24. September 2012

«Das Thema betrifft auch uns Männer»

Bernhard und Jennifer Russi unterstützen die Schweizer Krebsliga im Kampf gegen Brustkrebs. Genauso wie vier weitere Schweizer Sportler, flankiert jeweils von einem weiblichen Familienmitglied.

Bernhard und Jennifer Russi
«Es nützt nichts zu hoffen, dass es einen nie trifft»: Jennifer und Bernhard Russi waren in der eigenen Familie mit mehreren Fällen von Krebs konfrontiert.

Bernhard Russi, warum beteiligen Sie und Ihre Tochter Jennifer sich an der diesjährigen Brustkrebs- kampagne?

Aus Solidarität und weil das Thema alle betrifft. Auch uns Männer. Als Mann muss man beim Thema Brustkrebs gedanklich ja zuerst eine gewisse Hürde überspringen. Ich wollte mit jemandem posieren, für den das ganze Thema noch weit weg ist. Darum war klar, dass meine Tochter Jenny mit mir hinsteht.

In der Schweiz erkranken jedes Jahr rund 5500 Frauen und 40 Männer an Brustkrebs. Immer noch sterben zehn bis zwanzig Prozent der Patienten. Ist es für Männer ein noch schwierigeres Thema, weil es sie so viel seltener trifft?

99 Prozent der Männer sind wahrscheinlich überrascht zu hören, dass sie überhaupt Brustkrebs bekommen können. Ich wusste es vorher ja auch nicht. Aber es ist eigentlich logisch, weil Krebs sich überall platzieren kann.

Jennifer, Sie sind erst 20. Konnten Sie anfangs mit dem Thema überhaupt etwas anfangen?

Ich kannte die Plakate der früheren Kampagnen, wusste also ungefähr, was auf mich zukommt. Es ist eine gute Sache, für die ich gerne hinstehe — und ich finde es cool, etwas gemeinsam mit meinem Daddy zu machen.

Sie wagen nun quasi offiziell den Schritt an die Öffentlichkeit. Haben Sie davor Bammel?

Überhaupt nicht. Ich versuche mich selbst zu sein, und gemeinsame Fotos hat es auch schon bei anderer Gelegenheit gegeben. Viel weiter habe ich mir das eigentlich gar nicht überlegt.

Ist für eine junge Frau wie Sie das Thema Krankheiten weit weg?

Ganz und gar nicht. Nicht nur ich, mein ganzer Kollegenkreis befasst sich oft damit. Es nützt nichts zu hoffen, dass es einen nie trifft. Jeder ist früher oder später mit Krankheit in irgendeiner Form konfrontiert. Auch ich. Meine Grossmutter und eine Tante mütterlicherseits haben Brustkrebs.

Damit haben Sie ebenfalls ein erhöhtes Risiko. Macht Ihnen das Angst?

Es belastet mich nicht im Alltag, zeigt mir aber, wie wichtig es ist, regelmässig zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen.

Bernhard Russi, Ihr Vater starb an Krebs.

Ja, er hatte Knochenkrebs.

Sind Sie deshalb gefährdeter als andere?

Das weiss ich nicht, und es interessiert mich nicht. Was nützt mir statistische Theorie? Wenn es heisst, einer von soundso vielen Tausenden stirbt daran, nützt mir das persönlich ja gar nichts. Ich kann einer davon sein — oder auch nicht. Das Leben ist ein Risiko.

Verantwortet man seine Gesundheit ein Stück weit selber?

Gewisse Krankheiten bekommt man wohl einfach, da kann man noch so gesund leben. Dazu gehören viele Krebsarten. Ich bin kein Chorknabe, führe also ein normales Leben. Dazu gehört aber, dass man sich ab und zu fragt, wo man zu weit geht — oder wo man allenfalls noch etwas Gas geben könnte.

Jennifer Russi
Jennifer Russi (20)

Zum Beispiel mit mehr Sport?

