem weiteren Titel: «Exit, das Spiel». Es gilt, im Team möglichst schnell diverse Rätsel zu lösen, um einer Falle oder einem fiktiven Raum zu entkommen. Das Brettspiel ist dem Prinzip der «Room Escape Games» nachempfunden, also Gruppenspielen, bei denen man in einer bestimmten Zeit Aufgaben in einem Raum lösen muss, um das Spiel zu meistern. Laut Marti war dieser Trend auch auf der diesjährigen Spielemesse in Essen ein grosses Thema.

Es wird laut, und es wird gelacht im Jugendzentrum in Chur. Offenbar fördern die Spiele nicht nur halluzinogene Zustände, sondern auch die Ausschüttung von Glückshormonen. Und so wird es fast Mitternacht, bis auch der letzte Spielekarton wieder verpackt ist.

Weitere Informationen unter: capricorns-spielegilde.ch

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