30. Juni 2017

Dekade der Zuversicht

Nach Jahren mit Krieg, Kummer und Entbehrungen begann in den 1950ern die Zeit des Wiederaufbaus, der Hoffnung, des Konsums und des wachsenden Wohlstands. Die Stimmung in der westlichen Welt war optimistisch, sagt der Philosoph Georg Kohler, ein gewaltiger Kontrast zu heute.

Migros-Schaufenster
In den 50er-Jahren füllten sich die Läden mit immer mehr Konsumgütern: ein Migros-Schaufenster
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Es kann nur besser werden. Das fasst die Haltung vieler Menschen in Westeuropa zusammen, die seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 kaum je anderes als Leid und Entbehrungen erlebt haben. Die funkelnde Konsumwelt der USA, ihr Sound und ihr Lebensgefühl wurden zum Vorbild, besonders für die Jungen. Haushaltsgeräte erleichterten das Leben der Frauen, Motorräder und ­Autos wurden zu Sehnsuchtsobjekten der Männer. Sogar Ferien am exotischen Mittelmeer waren plötzlich möglich.

«Schöner leben, mehr haben», bringt es Georg Kohler (72) auf den Punkt. Der emeritierte Professor für politische Philosophie an der Universität Zürich hat sich intensiv mit den 1950er-Jahren beschäftigt und betont auch die Schattenseiten: «Gleichzeitig kam der Kalte Krieg in Fahrt, und die Menschen sorgten sich vor einem neuen Konflikt – ­diesmal mit Atomwaffen.» Die Schweiz hat Bunker gebaut und jeden Nonkonformisten als potenziellen Kommunisten verdächtigt. «Die 50er galten deshalb auch als bleierne Zeit, wer sich nicht an die rigiden Regeln hielt, hatte ein Problem», sagt Kohler.

Der emeritierte Philosophieprofessor Georg Kohler hat sich intensiv mit den 50er-Jahren beschäftigt.

Der Zeitgeist jedoch war optimistisch: Man glaubte an eine erfolgreiche Zukunft, nicht zuletzt dank des technologischen Aufbruchs, dessen Möglichkeiten unbegrenzt zu sein schienen. Science-Fiction-Geschichten erlebten eine Blütezeit, und im deutschen Film wurde getanzt und gesungen («Wir Wunderkinder», «Die drei von der Tankstelle», «Wenn die Conny mit dem Peter»).

«Es kann nur schlechter werden», lautet das Motto heute

Welch ein Kontrast zu heute. Im Kino und Fernsehen werden laufend neue Varianten der Apokalypse durchgespielt, der technische Fortschritt gilt als potenzieller Jobkiller, der im Westen angehäufte Wohlstand scheint in Gefahr zu sein. «Es kann nur schlechter werden», lautet das Motto. «Gekippt ist es mit 9/11», sagt Kohler. «Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dem Ende des Kalten Kriegs, herrschte nochmals Optimismus. Man hoffte, dass die Welt nun zusammenwächst und ewiger Frieden herrscht.» Die Anschläge in New York beendeten diese Illusion. «Und die Finanzkrise 2007/2008 mit ihren wirtschaftlichen und politischen Folgen verdüsterten den Zeitgeist endgültig.»

Der Optimismus der 50er war in ­gewisser Weise gerechtfertigt – für viele im Westen wurde das Leben besser und besser. Wie gerechtfertigt ist der heutige Pessimismus? Georg Kohler hält die demokratischen Rechtsstaaten des Westens für stabil genug, um den Herausforderungen zu begegnen. «Es muss nicht zur Katastrophe kommen. Aber das bedingt, dass wir uns der Probleme annehmen und an Lösungen arbeiten.»

So berichtete der Brückenbauer in den 1950er-Jahren:

Ausgabe vom 7. November 1952 (z.B. über die «Telephonitis»)

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