11. Mai 2015

Das Velosolex knattert immer noch

Schnupftruckli, Nasenwärmer, das kleine Schwarze: Wer eins hat, findet nur liebevolle Kosenamen für sein Velosolex. Zu Besuch bei fünf angefressenen Fans des knatternden Kulttöfflis. Sind Sie stolze(r) Besitzer(in) eines Töff-, Velo- oder Autoklassikers und möchten es hier zeigen? Dann senden Sie uns ein Bild – oben bereits erhaltene Ansichten.

Tessenbergrennen
Ivo Fuhrimann sendet uns Bilder vom Solexrennen auf dem Tessenberg, das 2015 das 10. Jubiläum feiert. Hier im Bild der Start ...
Christof Kipfer in seinem Solexreich
Christof Kipfer in seinem Solexreich, der Werkstatt.

An freien Mittwochnachmittagen steckt Christof Kipfer (40) oft in seinem Keller in Thun BE und werkelt an einem Zweiradmotor. Nicht etwa, weil sich der Real­schullehrer wie seine Schüler im Frisieren übt. Nein, seine Töfflis sind nicht schnell, sondern vor allem schön – Kipfer ist Solexfan.
Das Velosolex ist der «Döschwo» unter den Motorrädern: in der Nachkriegszeit für viele erschwinglich und heute ein Kultobjekt. «Wenn ich mit meinem kleinen Schwarzen durch die Stadt fahre, freuen sich die Leute und winken mir zu», sagt der passionierte Hobbymechaniker. Überall werde er in Gespräche verwickelt und bekomme Anekdoten zu hören.

1941 montierten die beiden Inhaber des französischen Vergaserherstellers Solex, Marcel Mennesson und Maurice Goudard, den ersten Motor auf ein Herrenfahrrad – der Prototyp war geboren. 1946 ging dasVelosolex in Courbevoie bei Parisin Serie. 1950 wurden bereits 44 000 Stück produziert. Das Velo mit Hilfsmotor, wie die neue Fahrzeugkategorie genannt wurde, bestach durch Sparsamkeit und Robustheit. Bald verlieh ihm der Volksmund wegen des Motors auf dem Vorderrad den Spitznamen «Nasenwärmer».

Christof Kipfer, Elisa Christina (8), Sarah Carolina (4) und Anna Julia (6, von links) posieren auf einem «Dreirad Lieferwagen», basierend auf Modell 3800 – ohne Helm. In Fahrt tragen alle immer einen Kopfschutz.
Christof Kipfer, Elisa Christina (8), Sarah Carolina (4) und Anna Julia (6, von links) posieren auf einem «Dreirad Lieferwagen», basierend auf Modell 3800 – ohne Helm. In Fahrt tragen alle immer einen Kopfschutz.

Sein erstes Velosolex fand Kipfer vor rund zwölf Jahren per Inserat in einem Altersheim. Es war eine Hassliebe: «Was habe ich geflucht über diese Maschine. Nichts lief, wie ich wollte, ich war völlig überfordert.» In Mechaniker Ulrich Hofer aus Kirchberg BE fand er einen Mentor, der ihm so manchen Trick verriet.

Heute muss Kipfer nicht mehr lange überlegen, wenn er einen neuen «Patienten» auf die kleine Hebebühne in seinem Keller stellt. Systematisch wie ein erfahrener ­Sanitäter untersucht er das Gefährt: Springt der Motor an? Funktioniert die Benzinpumpe? Sind die Leitungen frei? Ist die Zündkerze intakt?

Schrauben gegen den Schulstress

Wie viele Oldtimerfans ist auch Christof Kipfer ein leidenschaftlicher Schrauber und Tüftler. Eine Leidenschaft, die moderne Fahrzeuge nicht befriedigen können: «Die Roller, die man heute kauft, sind eigentliche Computer.» Darum könne man sie gar nicht mehr flicken, sondern müsse immer gleich ganze Bausätze austauschen, wenn etwas kaputt ginge.

