11. April 2019

Dem Kind meinen Glauben vermitteln?

Eltern leben den Kindern ihre Werte vor – auch in Sachen Religion. Theologe Stefan Wartburg erklärt, wie auch ungläubige Eltern das Thema handhaben können.

dsvs

Wenn das Kind fragt, wer Jesus ist: Wie reagiert eine nichtgläubige Mutter?
Bevor Eltern Religionsfragen beantworten, sollten sie sich über die eigene Haltung klarwerden – umso mehr, als bei den Elternteilen oft unterschiedliche Vorstellungen zusammenfliessen und sie allenfalls eine gemeinsame Haltung definieren möchten. Es gibt Kinderbibeln, die helfen zu vermitteln, was Jesus wollte, was er tat, was seine Botschaft war.

Angenommen, man ist nicht religiös: Warum das Thema nicht anderen überlassen?
Wer einem Kind als Erster etwas vermittelt, nimmt eine entscheidende Position ein. Und wer auch immer sich danach zum Thema äussert, wird an der ersten Stimme gemessen und muss bei anderer Meinung gegenargumentieren. Wenn ich nichts zum Thema Religion und Glaube sage, verzichte ich auf die Position der Expertenstimme.

Wie erkläre ich das Zusammenspiel von Jesus, Gott und Heiligem Geist, wenn ich es selbst nicht verstehe?
Ich würde das so erklären: Es handelt sich um drei Wesenszüge derselben Person. Der Papi beispielsweise erzählt zu Hause wunderbare Geschichten, spielt mit seinen Freunden gerne Fussball und waltet im Büro als umsichtiger Buchhalter. Diese drei Aspekte gehören untrennbar zusammen.

In Kindergarten und Schule sind Ostern, Pfingsten und Weihnachten Thema. Wie sollen Eltern reagieren, wenn ihnen Erklärungen von Lehrpersonen missionarisch vorkommen?
Die Weltsicht in der westlichen Kultur ist christlich geprägt. Vielen unserer gesellschaftlich akzeptierten Werte liegt eine biblische Aussage zugrunde. So entspricht beispielsweise der Wert des Lebens dem fünften Gebot aus dem Alten Testament: «Du sollst nicht töten.» Laut Lehrplan 21 müssen Lehrpersonen religiös neutral sein. Doch niemand von uns ist gegenüber Werten neutral, das ist schlicht unmöglich. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern sich positionieren und den Kindern ihre Werte vermitteln.

Manche Kinder glauben, dass Jesus und der Osterhase gemeinsame Sache machen. Wie schaffe ich Klarheit?
Die Festlegung der Termine für christliche Feiertage ist das Ergebnis eines langen historischen Prozesses. So kommt es, dass heute Feste nebeneinander gefeiert werden, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten. Das trifft auch auf das christliche Auferstehungsfest und auf eins der heidnischen Frühlingsfeste zu: Die Auferstehung von Jesus hat nichts mit Schokoladenhasen zu tun. Es ist nicht hilfreich, diese Geschichten zu vermischen.

Angenommen, die Grosseltern halten es für zentral, dass ihre Enkel getauft werden, die Eltern möchten das aber nicht: Wie lässt sich hier vermitteln?
Es steht den Grosseltern nicht zu, den Eltern ihre eigene religiöse Tradition aufzuzwingen. Wenn Eltern sich nicht mit einer Taufe identifizieren können, wollen sie auch ihre Bedeutung nicht leben. Ich empfehle Eltern, ihre Argumente zu nennen und sich abzugrenzen, auch wenn das zu Spannungen führt.

Im Fach Religion und Kultur wird dem hinduistischen Gott Ganesha gleich viel Zeit gewidmet wie dem christlichen. Wie können Eltern reagieren, wenn sie finden, ihre kulturellen oder religiösen Werte sollten stärker gewichtet werden?
Sie sollen ihre Werte offenlegen und die Neugierde und den Wissensdurst der Kinder nicht abwürgen. Es ist wichtig, dass Eltern mit ihren Kindern im Gespräch bleiben und ihre Meinung einbringen, indem sie beispielsweise sagen: «Das ist eine mögliche Sichtweise. Ich sehe das anders, weil … » Kinder nehmen keinen Schaden, wenn sie andere Werte und Kulturen kennenlernen.

Soll man Kinder dazu ermutigen, den kirchlichen Unterricht zu besuchen und später selbst zu entscheiden, ob sie sich firmen oder konfirmieren lassen wollen?
Um eine eigene Position zu finden, muss man Erfahrungen machen. Wenn man mit Basketball oder Gitarrespiel liebäugelt, besucht man einen Kurs. Auch bei der religiösen Bildung scheint es mir wichtig, dass Kinder die Möglichkeit haben, ihre Haltung zu erkunden, indem sie etwa am kirchlichen Unterricht teilnehmen. So sammeln sie wertvolle
Erfahrungen, auf die sie später im Leben zurückgreifen können – auch wenn sie sich zwischenzeitlich von der Institution Kirche abgewendet haben.

Beim Thema Tod bieten Religionen Trost. Sollen säkulare Eltern sich darauf beziehen, auch wenn sie nicht daran glauben?
Die meisten Religionen sind mit Hoffnungen verbunden, die über das irdische Dasein hinausgehen. Auch bei diesem Thema sollten Eltern authentisch sein. Fehlt mir die Hoffnung, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, sollte ich das auch so sagen. Wenn der Hamster stirbt, wird es schon schwierig. Die wenigsten Eltern werden es übers Herz bringen zu sagen: «Das Tier ist nur noch eine Handvoll Biomasse.» Ich empfehle Eltern, sich Kinderbücher zum Thema Tod anzuschauen. Das hilft, die eigene Position zu schärfen und kindgerechte Worte dafür zu finden.

Stefan von Wartburg ist Berater bei Pro Juventute und evangelischer Theologe.

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