Bewegung ist für mich das A und O und in meinem Blut. Ich muss mich nicht überwinden, um Sport zu treiben. Im Gegenteil. Wenn ich drei Tage nichts gemacht habe, werde ich ungeniessbar. Ich habe zwar ein paar kleine Nachwehen meiner Sportkarriere. Zum Beispiel die Kniegelenke. Joggen ist also nicht ideal für mich. Aber ich gehe Velo fahren, Indoor- oder Outdoorklettern oder ab und zu auch in den Kraftraum.

Wann ist Ihr Vater gestorben?

1975 — und als ältester Sohn wurde ich damit so was wie das Familienoberhaupt. Ich hatte im entscheidenden Moment als Erster Kontakt mit dem Arzt und trug es relativ lange mit mir selber herum. Der Vater wollte nicht darüber sprechen — es war eine andere Zeit —, und ihn interessierte nur, ob die Sache ansteckend ist oder nicht. Von allem anderen wollte er nichts wissen, zumindest gab er sich so. Er wollte auch nicht, dass sich die anderen Familienmitglieder ängstigten. Darum schwieg ich, obwohl ich vom Arzt wusste, wie es wirklich um ihn stand.

Wie lange lebte er noch nach der Diagnose?

Etwa ein Jahr. Von dem Moment an, als klar war, dass nichts mehr zu retten war, ging es noch sechs Wochen. Zu diesem Zeitpunkt musste ich meine Brüder und meine Mutter informieren. Ich sagte es nicht allen gleichzeitig, sondern jedem separat.

Geht man heute anders mit der Krankheit um als zu jener Zeit?

Das denke ich schon. Die Medizin kommuniziert viel offener. Wie meine Tochter sagte, es bringt nichts, es zu verschweigen. Man muss den Tatsachen ins Auge schauen und dann versuchen, die Lebensqualität von Tag zu Tag zu steigern. Das ist das Einzige, was wir noch machen können. Ich kenne etliche Leute, die sich sagten, okay, ich habe Krebs. Man kann das behandeln, aber vielleicht nicht heilen. Viele schafften es in diesem Moment, neue Prioritäten zu setzen und eine ganz neue Lebensqualität zu gewinnen. Nicht nur für sich selber, auch für ihr Umfeld. Diese Menschen lebten dann nur noch zwei, drei oder fünf Jahre. Aber es waren für sie und ihre Angehörigen extrem gute Jahre.

Gerade weil sie sich bewusst wurden, dass die Zeit beschränkt ist?

Niemand kennt sein Schicksal und niemand weiss, wie sein Ende aussehen wird. In diesem Bewusstsein ging ich mit der Situation um. Ich sagte damals zu meinem Vater, wir wüssten ja beide nicht, ob ich nicht doch noch vor ihm gehen müsse. Das war nicht nur tröstend gemeint, sondern ist realistisch. Schliesslich steigen wir alle täglich in Autos, gehen über Strassen und benutzen Flugzeuge. Wir steigen Treppen rauf und unter — und fahren Skirennen. Statistisch ge- sehen steigert das die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passieren kann, ungemein.

Jennifer Russi, was tun Sie für Ihre Gesundheit?

Ich stelle mir regelmässig einen Sportplan zusammen und hänge ihn auf. Aber ich bin inkonsequent. Oft bleibt es beim Plan, obwohl ich sehr gern Sport treibe. Vor allem Tanzen. Streedance, Hip-Hop, Steppen und Jazztanz habe ich schon probiert. Oft kollidieren die Kurse mit der Arbeit für die Schule. Im Gegensatz zu meinem Vater jogge ich sehr gern, wenn auch selten mehr als fünf Kilometer.

Wie sieht es mit Skifahren aus?

Bernhard Russi: Da kann ich antworten. Sie geht nur, wenn die Sonne scheint. Sie ist eine Schönwetterskifahrerin.

Bernhard Russi (64) mit seiner Tochter Jennifer Russi (20)
Obwohl Bernhard Russi findet, ein Vater müsse Limiten 
setzen, ist er für Tochter Jennifer der beste Daddy der Welt.

Warum sollte jemand auf die Piste, wenn es schneit und hudelt?