Die Rarität in Christof Kipfers Sammlung: Modell 5000 in Blau von 1974.
Die Rarität in Christof Kipfers Sammlung: Modell 5000 in Blau von 1974.

Im und um das Chalet von Christof Kipfer stehen immer ein paar Solex, die darauf warten, repariert zu werden: «Mechanische Herausforderungen sind Wellness für meinen Kopf.» Beim Schrauben könne er sich bestens vom Schulalltag erholen. Oft wird er auch von anderen Velosolexfans kontaktiert, wenn es darum geht, technische Probleme zu lösen oder an Ersatzteile zu gelangen. Da ihm die Anrufe mit der Zeit zu viel geworden sind, bietet er heute über eine liebevoll gestaltete Homepage Ersatzteile, Hintergrundwissen und Adressen von Velosolexspezialisten an.

Ein Blick auf die Seite lohnt sich auch wegen der Bildergalerie mit historischen Werbeplakaten sowie diversen Solexmodellen – vom ersten Prototyp über das Faltsolex bis zum neuen E-Bike Moustache. Letzteres ist kein Benziner und somit kein echtes Solex, kommt aber im Retrolook daher und ist aktuell im Handel. Es gilt als Velo und darf ohne Helm gefahren werden.

Schätzungsweise sechs Millionen Velosolex wurden bis zum Produktionsstopp im Jahr 1988 insgesamt hergestellt. Wie viele davon heute noch im Verkehr sind, weiss niemand. Sicher aber ist: Die Liebe zum Knattertöffli wirkt verbindend. In der Schweiz gibt es gleich mehrere Vereine, die sich zu Ehren des Solex gebildet haben. Die Aargauer Solexfreunde etwa, der Velosolex-Club Emmental oder der Velosolexclub-Nordwestschweiz. Letzterer organisiert übrigens in Pratteln BL Anfang September die Schweizer Meisterschaft im Velosolexrennen.

Der Solexrocker

Markus Blaser (47) hat einst auf dem Bau gearbeitet, musste sich aber wegen gesundheitlicher Probleme beruflich neu orientieren. Als Autodidakt ist er vor zehn Jahren zum Zweiradmechaniker geworden und betreibt nun eine Werkstatt in einem Einfamilienhausquartier in Thierachern bei Thun BE.

Mit seinem Look würde Markus Blaser auch gut auf eine Harley passen. Er zieht das Solex­Modell 3800 mit Baujahr 1975 vor.
Mit seinem Look würde Markus Blaser auch gut auf eine Harley passen. Er zieht das Solex-Modell 3800 mit Baujahr 1975 vor.

Sein erstes Solex hat er bereits vor 20 Jahren repariert. Wenn er neben Citybikes und Motorrollern wieder mal ein Velosolex in Reparatur hat, nimmt er sich jeweils speziell viel Zeit: «Dieses Gefährt ist wie ein Schnupftruckli.» Etwas Kleines und Schönes, wie eine Schnupftabakdose eben, das man einfach gern haben müsse. «Jede Schraube ist speziell, und der Motor ist sehr sensibel und reagiert sogar aufs Wetter.»
Mit den Jahren habe er gelernt, welches «Tschädere» das richtige sei – und wie er den Motor mit feinen Justierungen in die perfekte Tonlage bringe. Der urchige Berner schwärmt von der einfachen und doch verlässlichen Technik des Velo-Moto-Oldtimers: «Da ist kein Schnickschnack dran.» Sondern einfach das, was dran sein müsse, damit man mehr oder weniger schnell von A nach B kommt. Einst geriet Blaser mit seinem Knattermotor sogar in eine Rockerparade. Die Grossen wussten das Solex zu würdigen und nahmen es für ein paar Kilometer in ihre Mitte.

