10. Oktober 2019

Das zweite Leben eines Moorgebietes

Im Berner Jura hat die Naturschutzorganisation Pro Natura ein todgeweihtes Moor gerettet. Jetzt erobern moortypische Blumen und ihre tierischen Begleiter das Gebiet zurück. Und es entsteht wieder Torf.

Bastien Amez-Droz beobachtet die Entwicklung  des Hochmoors von Les Pontins und seines Torfbodens
Bastien Amez-Droz beobachtet die Entwicklung  des Hochmoors von Les Pontins und seines Torfbodens.

Bedächtig schreitet Bastien Amez-Droz (36) durchs Dickicht, guckt links und rechts und gen Himmel. Vorsichtig schiebt er mannshohe Pflanzenstängel zur Seite, duckt sich unter Ästen durch, steigt über Wurzelwerk. Bei jedem Schritt produzieren seine Gummistiefel schmatzende Geräusche auf dem sumpfigen Boden. Das dschungelartige Stück Natur, das der Umweltingenieur begeht, befindet sich im Weiler Les Pontins über Saint-Imier BE, auf 1100 Metern.

Vor fünf Jahren war das Gebiet, etwa so gross wie sechs Fussballfelder, noch hoffnungslos überwuchert und als Moor ausser Funktion. Nun wächst die Landschaft wieder zu dem Hochmoor heran, das sie einst war.

Das Sumpfblutauge gedeiht nur im Hochmoor. In Les Pontins ist es zurück.
Das Sumpfblutauge gedeiht nur im Hochmoor. In Les Pontins ist es zurück.

Es gedeiht weiches Torfmoos und weinrotes Sumpfblutauge. Die Grosse Moosjungfer, eine Libelle, surrt schillernd über die Weiher, die Mooreidechse huscht durchs Unterholz. Wenn alles klappt, wird auch bald die Moosbeere – im Lebensmittelbereich als Cranberry bekannt – wieder hier wachsen. Und dann könnte sich auch der von ihr abhängige Hochmoorperlmuttfalter wieder niederlassen – ein Tier, das ausschliesslich in den Namen gebenden Gebieten vorkommt und nur noch selten gesichtet wird. Das liegt daran, dass man Moorlandschaften mit ihren typischen Torfböden in den letzten Jahrzehnten systematisch vernichtet hat, weltweit.

Torfböden schützen das Klima

Die Gelände wurden für Landwirtschaft und Siedlungsbau trockengelegt und der Torf zur Gewinnung von Heizmaterial sowie für den Gartenbau abgetragen, was massenhaft CO2 freisetzte. Eine 15 Zentimeter dicke Torfschicht kann so viel Kohlenstoff binden wie ein 100-jähriger Wald. Darum leisten Moore mit ihrem enormen Torfvorkommen einen so wichtigen Beitrag zum Klimaschutz

Moore speichern und filtern Wasser: Gelöste Schadstoffe werden durch die Torfbildung eingeschlossen
Moore speichern und filtern Wasser: Gelöste Schadstoffe werden durch die Torfbildung eingeschlossen.

Allerdings sind in der Schweiz nur noch wenige Hochmoore intakt. 90 Prozent sind seit Ende des 19. Jahrhunderts verschwunden. Vom Rest kann nur ein Teil gerettet werden, und eine Renaturierung wie die von Les Pontins ist ein Kraftakt: Dafür hat der Verein Pro Natura unter der Leitung von Bastien Amez-Droz fünf Jahre lang gearbeitet und 870 000 Franken ausgegeben – das ist allerdings nicht mehr, als ein mittelgrosser Strassenkreisel kostet. Gut 20 Fachleute waren involviert, unter anderem zwei Spezialisten für Hydrologie, die aus Dresden angereist waren.

Ohne Mensch gehts dem Moor besser

Schritt für Schritt machte das Expertenteam die Umweltsünden rückgängig. So wurden 2015 über 1000 Bäume entfernt, die dem Boden zu viel Feuchtigkeit entzogen. Dann schloss man breite Gräben, um Wasser zurückzuhalten, und legte schmalere an, um es so weit wie möglich im Moor zu verteilen. Über alles kam der Torf, den man wenige Meter nebenan ausgehoben hatte, um Weiher zu bilden. «Mindestens 200 Jahre halten diese Konstruktionen hoffentlich», sagt Amez-Droz.

Die Grosse Moosjungfer (Bild unten) ist hier bereits wieder anzutreffen.
Die Grosse Moosjungfer (Bild unten) ist hier bereits wieder anzutreffen.

Das ist eine kurze Spanne in der Existenz einer solchen Landschaft, die über zehntausend Jahre alt sein kann und dementsprechend die eine oder andere Überraschung konserviert. In Les Pontins etwa stiess man auf intakte Birkenholzstücke und Käferdeckflügel, die mehrere Tausend Jahre alt sind.

2016 wurde die Natur wieder sich selber überlassen. Seither wächst die Artenvielfalt. Bastien Amez-Droz geht langsam auf einen Teich zu, stutzt, guckt. «Eine Utricularia!» Der Wasserschlauch, eine zierliche gelbblütige Pflanze, hat sich gerade erst wieder angesiedelt. Auch die Torfschicht wird weiter wachsen, denn die Torfmoose verwandeln sich über die Jahrhunderte hinweg in diese einzigartige Erde.

Der Wasserschlauch (Utricularia) hat sich soeben wieder im Hochmoor Les Pontins niedergelassen.
Der Wasserschlauch (Utricularia) hat sich soeben wieder im Hochmoor Les Pontins niedergelassen.

Etwas schneller, nämlich 30 bis 40 Jahre, dürfte es gehen, bis die Vegetation wieder vollständig funktioniert. Gegen eine erneute Verbuschung lässt man im Sommer auf einem Teil des Moores schottische Hochlandrinder weiden. Nur Menschen wird man hier kaum je antreffen: Das Betreten des Hochmoors von Les Pontins ist der Öffentlichkeit vorerst nur im Winter erlaubt. Denn der Mensch kann für das Moor und die Artenvielfalt eine Bedrohung sein, wie man inzwischen weiss.

So sieht Torfboden in der Natur aus. Er speichert grosse Mengen an CO2.
So sieht Torfboden in der Natur aus. Dank dieser besonderen Erde sind Moore Klimaschützer: Sie binden grosse Mengen CO2. Eine Torfschicht von nur 15 cm kann so viel Kohlenstoff speichern wie ein 100-jähriger Wald.

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