Des Skifahrens wegen! Aus Freude an der Bewegung, weil es beste Schneeverhältnisse hat und weniger Leute auf der Piste.

Jennifer Russi, müssen Sie gesünder leben, weil Ihr Vater eine Sport-Ikone ist?

Ich bin eine ganz normale Durchschnittsjugendliche. Zwar keine Heilige, die nur zu Hause sitzt und Wasser trinkt. Aber ich habe mich immer gut unter Kontrolle, weiss, was ich vertrage und was nicht. Ich gehe selten in Klubs. Diese aufgetakelte Szene mag ich nicht so. Mir fehlt auch die Geduld, mich stundenlang zu stylen. Am liebsten sitze ich gemütlich mit Kollegen zusammen. Gerne auch draussen im Wald. Da darf es auch mal ein Bier sein.

Bernhard Russi, nehmen Sie Ihre Tochter mit zu Promianlässen?

Ja, und zwar sehr gern, aber selten. Dann gibt sie sich sogar Mühe und sucht sich ein schönes Kleid aus, und ich bin stolz auf sie. Meine Frau hat ein gutes Gespür, wann es wieder mal an der Zeit ist, dass statt sie die Tochter mitgeht. Das letzte Mal war an den Sport Awards Ende 2011.

Mussten Sie ihr wie viele Eltern auch 1000 Franken versprechen, wenn sie bis zum 20. Geburtstag nicht raucht?

Das Geld konnten wir uns sparen. Sie musste nichts versprechen, was ich ziemlich cool fand. Darauf bin ich stolz. Jenny ist konsequent in gewissen Dingen. Grad wenn es um Rauchen, Alkohol oder Drogen geht. Wobei ich nicht annehme, dass dies einzig unser Verdienst als Eltern ist, schliesslich muss jeder junge Mensch für sich selber entscheiden. Wir leben es bloss vor. Niemand von uns raucht, und wir konsumieren keine Drogen — auch keine Partydrogen.

Auch nicht als junger Mann?

Ich gebe zu, ich probierte einmal Marihuana. Das klappte aber nicht, weil ich nicht wusste, wie man raucht.

Wo war das?

In Denver. Joe Cocker stand auf der Bühne, und neben mir wurde eine Zigarette herumgereicht. In meiner jugendlichen Naivität dachte ich, sie teilten, um Geld zu sparen. Also nahm ich auch einen Zug, konnte aber nicht inhalieren. Darum passierte gar nichts. Ich trank dann drei Bier, das reichte auch.

Geben Sie Ihrer Tochter Tipps, wie man mit den Verlockungen umgehen soll?

Es nützt nichts zu sagen, du sollst oder du musst. Meine Frau Mari und ich sind uns einig: Man greift das Thema auf und diskutiert es, spricht aber keine Verbote aus.

Es ist eine gute Sache, für die ich gerne hinstehe.


Jennifer Russi

Er ist der beste Daddy der Welt …

Jennifer Russi: Stimmt. Früher schrieb ich ihm das oft auf kleine Zeichnungen.

1975 starb mein Vater an Krebs. Als Ältester wurde ich so was wie das Familienoberhaupt.


Bernhard Russi

Skilegende, Geschäftsmann und Vater Bernhard Russi gehörte in den 70ern zu den besten Abfahrern. Er gewann Gold an den Olympischen Spielen in Sapporo 1972 und wurde zweimal Abfahrtsweltmeister. 1970 und 1972. Bis heute ist der Urner einer der bekanntesten und beliebtesten Schweizer überhaupt. Er
ist Werbebotschafter verschiedener Marken, Co-Kommentator beim Schweizer Fernsehen und technischer Berater des Weltskiverbandes (FIS). Bernhard Russi gehört dem Verwaltungsrat der Andermatt Swiss Alps AG an, die das Tourismusresort des Ägypters Samih Sawiris plant. Russi hat einen 32-jährigen Sohn aus erster Ehe und Tochter Jenny aus der Ehe mit der Schwedin Mari Bergström. Jennifer, 1992 geboren, macht die Matur an der Fachmittelschule in Wettingen AG und möchte Schauspielerin werden.

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