Der Töfflibub

Randy Bryner (18) aus Wildegg AG wurde die Liebe zum Velosolex praktisch in die Wiege gelegt:Sein Vater ist gelernter Zweirad­mechaniker und besitzt eine Corvette. Seine Mutter fährt einen «Döschwo» und liebt Antiquitäten.

Jugend schützt vor dem Solexfieber nicht: Randy Bryner auf seinem mit viel Liebe restaurierten Erbstück.
Jugend schützt vor dem Solexfieber nicht: Randy Bryner auf seinem mit viel Liebe restaurierten Erbstück.

Als sein Grossvater starb, erbte er dessen alten «Nasenwärmer», Modell 1400, Baujahr 1958. Zudem hatte der Töfflibub Glück mit seinem Sekundarschullehrer, der ihm erlaubte, sich im Rahmen der Abschlussarbeit mit der Restauration des Erbstücks zu beschäftigen.

Als 15-Jähriger zerlegte er das Solex komplett, putzte, kontrollierte und lackierte – und schaffte es schliesslich auch, den Oldtimer wieder so zusammenzubauen, dass er munter drauflosknatterte. «Ich finde es einfach faszinierend, wie etwas, das so alt ist, noch so gut funktionieren kann», schwärmt der Teenager.
Das Solex beruhe im Vergleich zu heutigen Motorrädern auf einer relativ einfachen Technik. Das habe den Vorteil, dass man noch schrauben und flicken könne.

Inzwischen hat Randy Bryner sein Hobby zum Beruf gemacht und ist im 3. Lehrjahr zum Polymechaniker. Mit seinem Hang zum Perfektionismus und der Liebe zum «Schrübele» ist er für seinen Lehrmeister wahrscheinlich ein Traumstift.

Das Geniesserpaar

Jürg Finger (63) und seine Lebenspartnerin Nina Züchner (48) tuckern mit ihren beiden Solex jeden Dienstagabend von ihrem Wohnort Suhr AG in die Altstadt von Aarau, um sich mit ihren Freunden zu treffen: «Unsere Töfflis wollen regelmässig bewegt werden, und die rund drei Kilometer sind eine ideale Distanz.» Obwohl Jürg Finger in der Chirurgie arbeitet und ein Flair für Präzisionsarbeit hat, wagt er sich bei Defekten nicht selber an den Motor. «Das Schrauben und Tüfteln ist nicht mein Ding. Das überlasse ich lieber den Profis. Die können das besser.»

Jürg Finger und Nina Züchner führen ihre 3800er immer am Dienstagabend aus.
Jürg Finger und Nina Züchner führen ihre 3800er immer am Dienstagabend aus.

Für ihn ist das Solex einfach ein schönes Objekt, verbunden mit Geschichte und Charakter – und vergleichbar mit der Breitling an seinem Handgelenk und dem MG in seiner Garage. Fingers Freundin, eine Deutsche mit asiatischen Wurzeln, hat keine Kindheitserinnerungen an das Solex, mag aber den Lifestyle, der auf dem motorisierten Zweirad mitfährt: «Genuss und Gemütlichkeit.» Sie hat ein Körbchen auf den Gepäckträger ihres Modells geklemmt und es mit Trauben und einer Baguette aus Plastik sowie einer Weinflasche und zwei ausgestopften Schachteln Käse gefüllt.

IHR TÖFF-, VELO- ODER AUTOKLASSIKER

Besitzen auch Sie ein Ihnen besonders ans Herz gewachsenen Modell mit zwei oder vier Rädern, das mindestens 25 Jahre alt ist? Dann senden Sie uns bis zum 25. Mai 2015 ein JPG-Bild (mindestens 700 Pixel breit) Ihres Kultgefährts an onlineredaktion@migrosmedien.ch – mit Ihrem Namen, Wohnort, dem Jahr der Anschaffung und kurz, was es Ihnen bedeutet.
Wir veröffentlichen Einsendungen innert Kürze an dieser Stelle.

Fotograf: Michael Sieber

Benutzer-Kommentare