15. Mai 2019

Dating mit Buch: schnell ausgelesen

Liebe via Literatur? Der Buchhändler- und Verleger-Verband wollte es wissen und lud zum Speed-Dating. Ein Flirtexperiment mit Buch – und der Aussicht auf eine Fortsetzungsgeschichte.

Haben sich über «Das letzte Testament» kennengelernt: Denise und Sean beim literarischen Speed-Dating
Haben sich über «Das letzte Testament» kennengelernt: Denise und Sean beim literarischen Speed-Dating

Rudi Dutschke? Muss ich den kennen?» – «Nein, nein.» – «Schauspieler? Politiker?» – «68er.» – «Okay. Das ist aber gar nicht deine Zeit.» – «Nein, ehrlich gesagt ist seine Biografie ­ das einzige Buch, das ich zu Hause habe.» Sven (38)* und Claudia (41)* lachen. Sein Geständnis bringt das Eis zum Brechen. Zum Glück, denn sie haben nur sieben Minuten Zeit, sich auszutauschen. Dann bimmelt es, und die Frauen rutschen einen Platz weiter. Speed-Dating eben.

«Men Without Women» und andere Storys

Es kommt wohl nicht oft vor, dass bei einem Speed-Dating über den deutschen Studentenführer Rudi Dutschke gesprochen wird. An diesem Abend im Papiersaal der Zürcher Sihlcity aber schon. 31 Männer und ebenso viele Frauen sind dem Ruf «Sag’s mit einem Buch» gefolgt. Eingeladen hat der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV). Für einmal soll ein Buch als Gesprächsgrundlage dienen: Den ersten Kontakt sollen die Frauen anhand eines der Titel wählen, die die Männer mitgebracht haben: Wie alt ist der Herr, der «Das letzte Testament» mitgebracht hat? Wie sieht der Typ aus, der «The Naked Ape» mitgenommen hat? Was will einer mit «Men Without Women» an einem Speed-Dating? Und wie tickt einer, der mit dem «Guinness-Buch der Rekorde» aufgetaucht ist?

Welcher Mann steckt hinter welchem Buch? Die Damen suchen sich ein Buch aus und damit den ersten Flirtpartner.

«Bücher sagen viel über ihren Leser aus», meint SBVV-Geschäftsführer Dani Landolf (51). «Wir alle kennen doch die Situation, wenn wir im Tram oder Zug auf einen Buchrücken blicken und uns Gedanken über die Person gegenüber machen.»

Anfänger im Speed-Dating

«Dein einziges Buch? Das ist sehr ehrlich», findet Claudia. «Dann musstest du wenigstens nicht lange überlegen.» – «Ja, ich lese lieber Zeitungen», erklärt Sven. «Für Bücher nehme ich mir zu wenig Zeit. Über Rudi Dutschke habe ich damals meine Maturarbeit geschrieben.» Sven und Claudia waren noch nie an einem Speed-Dating – das behaupten sie zumindest. Sven: «Würde ich eigentlich auch nie machen. Aber mit diesem Hintergrund fand ich es spannend. Da weiss man, dass man Leute trifft, die lesen, die Tiefgang haben, sich mit dem Leben beschäftigen. Nicht die Leute, die ständig auf Instagram sind und jedes Wochenende in drei Clubs abhängen.» Claudia stimmt zu. Es sind unter anderem Lehrer, Dozenten, Anwältinnen oder Zahnärzte, die sich zum schnellen Kennenlernen am Welttag des Buchs angemeldet haben, auf der Suche nach Liebe, Freundschaft und interessanten Gesprächen.

Chris hat den «Sturm im Goldfischglas» zum Dating-Anlass mitgebracht.

Claudias Buch handelt von Argentinien. «Warst du schon mal da?», will Sven wissen. «Ja, drei Mal. Ich war ab und zu als Pianistin auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs, und in Buenos Aires befindet sich der Umschlagplatz für Schiffe auf dem Weg in die Antarktis. Was machst du in deinem Leben?» Sven arbeitet bei einer Bank. «Da bin ich als Datenanalyst tätig. Die Arbeit ist sehr komplex, das mag ich», erklärt er, «vielleicht wie Bücher zu verkaufen, vielleicht wäre das auch was für mich.» Claudia widerspricht lachend: «Dafür müsstest du aber Bücher lesen.» Jetzt lachen wieder beide.

Ein Kreuzchen für «Gefällt mir»

Blumen und Kerzen schmücken die Tischlein im Papiersaal. Es ist laut. Dating-Atmosphäre? Na ja. Aber an keinem Tisch stockt das Gespräch. Auch da nicht, wo sich ein 35-Jähriger und eine 63-Jährige gegenübersitzen. Bei den einen bietet das Buch die Startrampe für ein persönliches Gespräch. Bei den anderen hilft es aus der Not heraus.

Der Ort des Geschehens: Der Papiersaal in Zürich lieferte die Bühne für einen Auftritt mit Buch.

«Und du arbeitest als Pianistin?», fragt Sven. «Ja, an der Hochschule und am Theater. Ach, jetzt ist die Zeit leider schon um. Wir müssen ein Kreuzchen machen. Nicht schauen!» Ja oder nein? Soll der Kontakt vertieft werden, oder war Rudi Dutschke doch die falsche Wahl? Tags darauf erfahren alle online, ob sich ein Match ergeben hat. Im positiven Fall können sie dann Kontakt aufnehmen. Und an einer gemeinsamen Geschichte weiterschreiben. * Vollständiger Name ist der Redaktion bekannt.

Infos zu Speed-Dating-Events: speeddating.ch

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